Kreuzberger Chronik
April 2019 - Ausgabe 208

Herr D.

Der Herr D. und die Kiezqueen


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von Hans W. Korfmann

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Vom falschen Umgangston

Der Herr D. hatte die Kiezqueen, wie die stets vornehm gekleidete Dame von alten Bergmannsträßlern in Zwiegesprächen gerne genannt wurde, lange nicht gesehen. Dabei war ihre auffällige Erscheinung eigentlich nicht zu übersehen: Sie trug stets kräftige Farben und aufregende Muster, schritt jugendlich forschen Schrittes inzwischen auf die 80 zu und trug eine Frisur, die auch 2019 noch ein bisschen an die blonden Türme der Sechzigerjahre erinnerte. Ihre äußere Hülle hatte also etwas Zeitloses, sie umwehte ein Hauch von Unsterblichkeit. Nun aber war bereits ein halbes Jahr vergangen, ohne dass er ihr beim Einkaufen, auf dem Weg zur Post oder in ihrem Stammcafé begegnet wäre, und der Herr D. nahm an, dass auch diese junge Frau sich dem Naturgesetz des Werdens und Vergehens nicht hatte widersetzen können.

Als sie kürzlich im Café saß, als sei nichts gewesen, setzte er sich zu ihr und sagte: »Na, haben Sie ne ausgiebige Kreuzfahrt gemacht?«

»Schön wärs!«, sagte sie. »Das war die Hölle.«

»Erzählen Sie!«

Da erzählte die Dame, dass sie vor einem halben Jahr im Ärzte- haus bei der Röntgenärztin war, die ihr einen Befund aushändigte, der eindeutig zu sein schien. Die Hausärztin tat ihre Pflicht. Ein halbes Jahr lang schluckte die Patientin Krebsmedikamente, machte ihr Testament, ging kaum noch Kaffee trinken und dachte an Selbstmord. Dann stellte ein Professor im Urbankrankenhaus fest, dass es sich um eine Fehldiagnose handelte.

»Und da bin ich also zu der Röntgenärztin und hab ihr den Befund auf den Tisch gelegt. Ich bin ja Berlinerin, mit mir nicht! Die hättest du sehen sollen! So was von unfreundlich! Ja, und? Wollen Sie mich jetzt verklagen oder was? Kein Wort der Entschuldigung! Nur zickig! Aber ich bin ganz ruhig geblieben: Habe ich vielleicht irgendetwas von einer Strafanzeige gesagt? Aber vielleicht könnten Sie etwas freundlicher sein und sich einfach mal entschuldigen.

Nichts! Stattdessen fing sie an, mich auszufragen, woher ich den Professor kennen würde. Und wie ich dazu käme, ein anderes Gutachten einzuholen. Können Sie sich das vorstellen? Aber dann hat sie mich bis zur Tür gebracht, quer durchs Wartezimmer, und als sie mir am Ende die Hand reicht, fragt sie noch mal: Sie denken also nicht an eine Strafanzeige?«

Die Dame sah den Herrn D. an. Ihre Wangen glühten so rot wie die des Mädchens auf dem Etikett des Rotkäppchensaftes. »Irren kann sich jeder,« sagte sie und steckte sich eine Zigarette an. »Aber eine Entschuldigung ist doch das Mindeste. Tut mir leid, hätte nicht passieren dürfen.... Stattdessen überlegt die, wie teuer die Verhandlung ist!«

Dem hatte der Herr D. nichts hinzuzufügen. •

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