Kreuzberger Chronik
September 2018 - Ausgabe 202

Kreuzberger
Marco Saß

Unser Familienleben fand hinterm Tresen statt


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von Eckhard Siepmann

Titelfoto: Holger Groß

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Es waren die 70er-Jahre in West-Berlin. Wenn Marco nach der Schule die Potsdamer Straße entlang nach Hause lief, befand er sich schon fast im Niemandsland. Wenige hundert Meter weiter Richtung Nordosten verlief die Mauer. Die »Potse«, einst hochherrschaftliche Prachtmeile zum verkehrsreichsten Zentrum Europas, war schäbig geworden. Nur wenige, durch den Straßenstrich angezogene Autos krochen an den breiten Bürgersteigen mit den abgewrackten Stundenhotels und Zockerbuden vorbei. Heruntergekommene Imbissbuden lagen auf Marcos Heimweg. Gegen-über vom Druckhaus Mercator, in dem »Tagesspiegel« und »Abend« noch per Bleisatz produziert wurden, bog er in die Nummer 96 ab. Hinter dem plakatbeklebten Entree lag das Foyer mit dem Tresen, an dem sein Vater Manfred schon die ersten Biere für frühe Gäste zapfte.

Mutter Christa war - falls der Abend vorher ein langer und wilder war - noch mit dem Saubermachen beschäftigt oder schmierte Brötchen für die Musiker. Dazwischen krächzte der Papagei Loretta, und die beiden Schäferhunde strolchten zwischen den Stühlen des großen Saals umher, in dem das Equipment für das Konzert des nächsten Abends aufgebaut wurde. Hier, im verrauchten Dunkel des legendären Quartier Latin, neben Stammgästen und Musikerlegenden wie Champion Jack Dupree und Nina Hagen, die sich am Tresen fläzte und laut Autogramm Marco dem »einsamen boy für immer troy« sein wollte, machte der Junge seine Hausaufgaben und hörte den Storys und Verhandlungen - »mit einfachem Handschlag ging alles!« - der Erwachsenen zu.

Kindheit unter Musikern


Foto: Privatarchiv
Das Heimweh hatte Christa Saß 1972 zum Umzug in ihre Heimatstadt Berlin bewogen. Sohn Marco war da gerade sieben Jahre alt, an Hamburg erinnert er sich kaum mehr. Zufällig stieß der Vater auf eine Anzeige, in der das damals von einem Studentenkollektiv betriebene Gegenkulturzentrum Quartier Latin zur Pacht angeboten wurde. Begeistert von der lebendigen Stimmung und dem plüschigen Trödel-Ambiente ging er nach drei Wochen alkoholreicher Kneipen-Prüfung den Pachtvertrag ein. Bis 1989 sollte die glamouröse und arbeitsreiche Verbindung halten.

Wenn Marco Saß über seine Kindheit und Jugend im Musikladen an der Potsdamer Straße erzählt, gerät er weder ins Schwärmen noch in Selbstmitleid. »Es war halt normal, dass meine Eltern keine Zeit für Sonntagsausflüge hatten und ich für mich selbst verantwortlich war. Und leider habe ich die Bedeutung der vielen Jazz- und Rockstars, die damals bei uns ein- und ausgingen, nicht so richtig mitgekriegt, so`n Gil Evans oder `n Chet Baker, dafür war ich einfach noch zu jung. Trotzdem bin ich sozusagen mit Rock´n´Roll groß geworden.«

Seine Mutter allerdings verabscheute den Krach der elektrischen Gitarren, dennoch kümmerte sie sich rührend um die Musiker. Auch »Manne«, der Vater, hatte keine Ahnung von Musik und stand als Seefahrer von der Waterkant musikalisch eher auf Hans Albers, aber er war offen für alles, was Umsatz und Kneipenleben bereicherte. Und da er mit dem Quartier Latin nicht nur den urigsten Musikladen West-Berlins übernommen hatte, sondern auch Stammgäste wie Klaus Achterberg, den Musikjournalisten, und Giorgio Carioti, den Quasimodo-Betreiber, die zeitweise als Programmdirektoren fungierten, traten je nach Vorliebe Jazz-, Blues-, Rock-, Folk- und Deutsch-Rock-Formationen, später Punk- und New Wave-Gruppen auf. Der große, schmuddelige, immer saukalte Saal mit Trödel-Outfit und chaotischer Technik fasste tausend Leute und war Heimat der Berliner Musikszene, aber auch Treffpunkt international angesagter Künstler. Für die gab es anfangs nicht mal eine Garderobe oder eine Toilette hinter der Bühne. Da wurde in den Eimer gepinkelt, und der Zugang für Künstler erfolgte durchs Gerümpel über die Garage. Und dennoch: Wer im Quartier Latin auftrat, war geadelt.

Foto: Privatarchiv
»Champion Jack hat zum Beispiel insgesamt 186 Mal im Quartier gespielt, bis ganz zum Ende. Und gewohnt hat er auch oft bei uns, der gehörte zur Familie. Klavierunterricht hatte ich bei Alexander von Schlippenbach. Wurde aber nix draus.« Da der Familienbetrieb chronisch improvisiert und pleite war, musste Marco mit ran, wenn jemand ausfiel. »Es war auch ein endloses Hin und Her zwischen finanziellen Sorgen und Überarbeitung. Man stelle sich den riesigen Laden mal vor! Dann der Ärger wegen der maroden Heizungsanlage, wegen des Lärms mit dem benachbarten Pfarrer, Bußgelder ... immer gab es was.«

Marco kam durch den Ausfall eines Mitarbeiters schon mit dreizehn an den Pizzaverkauf. »Wir und das Ali Baba hatten ja die erste Minipizza in Berlin für 1,50 DM das Stück. Fritz hat oben im ersten Stock im Restaurant die Pizza gemacht, die war stadtbekannt. Als Zapfer musste ich auch immer mal einspringen, wenn jemand ausfiel.« Und morgens früh ging es in die Sophie-Scholl-Schule. »Ich kam eigentlich nie zu spät, auch wenn sich niemand darum kümmerte. Eigentlich war ich eher ein Eigenbrötler. Mit Gleichaltrigen hatte ich nicht soviel zu tun. Außer mal Flipper und Billard mit Schulfreunden spielen, das war ein Highlight für die. Und ab und zu besorgte ich auch Freikarten, das war natürlich cool.« Andere Gegenden von Berlin kannte Marco damals kaum, die Potse war seine Heimat. Nur wegen der Schäferhunde kam er als Kind ab und zu nach Kreuzberg: Die Mutter schickte ihn zum Frischfleischkaufen in die Marheinekehalle, zum Tierfutterstand Serno.

Faszination Technik

Foto: Privatarchiv
Marco hatte das Glück, dass ein Lehrer ihn unterstützte, als er mit 15 Jahren anfing, Musiker zu fotografieren. Ein Fotograf und Zapfer hatte ihn darauf gebracht. »Schwarz-Weiß natürlich. Nachts das Konzert fotografieren, dann Film und Fotos entwickeln, um sie morgens früh zum Tagesspiegel oder zur Morgenpost zu bringen, und dann schnell in die Schule...« Es entstanden dichte, atmosphärische Zeitdokumente und Portraits. Trotzdem gelang ihm 1983 ein gutes Abitur, nur wusste er nicht so recht, was er damit tun sollte.

Wieder einmal war es einer am Tresen, der ihm den entscheidenden Tipp gab. »Studier` doch Veranstaltungstechnik an der TFH!«, schlug Achterberg vor. Das war es! Technik hatte ihn schon immer interessiert, und das marode Chaos vor und hinter der Bühne musste doch auch anders gehen. Mittlerweile war das Quartier Latin mit Senatszuschuss saniert. Nichtsdestotrotz blieb es der Berliner Kultladen mit simplem Equipment und extremem Stilmix. Neben der Free Jazz-Reihe »Total Music Meeting« lief der Senatsrockwettbewerb. Die Drucker von gegenüber trafen sich zum Streikmeeting, ein Wunderheiler mietete sich für eine Woche ein. Manfred Maurenbrecher, Andi Brauer und Hans Hartmann, David Bowie als Gast, Einstürzende Neubauten und Ash Ra Tempel, Kraan, Memphis Slim, Albert Mangelsdorff, Archie Shepp, John Lee Hooker, Udo Lindenberg, Ton Steine Scherben, Lüül, Lok Kreuzberg, das furios-magische Debüt der Nina Hagen-Band, die Ärzte, Nena und die Eurythmics. Die 3 Tornados, der wahre Heino Norbert Hähnel mit seiner Fun-Punk-Show und Instandbesetzer-Soli-Konzerte, Guru Guru... - eine erstaunliche Liste. Und das alles ohne Security und nur mit einfachstem Bühnenzauber, ohne Vergleich zum heutigen Rock´n´Roll-Technik-Zirkus!

Heimat Kreuzberg
Marco aber wurde Diplom-Ingenieur und zog 1988 nach Kreuzberg in die Schleiermacherstraße. »Und von hier werde ich nie wieder wegziehen!« Auch wenn er zwischenzeitlich in Planungsbüros, an verschiednesten Veranstaltungsorten und an der Beuth-Hochschule tätig war und ist und seit zehn Jahren am Hans-Otto-Theater in Potsdam als Betriebsingenieur arbeitet, ist er immer wieder froh, in seinem Kiez zu sein. »Potsdam ist eine komische Stadt. Da wollte ich nicht leben. Irgendwie künstlich.« In Kreuzberg hat er sein Erwachsenenleben gelebt, eine Familie gegründet, eine Tochter und zwei Enkel, »die mal den ganzen Kram erben werden und sich damit rumschlagen können.« Mit dem Kram meint er die Bilder, Zeitungsartikel..., Erinnerungen....

Manne und Christa gaben das Quartier 1989 kurz nach dem Mauerfall wegen immenser Mieterhöhung ab, die Ansprüche an Veranstaltungsorte waren viel professioneller geworden, alles wurde Business. Für die 90er hätten die Kraft und das Improvisierte nicht mehr gereicht. Ein mehrtägiges rauschendes Fest war der Abschluss. Die 3 Tornados übernahmen den Ort für zwei Jahre, dann machte ihn André Heller zum Wintergarten-Varieté, das es noch heute gibt. Also was sollen die Enkel nun erben? Marco lächelt etwas verstohlen. »Na, seit fast dreißig Jahren arbeiten wir an einem Buch über das Quartier Latin, über den Spirit der 70er und 80er in West-Berlin. Immer wieder kam das Leben dazwischen, aber jetzt ist es fertig.«

Das Buch

Foto: Privatarchiv
Damals nach der Wende in der Kreuzberger Kneipe »Enzian« des wahren Heino wurde die Idee geboren. Ein stadt- und musikgeschichtliches Buch über eine besondere Berliner Ära aus dem Erinnerungsschatz von Zeitgenossen. Knapp vierhundert Seiten dick, mit Marcos Fotos, mit Texten des Musikjournalisten Henry Steinhau und vieler Musiker und Gäste, der Sammlung von Klaus Achterberg, der Gestaltung von Erik Spiekermann und unzähligen, über die Jahre zusammen- gesammelten Plakaten, Eintrittskarten, Live-Platten – manche bereichert durch die Schreie des Papageis Loretta - sowie der kompletten Liste aller jemals gelaufenen Konzerte und Veranstaltungen. Und dazu die akribisch erkundete Geschichte des Hauses - Lipperheide´sches Palais, Lichtspieltheater Biophon und Ballhaus Veilchen. »Recherchieren kann ich jetzt und bin zum Sammler von Flachware geworden. An mir ist echt ein Archivar verloren gegangen. Das hätte mir richtig Spaß gemacht«, meint Marco Saß mit ernsthafter Miene. Als Techniker, Frühaufsteher und passionierter Archivar ist er so gar nicht in die Fußstapfen seines Vaters getreten und bewahrt mit dem Buch doch dessen Erbe. Wochen und Monate verbrachte er in Bibliotheken und Museen. »Das Buch musste wie oller Käse oder Whiskey mit der Zeit reifen.« Und sogar das Pizzarezept ist mit drin!

»Let´s shake a beer, now´n´here« war Champion Jack Duprees Tresenspruch. Am 24. September wird, hic et nunc, im Wintergarten noch einmal eine einzigartige Party gefeiert - mit vielen, die schon damals auf oder vor der Bühne standen. •


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