Kreuzberger Chronik
September 2018 - Ausgabe 202

Geschichten & Geschichte

Der Tag danach


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von Esther Blumberg

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Was genau am 3. Februar in der Ritterstraße Nummer 75 geschah, ob sich die Arbeiter aus den Betrieben in die Keller flüchteten und verschüttet wurden, weiß niemand mehr. Wahrscheinlich aber standen nach dem Bombenangriff auch vor den Trümmern dieses Hauses die Menschen und suchten nach Angehörigen. Die Bilder dürften jenen ähneln, die wir heute von den Medien aus Syrien oder Afghanistan erhalten. Auch vom 3. Februar 1945 gibt es Bilder, doch sie wirken neben den Schilderungen der Überlebenden blass. Einige dieser Schilderungen hat das Kunstamt Kreuzberg in Zusammenarbeit mit dem Kreuzberg-Museum anlässlich des 50. Jahrestages des Angriffs in einer Broschüre veröffentlicht. Viele von ihnen beschreiben die zerstörte Ritterstraße.

Da erzählt ein Mädchen, das gerade von der Schule kommt und in die Ritterstraße möchte, als der Alarm ertönt. Sie kann mit der Mutter gerade noch in den Keller flüchten, dann bricht das Haus über ihnen zusammen. Sie müssen den Durchgang zum Keller der 109 aufbrechen, um herauszukommen. »Als wir dann draußen waren, wurden wir rübergeschleust zur Urbanstraße, wo ein Auffanglager eingerichtet worden war. Da kam dann alles zusammen. Jeder vermisste einen, wusste nicht, wo er war. Das klärte sich dann alles erst am nächsten Tag, als man auf die Suche ging. Ich dachte, da liegen lauter verbrannte Balken herum, aber das waren gar keine Balken, das waren verbrannte Menschen. Das waren alles meine Schulfreunde, die dort in der Gegend wohnten!«

Auch eine Ecke weiter, in der Wassertorstraße, standen die Leute auf der Straße und weinten. »Meine Mutter wollte mich zurückhalten, aber als 13-Jährige war man ja neugierig und ging hin. Da war ein riesengroßer Berg, da lag Wellblech oder Blech drauf und es stank fürchterlich. Und da waren das alles verbrannte Tote. Die Menschen suchten an diesen verbrannten Körperteilen, die da so lagen, nach irgendetwas, das sie erkennen konnten. Und ich vergesse nie, dass eine Oma ihr Enkelkind fand. Sie untersuchte einen verbrannten Leichnam und erkannte am Kettchen ihren Enkel wieder.

Und auf der anderen Seite, wo die Häuser noch standen, stand ein Soldat mit einem amputierten Bein, der rief: Meine Familie wohnt hier, wo ist denn meine Familie? Da sagt eine Frau: Du kannst doch reingucken, ist alles kaputt im Keller! Und da saß die ganze Familie, ein kleiner Junge, ein kleines Mädel und die Mutter, wie wenn sie schliefen, und die Lungen waren geplatzt. So war es im ganzen Viertel.«

6000 Besucher sahen 1995 die Ausstellung des Kreuzberg-Museums zum Bombenangriff, und noch immer, fünfzig Jahre danach, waren Menschen, die den 3. Februar miterlebt hatten, den Tränen nahe. Sie hatten, wie es im Vorwort heißt, »die traumatischen Erinnerungen nach einem halben Jahrhundert noch nicht verarbeitet.« •


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