Kreuzberger Chronik
September 2018 - Ausgabe 202

Hausverbot

Der alte Mann und der Wirt


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von Hans W. Korfmann

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Herr Muratidis ist ein freundlicher, älterer Herr. Er besitzt ein kleines Lokal in einer kleinen Straße in Berlin, mit karierten Tischdecken, alten Gaslaternen und Kopfsteinpflaster vor der Tür. Seit dreißig Jahren schenkt er den Nachbarn Retsina ein, grillt Souflaki und Lammkoteletts. Ganz am Anfang, als Herr Muratidis gerade aus Thesaloniki angekommen war, sagten die Nachbarn, wenn sie abends essen gingen: »Wir gehen heute mal zum Griechen.« Heute sagen sie: »Wir gehen zu Kyriakos.«

Kyriakos ist ein Wirt alter Schule. Er sitzt am Tisch beim Ausgang, so wie in den alten Garküchen Athens, wo alle Wirte an einem kleinen Tischchen bei der Tür saßen, die Rechnung schrieben und das Geld einsammelten. Niemand entkam, ohne zu bezahlen.

Und niemand kam herein, ohne eine kurze Begutachtung über sich ergehen lassen zu müssen. Auch der Alte nicht, der eines Tages vor Muratidis´ Taverne auftauchte. Er sah weder besonders nett noch besonders zahlungskräftig aus, ein bisschen zu ungepflegt und ein bisschen zu neugierig sah er sich im Lokal um und wählte dann einen Tisch nah beim Ausgang. Der Wirt zwirbelte seinen Bart und beschloss, diesen Gast persönlich zu bedienen.

Er bestellte ein Tsatsiki, zwei Souflaki, dann eine Extraportion Pommes und einen Bauernsalat, und am Ende einen Nachtisch. Zu allem jeweils ein Glas Wein. Kyriakos Blicke verfolgten ihn dabei mit misstrauischem Schmunzeln. Der Mann schien einen gesegneten Appetit und viel Zeit zu haben. Als am Abend der Schichtwechsel anstand, erhob sich der Wirt abermals von seinem Platz an der Tür und bat den Gast, abrechnen zu dürfen. Doch der begann zu protestieren, behauptete, er sei eingeladen, und weigerte sich, zu bezahlen.

Griechische Wirte sind anders als deutsche Wirte. Sie belästigen die örtliche Polizei nicht mit solchen Lappalien, sondern nehmen ihre Gäste beim Hemd und ziehen sie vor die Tür hinaus. Schlägereien im Gastraum sind tabu, es geht zu viel Geschirr in die Brüche.

Kyriakos Muratidis ist ein freundlicher älterer Herr, er hat schon viele Leute zum Essen eingeladen, aber diesem Mann würde er jetzt mit einem gezielten Fausthieb ein für alle Mal Hausverbot erteilen. Doch als er in sein Gesicht sah, zögerte er. Der Altersunterschied war zu groß. »Ich kann doch nicht meinen eigenen Vater schlagen!«, murmelte er vor sich hin und sah beschämt zu Boden.

Im selben Moment traf ihn ein heftiger Schlag auf die Nase. Zwei Sekunden später lag der Wirt der Taverna Dimokritos auf der Straße mit den Gaslaternen und den karierten Tischdecken und sah, wie der Zechpreller über das hübsche Kopfsteinpflaster davonlief. Er kam nie wieder – obwohl Kyriakos gar nicht mehr dazu gekommen war, das Hausverbot auszusprechen. •


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