Kreuzberger Chronik
September 2018 - Ausgabe 202

Geschäfte

Best Supermarkt


linie

von Sybille Matuschek

1pixgif
Früher wohnten in den Straßen Kreuzbergs viele Türken, und überall gab es türkische Gemüsehändler, die ihre Steigen auf die Straße stellten. Die meisten von ihnen waren Familienbetriebe, Nachbarn, mit denen sich auch alteingesessene Kreuzberger über das Wetter und die steigenden Mieten unterhalten konnten. Die Türken sind der steigenden Mieten wegen inzwischen fast alle ausgezogen, und die kleinen Familienbetriebe sind türkischen Unternehmen gewichen, die gleich mehrere Filialen in mehreren Stadtvierteln besitzen. Die Preise unterscheiden sich kaum noch von denen deutscher Supermärkte, die billigen Tomaten und Gurken »beim Türken« gehören der Vergangenheit an. Im Gegenteil: Der türkische Supermarkt, der vor einiger Zeit am Mehringdamm, Ecke Bergmannstraße mit Sonderangeboten und bunten Luftballons feierlich eröffnete, schien in der Folge Erbsen und Bohnen mit Gold und Silber zu verwechseln.

Vielleicht war es diese Fehleinschätzung, weshalb der Supermarkt nun den Besitzer wechseln musste. Seit einigen Tagen steht also Best Supermarkt über dem Eingang - eine Formulierung, die sowohl den türkischen und den deutschen als auch den Berlinbesuchern aus aller Welt verständlich sein müsste. Eine kritische Beobachter skeptisch stimmende Formulierung, die allerdings von der Wahrheit weniger weit entfernt zu sein scheint, als man bei der unbescheidenen Ankündigung und dem wahrscheinlich kaum reflektierten Gebrauchsdes Superlativs vermuten dürfte.

Die Tomaten und Gurken kosten nicht mehr als bei Aldi, im des Deutschen liebsten Supermarkt! Darüber hinaus aber bieten die Regale alles, was das orientalische Herz begehrt: Bulgur, Reis, rote Linsen, grüne Linsen und Kichererbsen, Kaffee, Tee und Kräuter, Nudeln aus Italien und Nudeln aus der Türkei. In der Gefriertruhe gibt es Fisch und Muscheln und orientalisches Gemüse, das Lamm in der Vitrine der hauseigenen Metzgerei hat eine gesunde und kräftige Farbe. Es gibt getrocknete und hübsch verpackte Feigen und die üblichen Knabbereien, Kürbiskerne und Erdnüsse für den Fernseher. Lauter leckere Lebensmittel zu Preisen, die allen anderen Lebensmittelhändlern in der Stadt ein Dorn im Auge sein müssen. Selbst das Touristenangebot ist günstig. Die kleine Flasche Mineralwasser im Kühlschrank an der Kasse kostet 39 Cent. Zehn Meter weiter, beim Imbiss, kostet sie zwei Euro. Kein Wunder, dass nicht nur die cleveren Kreuzberger Hausfrauen, sondern auch die Touristen hereinkommen. Denn während sie bei Netto & Co für eine Flasche lauwarmes Wasser stundenlang an der Kasse stehen, gibt es hier nie menschliche Warteschlangen. Und niemanden, der mit der Karte zahlen möchte. •


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg