Kreuzberger Chronik
Oktober 2018 - Ausgabe 203

Kreuzberger
Miriam Kilali

Berlin war eine einzige Spielwiese für uns


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von Eckhard Siepmann

Titelfoto: Edith Siepmann

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Es ist Mitte 2007. Im Obdachlosenheim Schöneweide arbeiten Männer, deren Gesichter von Armut und vom Alkohol gezeichnet sind, gemeinsam mit einer zierlichen, jüngeren Frau an der Entfernung des heruntergekommenen Fußbodens. Alles ist voller Dreck und Staub. Die verklebten alten Fliesen müssen auch noch weg, die Rohre sind desolat. Eineinhalb Jahre später stellen Bischof Wolfgang Huber, der CDU-Abgeordnete Friedbert Pflüger und Christoph Tannert, Chef vom Künstlerhaus Bethanien, das Kunstprojekt »Reichtum« von Miriam Kilali der Öffentlichkeit vor.

Was ist geschehen? Das marode Haus hat sich durch die Arbeit der Künstlerin und seiner Bewohner in das »schönste Obdachlosenheim der Welt« verwandelt. Angelehnt an italienische Paläste mit Kronleuchtern und Brokattapeten, hellen Räumen und neuen Möbeln, Bildern in opulenten Rahmen und Gold an den Geländern wirkt das Haus überaus prächtig. Dabei hat die ganze Aktion gerade mal 140.000 Euro gekostet und wurde mit Stipendien, Spenden und viel Eigenarbeit verwirklicht. Peter Sternberg, einer der langjährigen Bewohner, der dem Projekt erst skeptisch gegenüber stand, empfängt selbstbewusst seine Besucher: »Kommse rin, ick bin jetze reich!«

Miriam Kilali meint dazu: »Das ist eine Art von Reichtum, die mit Wertschätzung zu tun hat. Wir haben zusammen einen Ort geschaffen, der durch seine Schönheit inspiriert und Kraft gibt für ein neues Lebensgefühl.« Kilali ist fest davon überzeugt, dass dieser Ort sich positiv auswirkt und auch jenen Energie gibt, die eigentlich schon aufgegeben haben. Tatsächlich schlug das Projekt Wellen bis in den Kongo, nach Tokio, Australien und Jordanien. Die Bewohner sind stolz auf ihr Zuhause, kamen darüber erstmals in Kontakt mit Nachbarn. Sogar Verwandte, die sie längst abgeschrieben hatten, meldeten sich wieder. Den ersten Teil ihrer Trilogie »Reichtum« hatte Miriam in Moskau in einer Notunterkunft verwirklicht - mit ebenfalls großer positiver Resonanz. Der dritte Teil soll in einer Suppenküche in New York folgen. »Ich hoffe, dass andere diese Impulse aufnehmen und Ähnliches anfangen.«

Miriam Kilali wuchs im erzkatholischen Mainz auf, gemeinsam mit Bruder, Mutter und deren Lebensgefährten. Ihren Nachnamen hat sie vom algerischen Vater, den die Mutter, eine intellektuelle Lehrerin und Politikerin, in Frankreich kennenlernte. Die Familie trennte sich, als sie fünf Jahre alt war. »Ich kann mich nur schemenhaft an damals erinnern, meinen Vater traf ich erst als Erwachsene in Tunesien wieder. Ein schöner Mann.« Es waren erfreuliche Tage mit dem Vater und ihren beiden neuen, so andersartigen Halbbrüdern; aber danach gab es nur noch sporadischen Kontakt. Die nordafrikanische Linie hat sie auch nicht wirklich geprägt. »Vielleicht bin ich etwas sensibler, was Vorurteile gegenüber Menschen anderer Herkunft betrifft.«

Stärker beeinflusst dagegen haben sie »die Nachbarn von unten« im Mainzer Wohnhaus. Sie waren Berliner, und die kleine Miriam liebte den schnodderigen Dialekt. »Das fand ich großartig, das war schon damals wie Heimat.« Gleich bei ihrem ersten Besuch in Berlin mit 14 hat sie sich in die Stadt verliebt. »Ich wusste sofort, da will ich hin!« Es waren der Gegensatz zum betulichen Leben in der als spießig empfundenen Kleinstadt, die offen liegende Historie und das Gefühl von Freisein, die sie in der Großstadt spürte. Und so zog sie 1984 nach Berlin und besuchte fortan eine Schule in Charlottenburg, wo »mit den Lehrern geredet und diskutiert wurde. Das kannte ich aus Mainz überhaupt nicht.« Später zog sie in eine Wohnung in Kreuzberg 36. »Kreuzberg war aufregend für mich, Bolle brannte, man fuhr durch die düsteren Geisterbahnhöfe, da lagen die Brachen, die Mauer. Berlin war eine einzige Spielwiese für Wessis wie uns.«

Um Geld zu verdienen, arbeitete Miriam zunächst als Schneiderin im Theater, was ihr auf die Dauer zu viel Handwerk und zu wenig Kontakt mit dem echten Leben war. Aber sie konnte zeichnen. Schon als Kind malte und bastelte sie ständig. Ein Bildhauer ermutigte sie, ein Kunststudium an der HdK zu beginnen. Schon damals interessierte sich Miriam für eine Kunst, die die Öffentlichkeit mit einschloss. Eine Kunst im öffentlichen Raum, aber nicht »Kunst am Bau«, sondern mitten rein ins Leben und teilhaben an der sozialen Verantwortung. Nicht nur klagen und anklagen, sondern selbst als Künstlerin Impulse setzen und die Umgebung und die Welt selbst mit anderen neu erschaffen. Es gab da einen Master-Studiengang »Partizipation«, mit dem sie ihre Künstler-Ausbildung abschloss. Raus aus dem goldenen Käfig der Kunst, rein ins Leben!

Miriam Kilali sieht die Aufgabe der Kunst darin, gesellschaftliche Missstände anzuprangern, will es aber damit nicht belassen und Anregungen geben zu Diskussionen und positiven Veränderungen. Ihr Projekt »On air«, das sie 2010 in Mainz durchführte, polarisierte die Menschen ebenso, wie es sie zusammenführte. Mit ihrem charismatischen Wesen schaffte Miriam Kilali es, den katholischen Pfarrer, den muslimischen Gemeindeleiter und den Leiter des Kunstvereins in Mainz von einer gemeinsamen Aktion zu überzeugen: im Wechsel ertönten sporadisch für sechs Tage die Glocken des römischen Petersdoms und die Muezzin-Rufe der Istanbuler Blauen Moschee vom Glockenturm einer Innenstadtkirche. Das führte zur Verwunderung und Irritation der Passanten, dann aber zu Diskussionen über das Miteinander von Christen und Muslimen in Stadt und Land. Wir leben zusammen, aber wie? Mit-, neben- oder gegeneinander? Es war eine mutige Aktion gegen Feindbilder, die durch Überraschung einen Dialog ermöglichen sollte. Sie erhielt Hassbriefe, aber auch viele positive Reaktionen, sogar die Vatikanpresse berichtete.

Seit vielen Jahren wohnt Miriam Kilali nun schon in der Mittenwalder Straße. Manchmal wundert sie sich, »wie schnell sich unser altes Rentner-Kreuzberg verändert. Ich finde die vielen jungen Leute auf den Straßen erfrischend, auch, dass wieder neue lebendige Treffpunkte entstehen.« Aber die Kommentare auf einer Bürgerversammlung anlässlich der Begegnungszone Bergmannstraße enttäuschten sie: »Da beschwerten sich Kreuzberger Neubürger von der Art der Selbstoptimierer über die Bettler und Obdachlosen vor Edeka. Die sollten verschwinden. Und es gab kaum Widerspruch. Die wollten einfach alles glatt und schön bügeln, anstatt etwas für die Leute zu tun!«

Ihr Atelier hat sie seit einem Jahr in den Mühlenhaupt-Höfen in der Fidicinstraße. »Das ist noch ein Stück altes Berlin. Ein genialer Ort.« In dem kleinen weißen Raum mit dem großen Fenster auf den Hof arbeitet sie fast jeden Tag an ihrem neuen Projekt. Wieder einmal geht es um das Verschmelzen der okzidentalen und der orientalischen Sphäre. Eines ihrer Hauptthemen. Mit Farbstiften verbindet sie barocke und arabische Ornamentik und löst die Elemente ineinander auf. Es sind zaghafte Andeutungen, die in ihrem Verschmelzen symbolisch etwas Großes und Schönes entstehen lassen können. Die unterschiedlichen Kulturen beeinflussen und bereichern sich schonseit Jahrtausenden, aber heute sind es oftmals wieder die Konfrontation, das Separieren, sogar Hass, die die Oberhand gewinnen. Miriam setzt dagegen das Zarte, das Verbindende, das Offene. Ihre künstlerische Arbeit ist sozusagen quantenphilosophisch – wir haben mit kleinsten Mitteln hunderttausend Möglichkeiten und die Freiheit, etwas zu tun, um unser Leben zu verändern.

Miriam Kilali befasst sich schon seit langem mit den verschiedenen philosophischen und religiösen Weltanschauungen und zieht den Schluss, dass es am Ende immer die Halbwahrheiten sind, die als Weltbild zementiert zu gefährlicher Totalität führen. Aber alle Religionen sind interessant und können, miteinander verknüpft und verbunden, dazu beitragen, dass wir auf diesem Planeten als Menschen in Freundschaft miteinander leben - trotz aller Unterschiede.

So gibt es in Miriams Kreuzberg immer noch die Verknüpfungen der verschiedenen sozialen und kulturellen Identitäten. Nicht separiert in Ghettos, sondern nebeneinander, bestenfalls miteinander. Ihr Leben in Kreuzberg ist für sie immer noch bestimmt durch die Freiheit, so sein zu können, wie man gerade will. Dass keiner guckt, wie und in welcher Stimmung man rumläuft. Dem Klischee nicht entsprechen zu müssen. Noch Nischen zu finden jenseits der Verwertbarkeit.

In fünf Jahren in Moskau merkte sie allerdings, wie trügerisch das Selbstgefühl selbst der Kreuzberger ist. Sie trat den Russen nicht ohne Vorurteile gegenüber, fühlte sich besser organisiert und überlegen. Dann aber merkte sie, wie viel lockerer die Menschen dort waren. Die urdeutsche Miriam wollte alles durchplanen, während die Russen viel cooler und lustiger herangingen. Sie ließen die Dinge auf sich zukommen. Im Herzen nahm sie ein Stück des russischen Organisationstalentes mit zurück nach Berlin. Sie weiß jetzt aus eigener Anschauung, wie lächerlich es ist, zu glauben, Deutschland oder Berlin seien so etwas wie der Nabel der Welt.•





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