Kreuzberger Chronik
Oktober 2018 - Ausgabe 203

Briefwechsel

Na dann gute Nacht!


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von Michael Becker

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M. Becker zu »Der Herr D. kapituliert.« , Nr. 202

Nicht nur die Cafébesitzerin des Herrn D. hat Ärger mit dem Ordnungsamt. Auch Ladenbesitzer, vor deren Ladentür ein Baugerüst steht, bekommen manchmal Ärger. Für Ladenbesitzer ist so ein Gerüst eine richtige Katastrophe: Es verschreckt Kunden und verursacht wirtschaftlichen Schaden. Also ist ein Baugerüst gar nicht lustig!


Ein solches Baugerüst ist im April in der Bergmannstraße aufgestellt worden. Die Inhaberin des Ladens hatte im Einvernehmen mit dem Eigentümer des Hauses und der Baufirma das Baugerüst »dekoriert«. Allerdings hatte sie die Rechnung ohne das Ordnungsamt gemacht, das auf seinem Rundgang die vermeintliche Ordnungswidrigkeit in allen Einzelheiten dokumentierte und ein Verfahren einleitete. Da die Ladenbesitzerin schon einmal mit den Mitarbeitern des Ordnungsamtes in Streit geraten war - wegen einer Stelltafel, auf der sie täglich den »Spruch des Tages« veröffentlichte – handelte es sich um eine »Wiederholungsordnungswidrigkeit« - was das Bußgeld erheblich erhöhte.

Sachstand ist: Unter einem Baugerüst darf nichts sein außer dem Müll und dem Dreck der Baustelle. Um sich um den auf Gehsteigen und Straßen lagernden Müll zu kümmern, fehlt es dem Ordnungsamt allerdings in der Regel am Personal. Da ist der Besuch bei der einschlägig bekannten Ladenbesitzerin doch wesentlich kurzweiliger und führt zudem zu einem erhöhten Bußgeld, wegen der Wiederholungen. Dass das Ordnungsamt damit die durchaus ästhetische Umgestaltung der Baustelle zu einer Art Kunstprojekt zunichte macht, fällt niemandem auf. Es geht dem Ordnungsamt eben um Ordnung und nichts als Ordnung.

Zwar kann uns die Willkür des Ordnungsamtes kaum mehr erschüttern, allerdings erhält das neuerliche Ärgernis durch den Beginn der Testphase »Begegnungszone Bergmannstraße« besonderes Gewicht: Im Oktober nämlich sollen eine ganze Reihe sogenannter Parklets auf der Fahrbahn installiert werden, Sitzgelegenheiten für müde Fußgänger. Den ohnehin schon überlasteten Mitarbeitern des Ordnungsamtes fällt die Aufgabe zu, auf den neuen Bänken in der Straße für Ruhe und Ordnung zu sorgen, während ihnen im Rahmen der gleichzeitig startenden »Parkraumbewirtschaftung« auch noch die Kontrolle der Parkvignetten obliegt. Es ist anzunehmen, dass das Kontrollorgan mit dieser Fülle an Aufgaben schlicht überfordert ist, und dass neben dem Verteilen der lukrativen Knöllchen an den Windschutzscheiben keine Zeit bleibt, um für Ordnung zu sorgen und gegen die ausufernde Vermüllung und wild abgestellte Fahrräder und Motorräder vorzugehen.

Deshalb sollen nun die Gewerbetreibenden aufgefordert werden, Patenschaften für die Parklets zu übernehmen. Wir sollen uns also selber kümmern. Aber noch ist ungeklärt, was eine solche Patenschaft beinhalten könnte. Und wenn dann am Ende des Tages das Ordnungsamt diese Inhalte bestimmt – na dann Gute Nacht, siehe oben! M. Becker

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