Kreuzberger Chronik
Oktober 2018 - Ausgabe 203

Kanzlei Hilfreich

Hilfreich und die Hausratsteilung


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von Kajo Frings

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Der Gymnasiallehrer Albert Reichert und Paula, die Leiterin der Rechtsabteilung des Bezirksamtes Kreuzberg, waren ein glückliches Ehepaar. Aber es ging ihnen schon manchmal aufs Gemüt, dass ihre Seitenflügelwohnung sehr dunkel war und der Hof so eng, dass man dem Nachbarn gegenüber, dem Anwalt Jens Hilfreich, ins Wohnzimmer schauen konnte. Und der ihnen in ihres. Zum Glück gab es 1987 die Internationale Bauausstellung, und sie hatten im Herbst 1986 eine Wohnung im Erdgeschoss des Hauses am Fraenkelufer ergattert, das von dem Architektenehepaar Hinrich und Inken Baller gebaut worden war. Wände und Balkone waren zwar krumm, aber das Haus hatte großflächige Fenster und verglaste Türen. Jens half beim Umzug in die neue Wohnung, die sowohl lichtdurchflutet als auch hellhörig war. Das sollte sich rächen.

Albert Reichert kam im Frühjahr 1987 - für einen aufsichtsführenden Lehrer auffällig gut gelaunt - von einer Abitur-Klassenfahrt aus Spanien zurück. Den ganzen Tag dudelte »La Isla Bonita« von Madonna durch die Wohnung. Paulas Verdacht, dass das irgendetwas mit der Lehramtsanwärterin zu tun hatte, die ebenfalls auf der Klassenfahrt gewesen war, erhärtete sich, als die Lärmfolter mit Whitney Houston und »I wanna dance with somebody« fortgesetzt wurde. Da half nur eins: »Selbsthilfe«. Sie zerbrach die beiden CDs und warf sie in Alberts Arbeitszimmer. Albert rief sofort bei Jens Hilfreich an und bat um einen Antrag auf Erlass einer Einstweiligen Verfügung. Jens schien die Situation noch zu harmlos für eine gerichtliche Auseinandersetzung. Daraufhin zerdepperte Albert Paulas Lieblingsvase aus Murano-Glas. Sie schredderte daraufhin seine Beatles-Sammlung. Selbst jetzt weigerte sich Jens Hilfreich, juristischen Beistand zu leisten, nunmehr mit dem Einwand bzw. der Ausrede, dass er doch mit den beiden nahezu befreundet sei.

Am nächsten Abend klingelte das Telefon in Jens‘ Wohnung: Paula war am Apparat, mit den Nerven völlig fertig. Vor etwa einer Stunde hätte die Nachbarin an der Türe geklingelt und um Backpulver gebeten. Albert hätte der Nachbarin ein Päckchen rübergebracht, aber den Wohnungsschlüssel auf dem Küchentisch liegen gelassen. Da hätte sie, Paula, die Chance auf eine Nacht ohne Streit genutzt und die Wohnungstür geschlossen. Und dann sei Albert in den Hof gegangen, habe wie selbstverständlich die Verandatür eingetreten und sei durch die Scherben in sein Zimmer gegangen. »Bitte«, flehte Paula, »auch wenn ich weiß, dass ihr Männer immer zueinander haltet, sag mir, was ich machen soll.« Im Hintergrund lief nun »Tango in the night« von Fleetwood Mac. Jens legte alles Mitgefühl, zu dem er fähig war, in seine Stimme: »Tut mir leid, da rufst du den Falschen an. Ich bin Anwalt, nicht Glaser.« •


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