Kreuzberger Chronik
Oktober 2018 - Ausgabe 203

Geschäfte

Luccico


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von Ina Winkler

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Luccico ist ein italienisches Adjektiv, das etwa so viel bedeutet wie »glänzend« oder »funkelnd«. Außerdem gibt es ein Schuhgeschäft namens Luccico. Es scheint auf den ersten Blick etwas zu schick für eine Straße, in der in den Achtzigerjahren Leute in Latzhosen und kaputten Turnschuhen mit wenig Geld, aber außergewöhnlichen Ideen die Ärmel hochkrempelten und außergewöhnliche Läden eröffneten. Luccico sieht eher aus wie eines dieser neuen Geschäfte in der Bergmannstraße: Ein durchgestylter Schauraum, in dem die Schuhe so selbstbewusst auftreten, als seien sie seltene Exponate in einem Museum oder einer Kunstausstellung. Mit dem Klischee der mit billigen Schuhkartons vollgestopften Schuhgeschäfte hat Luccico nichts zu tun.

Sieben Varianten eines Modells

Dennoch ist dieser Laden etwas besonderes. Er sieht nur so aus wie einer der üblichen Designerläden auf Kreuzbergs kleiner Goldmeile. Gunhild Poprawka ist keiner jener Zuwanderer, die vom Glanz des Labels Bergmannstraße etwas abhaben wollen. Sie ist eine jener, die sie zum Glänzen brachte. Die in den Achtzigern die Ärmel hochkrempelte und einen Laden eröffnete.

Schon 1977 reiste sie von Münster, »einem mit Bibeln bedeckten Misthaufen«, nach Berlin, um die Jugend in Kunst und Biologie zu unterrichten. Aber die Schule war »nicht ganz das Richtige«, weshalb sie nebenbei mit Freunden einen Comic-Laden eröffnete. Aber auch die Comics waren nicht ganz das Richtige. »Ich mochte eigentlich gar keine Comics!« Für ihre Freunde war es das Richtige, »Grober Unfug« in der Zossener Straße gibt es heute noch. Die Lehrerin allerdings zog ein paar Straßen weiter bis zum Mehringhof und gründete, als das Kneipenkollektiv des Spektrums gemeinschaftlich nach Nicaragua auswanderte, um die Konterrevolution aufzuhalten, mit Freunden das Malheur. Jahre lang stand sie mit neun anderen hinter dem Tresen, aber sie waren so viele, dass am Ende »nur ein Taschengeld für jeden übrigblieb!«

Und dann kam der Italiener. Und nahm die Lehrerin mit nach Italien. Und weil es in Italien so schöne Schuhe gab, und weil es überall nur diese vollgestopften Salamander- und Leiser-Filialen gab, und weil in der Gneisenaustraße noch ein Souterrain frei wurde, begann sie 1988 mit dem Verkauf von Schuhen.

Die Liebe zum Italiener hielt nicht ewig, die zu Italien schon. Gemeinsam mit Marina Masserini fuhr sie immer öfter nach Italien, versteckte unter Bergen von Käse, Schinken und Pasta Berge italienischer Schuhe. Der Zöllner bekundete echtes Mitleid mit Fräulein Masserini, die in dieser kulinarischen Einöde von Berlin offensichtlich zu verhungern drohte.

Das Geschäft mit den etwas anderen Schuhen funktionierte so gut, dass sie im November 1989 einen Laden in der Zossener Straße anmieten konnte. Sie hatte die Ärmel hochgekrempelt und war mit Marina am Spachteln, »stundenlang, und nebenbei lief die ganze Zeit das Radio. Aber wir waren so ins Spachteln vertieft, dass wir gar nicht mitbekamen, dass gerade die Mauer fiel. Das vergess´ ich nie!«

Irgendwann waren die Wände fertig, hatten sie aus rostigen Stahlrohren vom Schrottplatz Regale gebaut und schon den zweiten Laden eröffnet. Und seit 2002 stehen ihre ausgewählten Italiener nun sogar in der Bergmannstraße. Nicht den Touristen zuliebe. »Mehr als die Hälfte der Kundschaft sind Stammkunden!« Alte und Neue. Man sieht es sofort, spätestens, wenn man die Schuhe umdreht und die kleinen Nägel in den Absätzen sieht, die Nähte in den ledernen Sohlen: Das sind echte Schuhe! Das ist Handarbeit. Und das sind Modelle, die man nicht bei Salamander & Co sieht.

Viele von ihnen kommen aus einer kleinen Fabrik aus Monte San Pietrangeli, nicht weit von Ancona. Marina und Gunhild haben im Lauf der Jahre schon viele Schuhfabriken abgeklappert, Italien war voller kleiner Manufakturen. Zu Viola Fonti kamen sie immer wieder, brachten irgendwann sogar ihre eigenen Entwürfe mit und fragten den alten Mann: »Könnten Sie nicht vielleicht diesen Schuh mit einer runden Kuppe statt mit einer spitzen....«

Er konnte, und so entwickelte sich eine ebenso seltene wie fruchtbare Zusammenarbeit. Und als der Sohn die Schuhmacherei übernahm, fragte der Vater die Berlinerinnen: »Könnt Ihr auch meinem Sohn behilflich sein?« Inzwischen sind es an die hundert Modelle, die Viola Fonti alljährlich auf der Messe vorstellt, die meisten nach Entwürfen aus Kreuzberg.

Und da stehen sie nun in der Bergmannstraße, die schmalen, absatzlosen Ballerinas, rot oder blau, spitz oder rund, mit Riemchen oder Schnallen, immer schlank und elegant. Oder die Stiefelchen, die Clarks, oder die Sandalen. Die Zeiten, als die Berliner in Neonschuhen durch die Bergmannstraße flanierten, haushohe Plateau-Schuhe und paillettenbesetzten Stiefel in Gold und Silber zu Sträflingshosen und Lackminiröcken trugen, sind vorüber. »Früher hatten wir fast nur Einzelstücke. So was ging damals noch.« Heute kommen jedes Jahr mehrere Tausend Paar aus Italien. In allen möglichen Größen.

Dennoch sind sie so etwas wie Unikate. Denn es gibt sie nicht in Münster oder Marseille oder Genf. Es gibt sie sozusagen nur in limitierter Auflage und nur an wenigen Orten in der Welt. Und in Berlin nur bei Luccico. Es muss nicht alles Gold sein, was glänzt, es kann auch Leder sein. Gut poliertes, echtes Leder. •





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