Kreuzberger Chronik
November 2018 - Ausgabe 204

Kreuzberger
Dietmar Naß

Der Anzug war nichts für mich


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Holger Groß

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Dietmar Naß hat keine große Vorliebe für Zahlen. Das war schon auf dem Hermann-Hesse-Gymnasium so. Zahlen zählen nur, sie erzählen nicht, und ohne Erzählungen ist das Leben langweilig. Deshalb verließ er die Schule in der Dieffenbachstraße und ließ sich beim Commerzia Verlag zum Verlagskaufmann ausbilden. »Schließlich wollte man ja die Welt verändern, wir wollten mitdiskutieren«. Er arbeitete als Journalist, schrieb Artikel für eine Zeitschrift namens Wohin in Berlin, die der Vorläufer der zitty war, und gründete er mit zwei Freunden den Radiosender RGI, Radio Gatow International, der zwar eine eigene Frequenz besaß, aber nie auf Sendung ging. Dafür verkauften sie ihre Produktionen an andere Sender. Es war nichts Weltbewegendes, sie machten Musik, so wie alle, und »Didi« musste »zwischendurch den Dödel spielen, was auch nicht gerade durchgehend meinen Wünschen entsprach.«

Immerhin finanziell lohnte sich das Unternehmen, denn als nach dem Mauerfall das Geschacher um die Radiofrequenzen begann, verkaufte Radio Gatow International seinen Sendeplatz, wovon auch Didi profitierte. Neben seinem Job beim Radio begann er bei der DeTeWe als Werbetexter - obwohl er den Chef mit seinem lächerlichen Seitenscheitel nicht leiden konnte und ihm keine Träne nachweinte, als der »irgendwann beim Survivaltraining mit einem Rucksack voller Steine auf dem Rücken beim Bergsteigen plötzlich das Zeitliche segnete.«

Bei der DeTeWe arbeitete sich der Jungjournalist schnell nach oben, und weil er immer etwas zu erzählen hatte, war er bei jedem Geschäftsessen dabei und im Journalistenclub im Springerhaus ein gern gehörter Gast. Aber irgendwie behagte ihm das Ganze nicht, »je weiter man auf der Karriereleiter nach oben steigt, um so größer sind die Arschlöcher, mit denen man essen gehen muss!« Dietmar Naß war jeden Abend erleichtert, wenn er Schlips und Kragen ablegen und in die Kneipe gehen konnte. »Der im Anzug, das war nicht ich! So wollte ich eigentlich nie sein.«

Wenn Dietmar Naß von jenen Jahren spricht, dann spricht er von seinem »ersten Leben«. Einem Leben, unter das er einen finalen Schlussstrich gezogen hat. »Ich hab irgendwann hingeworfen und mit über 30 noch mal die Schulbank gedrückt. Den Anzug gegen die Trainingshose getauscht und mein Staatsexamen als Physiotherapeut gemacht.« Wenn er gewusst hätte, was auf ihn zukam - »das war ein halbes Medizinstudium in zwei Jahren!« - wäre er womöglich immer in seinem ersten Leben hängen geblieben. »Wir hatten dreißig Fächer oder so was, und die meisten von uns sind erst mal durchgefallen. Aber ich quatschte bei der Prüfung einfach drauflos, das war ne einfache Rechnung, wahrscheinlich sagte ich mir: Je mehr ich quatsche, um so weniger dumme Fragen können die stellen.«

»Das war nichts für mich!« - Am Schreibtisch, anno 1985- Foto: privat









Dietmar Naß besitzt die Gabe der Rede. Und seit 30 Jahren auch eine eigene Praxis in einem Hochhaus in der Franz-Künstler-Straße. »Das Haus war damals, als wir anfingen, der letzte Schrei mit Tiefgarage, Fahrstuhl und Müllstation: Ein Wahnsinn!« Heute ist das Viertel mit den Hochhäusern eher ein schmuckloses Quartier, vielleicht eine der schäbigsten Ecken Kreuzbergs. Dennoch verirren sich mitunter Prominente hierher. Der Ruf der Physiotherapie Naß hallt durch die ganze Stadt. Kürzlich rief das Sekretariat des Bundesministeriums an und fragte nach Terminen. »Mal sehen, ob wir da noch was finden für Sie, wir sind ja eigentlich vollkommen ausgebucht...«, antwortete das Sekretariat der Physiotherapie. Aber ein paar Tage später irrte die Umweltministerin, - »eine erstaunlich kleine und nette Frau, bei der man sich fragt: Wie kommt die eigentlich zu so einem Job? Die könnte doch auch was ganz Vernünftiges machen!« - durch das hässliche Kreuzberg und dann durch die charmelosen Gänge des Zementklotzes mit der Nummer 2 und der Praxis von Dietmar Naß. »Und ick hatte die am Abend zuvor zufällig in einer Talkshow mit dem Verkehrsminister streiten gesehen, total erkältet. Also hab ick was vorbereitet für den Schnupfen und ihr die Füßchen gemacht, da war die ganz glücklich.«

Dietmar Naß hatte auch in seinem ersten Leben viel mit Prominenten zu tun, aber hier, in seiner Praxis, ist die Stimmung anders. »Die machen hier alle Häschen!« Wie beim Zahnarzt. Man kommt sich näher. »Da erzählen die Leute Sachen, die würden sie sonst nie erzählen. Und Dietmar Naß stellt Fragen, die hätte er früher nie gestellt: »Sagen Sie, und weshalb haben Sie diesem Scheuer nicht einfach mal eine gescheuert, Frau Schulze?« - Frau Schulze gab darauf keine konkrete Antwort.

So plaudern sie eben während der Arbeit, die Patienten und der Herr Naß. »Sonst macht das doch alles keinen Spaß!« Man kann nicht den ganzen Tag massieren, beugen, strecken, einrenken - und dazu schweigen. Man muss reden. Was man im Fernsehen gesehen oder in der Zeitung gelesen hat; oder aus dem wahren Leben, mit all den Krankheiten und Wehwehchen. Dazu braucht man Feingefühl. »Die Kunst besteht ja darin, dem Patienten erst mal klar zu machen, dass er nicht unheilbar ist!« Man muss den richtigen Ton treffen. Dietmar Naß trifft ihn nicht immer, sein Humor »ist nicht jedermanns Sache.« Er erinnert sich, dass eine Dame kein Verständnis dafür aufbringen konnte, als er von bunten Prothesen zu schwärmen begann und erwähnte, dass es doch »allmählich Zeit für einen Werkstattbesuch« sei. Aber wenn der ehemalige Berliner Judo-Vizemeister einem Volleyballspieler die Schulter einrenkt oder einem gestürzten Fußballer den Bauch abtastet und sachlich feststellt: »Also, mit der Gebärmutter haben Sie jedenfalls keine Probleme!«, dann kommt er gut an.

So ist er eben, der Berliner Humor. Unverstellt. Ehrlich. Schnörkellos. Ohne Krawatte und ohne Etikette. So wie Dietmar Naß. Ein Original-Berliner. »Ick gehör eigentlich in die Vitrine!« Darunter ein Messing-Schild: Dietmar Naß, Jg. 1950, Ohlauer Straße, Kreuzberg.

Der Anfang war mühsam, der Krieg noch nicht lange vorbei, die Stadt kaputt, es gab keine Wohnungen. Jahrelang suchte der Vater vergeblich, und dann war da diese 4-Zimmmerwohnung frei in der Oranienstraße Nr. 44. Wieder saß er diesem Mann gegenüber, der auch diesemal wieder den Kopf schüttelte und sagte: Tut mir leid, diese Wohnung kriegen Sie auch nicht. »Da war mein Papa etwas derangiert und hat den Mann beim Kragen genommen und über den Tisch gezogen und gesagt, wenn er jetzt nicht sofort einen Mietvertrag aus der Schublade hole, dann würde er ihn verprügeln. Das half.«

Dietmar war elf Jahre alt, als sie in die Oranienstraße zogen. Er erinnert sich noch gut an das stattliche Haus, in dem angeblich einmal ein Offizierskasino mit Pool und Bar gewesen sein soll. Es ging bergauf, die Sechzigerjahre hatten begonnen, sie hatten Platz, ein großes Berliner Zimmer, eine Küche zum Hinterhof, und die beiden guten Räume zur Straße hin. Mittendrin im Herzen von Kreuzberg.

1974 trennten sich die Wege der Familie. Die Eltern zogen in einen Neubau der GSW, »der pure Luxus mit Tiefgarage und Fahrstuhl. Der Hausmeister war so etwas wie der Empfangschef vom Adlon! Der fuhr so ´nen weißen Opel Kapitän, Termine gab es nie, und wenn der sagte, hier wird nicht übern Rasen gelaufen, dann lief da auch niemand über den Rasen. Heute, da kriegt son Hausmeister eins auf die Fresse. Wenn es überhaupt noch einen Hausmeister gibt!«

Und Dietmar zog ans Gröbenufer. »Zwei Zimmer mit Blick aufs Wasser - so wurde das damals in der Zeitung beworben. Also hab ich da angerufen, wir kamen auch ganz nett ins Plaudern, aber die sagten mir gleich, das sei so ´ne schöne Wohnung, die würde sicher jemand aus der Verwaltung nehmen. Doch ein paar Tage später riefen die dann doch an, ich könne die Wohnung haben.«

Das Haus war in die Schlagzeilen geraten, weil eine Kugel der DDR-Grenzposten den Flüchtling, der die Spree durchschwimmen wollte, weit verfehlt hatte und in die Wand der Nummer 3 eingeschlagen war. Es waren die Zeiten des Kalten Krieges, die BZ titelte: Vopos beschießen Omas im Westen. »Und in eine Wohnung, die direkt in der Schusslinie lag, wollte natürlich keiner einziehen. Dabei war dat janz wunderbar, der Blick auf die Spree und dieses Land gegenüber. Da standen damals ja nur noch drei Häuser und weiter hinten die Oberbaumbrücke.«

Aber das Leben am Gröbenufer bestand vor allem aus Kunst und Rock´n´Roll. »Wir haben uns die Wände mit Bildern tapeziert. So ein Bild gab´s damals manchmal noch für ne Flasche Rotwein und ein paar Schachteln Zigaretten.« In den Kneipen fand ein reger Tauschhandel statt, und Hertha Fiedler, die Wirtin der Weltlaterne, verdiente sich eine goldene Nase mit den Bildern, die ihr die Künstler in ihrer Geldnot zunächst als Pfand und dann zur Schuldenbegleichung überließen.

Dietmar richtete sich eine Dunkelkammer ein und fotografierte das Grenzufer, die Ruinen, die hölzernen Aalzuchtbecken im Kanal am Schlesischen Tor. Und nicht nur das. Als er kürzlich beim Aufräumen in die verstaubten Kartons mit den Bildern vom Kreuzberg der 60er schaute, staunte er: »Da waren mindestens ebensoviele Kartons mit Aktfotos. - Ach, mit was man sich damals so alles beschäftigt hat!«

Ohne die Wohnung am Gröbenufer, ohne die Weltlaterne und die Künstler und das Fotolabor am Rande der Bundesrepublik, hätte es womöglich kein zweites Leben für ihn geben. Hier aber entschied es sich. Gleich am ersten Tag, als er seine Kartons in die Wohnung schleppte und ihm ein Mädchen entgegenkam. Sie fiel ihm auf, weil sie ihm gleich vier Mal begegnete, bis er sich sagte: »Da kann etwas nicht stimmen.« Später verstand er, dass in der Wohnung über ihm eine Familie mit vier Töchtern wohnte, von denen eine aussah wie die andere. Mit der Zeit aber lernte er, sie auseinanderzuhalten und sich ihre Namen zu merken. Eine von ihnen hieß Veronika, und irgendwann war Veronika kein kleines Mädchen mehr, und der nette Nachbar, der dem berühmten Franz Beckenbauer so ähnlich sah, war immer noch kein alter Mann. Über dreißig Jahre blieben Dietmar und Veronika zusammen. Fast wären sie zusammen alt geworden.

Es waren gute Jahre, die Achtzigerjahre in Kreuzberg. »Die Türken, die Punks, die Künstler und die Rentner, das war ne funktionierende Mischung. Heute schmeißen die sechsjährigen Rotzbengel mir die Scheiben ein, und dann kommen die Erzieher, drohen mit dem Zeigefinger und verhängen eine Woche Fernsehverbot.«

Vielleicht ist es an der Zeit für ein drittes Leben. Fotografieren, Reisen, Kaffee trinken in der Sonne. Er ist ohnehin nur noch selten in der Praxis, um sich über die alten Rücken einiger Stammkunden zu beugen. Den Rest übernimmt die Tochter. »Siebzehn Wartesemester für Medizin hat sie hinter sich, bei einem Abitursdurchschnitt von 1,7!« Jetzt hat sie in der Praxis angefangen, »und die ist richtig gut!«

Aber ganz kann er es nicht lassen. Immer wieder taucht er in der Praxis auf. Seine Kumpel vermuteten schon immer, es gehe ihm zu gut da: »Ne Stange Geld, ne Pulle Massageöl und ´n janzen Tach nackte Weiber!« Aber das ist es nicht. Es geht eher ums reden. Ums Mitreden. Sonst macht das doch alles keinen richtigen Spaß. •





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