Kreuzberger Chronik
Mai 2018 - Ausgabe 199

Kreuzberger
Christiane Rösinger

Auf der Bühne hab´ ich endlich meine Ruhe


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Holger Groß

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In den Augen der Nachbarn, die Bauer Rösinger jedes Jahr bei der Spargel- oder Kartoffelernte halfen, war es ein denkwürdiger Anblick, wenn die vierjährige Christiane sich zwischen all den gebückten Erntehelfern plötzlich aufrichtete und, eine Kartoffel oder eine Spargelstange in der Hand, als handele es sich um ein Mikrophon, Petula Clarks Downtown zu trällern begann, als sei der kleine Kartoffelacker die Bühne von Dieter Thomas Hecks Hitparade. Die Nachbarn reagierten befremdet, die Eltern riefen, sie solle endlich still sein, nur die Tante meinte: »Die kommt noch mal ins Fernsehen, Ihr werdet schon sehen!«

Die Eltern sahen es nicht. Sie waren viel zu früh geboren, der stille Vater 1914 und 1920 die Mutter, die so viel zu erzählen hatte, dass ihr manchmal die Worte ausgingen, woraufhin sie schlicht welche erfand - zum Beispiel das unvergessene »Schmagonebuckel«, ein Ausdruck für unleidige Kinder, die ständig »Theater spielen« und irgendwelche »Sperenzchen machen«. Als Christiane dann eines Tages tatsächlich mit einem echten Mikrophon im Fernseher auftauchte, ruhten die Tante und die Eltern längst auf dem Kirchhof von Hügelsheim. Das Bild, das sie von der Tochter mitnahmen, war noch immer das des Mädchens, das auf dem Feld Schlager sang oder vor dem Fernseher tanzte, wenn Katja Ebstein auftauchte.

Christiane passte nicht in die Welt zwischen den Kartoffeln, Spargel und Erdbeeren. Sie war nicht sonderlich glücklich, wenn sie nach der Schule auf den Acker musste, während die Schulfreunde am Baggersee lagen. Zum Glück gab es im nächstgrößeren Städtchen einen Jugendclub, »das Haus«, in dem es Konzerte gab und Jungs und Zigaretten. »Es war nicht so, dass es auf dem Land überhaupt nichts gab!«, im Gegenteil: Es gab alles! Sogar Mittelaltermusik gab es, und Christiane blies zuerst einmal das Krummhorn und die Flöte, bis eines Tages zwischen den Hügeln des Badischen die Grüne Raupe auftauchte. »Das war so eine Wahlkampfveranstaltung der Grünen, die Anfang der Achtziger durch die Provinz zog«, im Gefolge musikalische Größen wie Konstantin Wecker und Carambolage. Und dann kamen auch noch Ton Steine Scherben ins Nachbardorf nach Muggensturm. »Das war das Größte: Die Scherben!« Danach war klar: »Ich muss nach Berlin. Ich brauchte ´nen Freund, ´ne Wohnung, ´ne Band!«

1985 stand sie dann auf dem Mariannenplatz, mit der dreijährigen Tochter an der Hand, »und das war eine derartige Befreiung: Die ganzen ledigen Mütter, überall Erzieherinnen, und nachts alle in den Kneipen. Ich hatte das erste Mal im Leben das Gefühl, kein Außenseiter zu sein. Die ganze Stadt war voller Außenseiter!« Man konnte im gestreiften Schlafanzug auf die Straße gehen und Zigaretten holen, ohne dass es irgendjemanden interessiert hätte.

»Liebe wird oft überbewertet, aber Berlin war Liebe auf den ersten Blick.« Christiane Rösinger ist dieser Liebe bis heute treu geblieben. Wenn sie einmal ein paar Tage weg ist von Berlin, empfindet sie so etwas wie Heimweh, und wenn sie dann wieder auf dem Mariannenplatz steht, ist es fast so schön wie damals vor 30 Jahren. 2010 hat sie diese Wiedersehensfreude in einem Lied festgehalten, und es ist eine der schönsten Liebeserklärungen an diese Stadt geworden seit der Berliner Luft Luft Luft und Hildegard Knefs vergessenem Koffer. Christiane Rösinger besingt die Stadtneurotiker, die in den U-Bahnen mit sich selber reden, die Arschlochkinder der Ökoeltern, die in den Cafés ihre Laptops aufklappen, die Unterschicht, die das Kindergeld versäuft.... - die ganze schlechte Laune und das ganze schlechte Wetter dieser Stadt, um am Ende jeder Strophe erleichtert und glücklich zu sich selbst zu sagen: jetzt »biste wieder in Berlin.«

Berlin war Liebe auf den ersten Blick. Aber es war zunächst eine sehr einseitige Liebe. Die Stadt gab sich nicht gleich hin. Berlin, so heruntergekommen es auch war, hielt sich für etwas Besseres. »Man wurde erst mal furchtbar gedisst, wenn man frisch in der Stadt war, weshalb man grundsätzlich die Berlinjahre gleich einmal verdoppelte, um besser dazustehen. Die Berliner waren furchtbar arogant. Und sie sind es noch immer. Allerdings zurecht.«

Glücklicherweise dauerte es nicht sehr lange, da saß sie zum ersten Mal im Fischbüro, in dem sich die Kreuzberger Nachbarschaft traf, um Bier zu trinken, Texte zu schreiben, Musik zu machen, die Welt zu verändern, zuerst in der Wrangelstraße, später in der Köpenicker Straße. Es gab, wie Christiane Rösinger in einem ihrer Texte schrieb, »Vorträge über das Paarungsverhalten beim Stichling, eine Partnervermittlung, Walzertanzkurse, Modeschauen für Herr und Hund, die ersten Houseparties im Luftschutzkeller und entsprechende Audiokleider.«


Foto: Privatarchiv
Und es gab eine Bühne, auf der Christiane Rösinger und Britta Neander ihren ersten Auftritt hatten. Irgendwie schien alles im Berliner Leben der Hügelsheimerin im Fischbüro begonnen zu haben, hier wurde Britta, heute die vermeintlich älteste Girlieband Deutschlands, gegründet, und hier fanden 1988 die Lassie-Singers mit Almut Klotz und Funny van Dannen zusammen. Hier entstanden Lieder, die später halb Kreuzberg mitsingen konnte und in die sogar einige 30jährige heute noch einstimmen können, weil ihre Eltern auf der Fahrt nach Südfrankreich oder Italien immer wieder die Kassette mit den Lassie Singers in den Schlitz des Autoradios schoben. Während sich die 60jährigen manchmal noch heute gern für dieses versöhnlich stimmende Abschiedslied bei ihr bedanken: »Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht.«

Es sind kurze Sätze, klare, schnörkellose, Worte, die Christiane Rösinger in ihren Liedern nutzt. Sie finden sich schnell, reihen sich fast von alleine aneinander. Sie schreibt ein paar Zeilen auf, nimmt die Gitarre, spielt die erste »Lagerfeuerversion«, schreibt den Text zuende. Das dauerte nicht lange. Aber vor der Prosa hat sie Respekt. »Ich würde gern mal einen richtigen Roman schreiben, aber ich glaube, da stehe ich noch ziemlich am Anfang!«

Sie sagt das, obwohl sie schon drei Bücher veröffentlicht hat. Sie tragen Titel, die auch über Romanen stehen könnten, Titel wie »Das schöne Leben« oder »Die Liebe wird oft überbewertet« oder »Zukunft machen wir später«. Aber es sind nur kleine Anekdotensammlungen, persönliche Erinnerungen. Kurz wie ihre Lieder.

Dennoch ist ihr das Wort das wichtigste. Zuerst kommt immer das Wort, dann kommt die Melodie. »Es ging mir immer um die Kommunikation mit dem Publikum.« Im Hintergrund sitzen und Schlagzeug spielen, das wäre nichts für sie. Aber die Bühne macht Spaß! Die Jahre mit den Lassies waren wunderbar. Bis Funny van Dannen eines Tages sagte: Das schafft ihr auch alleine. »Da brach für uns eine Welt zusammen!« Aber er hatte Recht, sie schafften es tatsächlich. Zehn Jahre lang gehörten die Lassie Singers irgendwie dazu zu Berlin, so wie die Scherben oder der Erste Mai oder der Fernsehturm.

Foto: Privatarchiv
Es machte vielleicht sogar noch ein bisschen mehr Spaß, »mit lauter Frauen auf Tour« zu sein. Es war lustiger, entspannter, als wenn immer »so ein einsames Genie dabei ist.« Obwohl es einsame Genies gab, die eine gewisse Anziehung auf Christiane ausüben konnten, so wie damals, als sie noch ins Krummhorn blies. Als plötzlich die »Scherben« in Muggensturm auftauchten. »Ich bin ein echter Fan von Rio Reiser!«, sagte sie eines Tages zum Produzenten im Studio in Lichterfelde, und der meinte nur: »Ehrlich? - Ich kann ihn ja mal fragen, ob er bei eurer Platte ein Stück mitsingt.« Rio Reiser kam und sang mit, dezent, im Hintergrund, aber man hörte ihn. Und es gefiel ihm. Vielleicht hätten sie noch mehr zusammen gemacht, wenn Rio nicht gestorben wäre. Sie hätten zueinander gepasst, diese beiden etwas zu melancholischen und doch immer rebellierenden Texter und Musiker.

Über dreißig Jahre ist es her, dass Christiane Rösinger beschloss, nach Berlin zu ziehen. Wegen der Scherben, und wegen der vielen ledigen Mütter. Sie wollte kein Star werden, sie wollte nur Musik machen. Musik und einen Freund und eine eigene Wohnung. Jetzt sind es tatsächlich schon dreißig Jahre, in denen sie in der gleichen Wohnung wohnt, noch immer in die gleichen Kneipen geht, in denen es noch immer nach Zigaretten und Bier und Kaffee duftet. Berlin ist längst ein Stück von ihr, und sie ist längst ein Stück von Berlin.

Doch Berlin wird verkauft. Kürzlich war ihr Haus an der Reihe. Ihre Wohnung. Ihr wahr gewordener Jugendtraum. »Das war ganz schlimm, jeden Tag kamen da zwanzig, dreißig Pärchen, die die Wohnung kaufen wollten, gingen durch die Zimmer und überlegten, wo sie die Möbel hinstellen sollten! Das war furchtbar. Ein Alptraum!«


Foto: Privatarchiv
Wieder schrieb sie ein Lied, wieder so ein Lied voller Melancholie und voller Wut, voll leiser Liebe und lautem Protest, voller wahrer Worte und entlarvender Zitate. Sie hat nur zuhören müssen, was diese Leute bei der Wohnungsbesichtigung so sagten: »Wir wollen ja keinen vertreiben, aber wir müssen doch irgendwo bleiben.... - in anderen Ländern wohnt man auch nicht zur Miete... - wir müssen auch an das Alter denken, die Eltern wollten´s uns halt unbedingt schenken.«

60.000-mal wurde das Video zu diesem Lied mit dem prosaischen Titel Eigentumswohnung angeklickt. Das Hebbel -Theater war schon Wochen vor ihrem Auftritt ausverkauft, sie war genervt von den vielen Interviews, die sie geben musste, aber dann kam der Moment, wo sie auf die Bühne trat. Ein großartiger Moment. Wie damals auf dem Kartoffelacker. »Auf der Bühne, da hab ich endlich meine Ruhe. Da kann keiner mehr kommen und was fragen. Auf der Bühne und auf dem Sofa, da fühl ich mich am wohlsten.«

Manchmal, nach dem Konzert, wenn sie zu ihr kommen, diese jungen Neuberliner mit der geschenkten Eigentumswohnung, und dann »gern noch die Absolution« von ihr wollen, dann sagt sie ganz freundlich, und wieder in dieser wunderbaren Mischung zwischen Poesie und Protest: »Also, damit müsst Ihr jetzt schon mal allein fertig werden.«

Und sollte wirklich der Möbelwagen wvor ihrer Wohnung vorfahren, dann wird sie um die Wohnung »kämpfen bis zuletzt.« Weil diese Wohnung in Berlin ein Stück von ihr ist. Zu ihrem Leben gehört. Auch dieser Stadt würde etwas fehlen, wenn sie nicht da wäre. Und ab und zu ein Lied sänge. •

Wenn die Sonne fehlt, wenn der Regen läuft

Wenn die Unterschicht das Kindergeld versäuft

Wenn die Hunde wachen, ihre Haufen machen

Ja, dann sind wir wieder in Berlin


Wenn die Fahrradfahrer uns vom Bordstein fegen

Die Verrückten in der U-Bahn wieder laut mit sich selber reden

Wenn die Stressercliquen dann ihr Zeug verticken

Ja, dann sind wir wieder in Berlin


Wenn die Autofahrer kurz am Amok streifen

Und die Hostelhorden durch die Straßen geifern

Wenn die Gullis stinken und die Pärchen winken

Ja, dann sind wir wieder in Berlin


Wenn die Freiberufler die Cafés besetzen

Und die Laptopposer sich auf‘s Neu vernetzen

Mit den Kreativen und den ganz Naiven

Ja, dann sind wir sicher in Berlin


Wenn die Parkausflügler dann die Schwäne füttern

Und die Allerblödsten es gleich weiter twittern

Wenn wir zum Vorglühen durch die Spätis ziehen

Ja, dann sind wir alle in Berlin



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