Kreuzberger Chronik
Mai 2018 - Ausgabe 199

Reportagen, Gespräche, Interviews

Park oder Friedhof


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von Michael Unfried

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Die alten Friedhofsmauern bröckeln, die Grabsteine kippen. Um sie vor dem Verfall zu retten, hat sich der Friedhofsverband jetzt einen Plan ausgedacht: Der Friedhof soll ein Park werden.

Foto: Dieter Peters
Auf der Einladung zu einer Informationsveranstaltung wirbt der Evangelische Friedhofsverband mit schönen Fotos und schönen Worten. Die Rede ist von einem »einzigartigen Friedhofspark«, der zwischen den Gräbern entstehen soll, von einem »innerstädtischen Erlebnisraum« für »Groß und Klein«, von »Sinnesgärten, Wildblumenwiesen, Kräuterinseln und Insektenhotels.« Fotografien zeigen idyllisch überwucherte Grabstellen, steinerne Monumente der Erinnerung zwischen hohen Bäumen, bewachsen von Moosen und Flechten. Die Friedhöfe an der Bergmannstraße sind eine vom Menschen über Jahrzehnte vernachlässigte, von Pflanzen und Tieren allmählich zurückeroberte und eher von Gottes als von städteplanerischer Hand gestaltete Naturlandschaft. Sie lockte schon vor zwanzig Jahren Touristen an, die in Berlin eine Spur von Machu Piccu und Angkor Wat entdeckten, Künstler, Dichter, Filmemacher und Fotografen hielten die urbane Landschaft auf Filmen und Bildern fest - für den nicht unwahrscheinlichen Fall, dass eines Tages auch hier der Mensch eingreifen und die Gestaltung an sich reißen würde.

Und jetzt ist es so weit. Seit einigen Jahren gehen die letzten noch verbliebenen Gärtner des evangelischen Friedhofsverbandes mit Kettensägen und großen Maschinen gegen den Baumwuchs und das wuchernde Gestrüpp auf den Friedhöfen vor. Sie reißen das Efeu von den Grabsteinen und die alten Wurzelstöcke aus der Erde. Bricht ein Sturm den Bäumen einige Äste, fällen sie ihn über der Wurzel. Ohne etwas nachzupflanzen. Was die Informationsbroschüre ihren Betrachtern auf der Titelseite als Beispiel für die zukünftige Parklandschaft präsentiert, ist genau das, was der Evangelische Friedhofsverband eigentlich ausrotten möchte: die Natur.

Wer glaubt, auf der 2,6 ha großen Parkfläche am südlichen Ende des Friedhofs könne nun alles anders werden, wer hofft, hier könne sich die Natur nun ungestört entfalten, der irrt. Stattbau heißt die Firma, die dem Friedhofsverband bei seinen Planungen zur Seite steht. Aufgabe der alternativen Stadtplaner ist es, den Ort der Stille und Andacht mit seinen besonderen Regeln der Pietät in einen öffentlichen Park zu verwandeln, der eines Tages unmittelbar neben dem geplanten Wohnquartier entlang der Jüterboger Straße liegen wird, das ebenfalls zwischen den Gräbern entstehen soll. Damit würde der Park zum Vorgarten der neuen Mieter auf der christlichen Scholle.

Doch noch sträuben sich den Beamten der Denkmalschutzbehörde die Haare bei der Vorstellung, dass zwischen den uralten Gräbern und Friedhofsmauern moderne Bungalows oder ein Park entstehen sollen. Noch genießen die Friedhöfe den Denkmalschutz, doch der Druck seitens der Kirche und der Politik wächst, weshalb die Vertreterin des Denkmalschutzes nicht ohne Besorgnis die Veranstaltung verfolgt, zu der Stattbau und Kirche eingeladen haben.

Etwa 100 Anwohner haben sich vor der Kapelle eingefunden, um gemeinsam mit den Planern das künftige Parkgelände zu inspizieren. Ein Historiker führt die Gemeinde den Weg hinauf, schwärmt von der historisch einmaligen Anlage und den denkmalgeschützten Gräbern des Geldadels aus der Gründerzeit. Am Grabmal der Familie von Oppen, wo sich der Eingang zum künftigen Park befinden soll, hält er inne, wenige Schritte weiter hat man alte Grabsteine mit Leuchtfarbe markiert: »Das sind die historisch bedeutsamen Gräber, die erhalten bleiben.« Wieviele Gräber verschwinden werden, wird gefragt, aber die Frage kann zunächst niemand beantworten. Wenig später stapfen die Kreuzberger über den von Traktorrädern aufgewühlten und vom Regen durchnässten Friedhofsboden, schreiten eine Schneise entlang, die erst vor wenigen Tagen von Kettensägen zwischen die Eiben geschlagen wurde, damit die Fahrzeuge der Friedhofsgärtner keine Umwege fahren müssen und Zeit und Benzin sparen. Die Spuren der voranschreitenden Zerstörung sind unübersehbar.

Im Gegensatz zur augenscheinlichen Realität ist in der Vision von einem Ort für Kunst und Kultur die Rede; von Open-Air-Abschiedsfeiern, einem Hörparcour, Installationen, einer Rasenbank zum Ausruhen, vielleicht sogar von Liegeplätzen für die Sterblichen zwischen schon Gestorbenen. »Und hier,« sagt der Friedhofsführer und deutet auf die südwestliche Ecke des Friedhofs, »an der Züllichauer Straße, soll dann ein separater Eingang zum Park mit Pförtnerhäuschen entstehen.« Die Kreuzberger jedoch blicken nach Osten, dorthin, wo einst eine kleine, von Bäumen und Büschen umstandene und mit Blüten übersäte Lichtung gelegen hatte. Sie gehörte zu den schönsten Plätzen auf dem insgesamt fast 30 ha großen Grünland.

Plaudernd wie auf einem Klassenausflug folgt die Gemeinde den ergrauten Historikern und den jungen Stattbau-Vertreterinnen den Berg hinunter zur Kapelle, wo Kaffee und Kekse bereitstehen. Wo sonst Geistliche ernste Worte sprechen, stehen jetzt May Buschke und Meike Hartmuth mit ihren hübschen Frisuren und einem schier unsterblichen Lächeln. Nur selten weicht es für kurze Momente einem pubertären Grinsen, denn wirklich ernst können die jungen Frauen diese gealterte Kreuzberger Widerstandsgesellschaft auf den hölzernen Rängen der Kappelle, die sich um Amseln und Eichhörnchen, Tote und Blumen sorgt, nicht nehmen.

»Auch wir möchten die Schönheit des Ortes erhalten!«, sagen May oder Meike und bedauern, dass der Friedhofsverband sich in den letzten Jahrzehnten auf Grund fehlender finanzieller Mittel »aus der Pflege zurückziehen musste«. Natürlich möchten sie den Baumbestand schützen, »vor allem die schönen Alleen«, aber in den Rängen murmelt man: »Das bedeutet doch nix anderes als: Die Bäume an den Wegen dürfen bleiben, der Rest kommt weg!«

Die jungen Frauen lassen sich von dem Gemurmel nicht irritieren. Sie kennen das noch von den Vorträgen im Klassenzimmer, wenn die Jungs aus der letzten Bank immer störten. Sie fahren fort mit der Auflistung von Entschuldigungen und Rechtfertigungen für die notwendige Maßnahme, die am Ende nur einen Schluss zulässt: Ohne den Park lässt sich die Friedhofspflege nicht mehr finanzieren.

Foto: Dieter Peters
Schon im Sommer also sollen Studenten von der Beuth Hochschule ein Gesamtkonzept erstellen. »Ist zufällig jemand von den Studenten hier?«, fragt May oder Meike, aber es ist niemand da, um sich anzusehen, für wen dieser Park eigentlich entstehen soll. Die Studenten haben keine Zeit, sie sitzen an ihren Schreibtischen und studieren. Die jungen Stattbau-Frauen beruhigen das Auditorium: »Danach übernimmt natürlich ein professionelles Büro die Planung!« Und oberste Maxime sei es, die Schönheit dieses Ortes zu erhalten.

Der erste, der sich aus dem Publikum zu Wort meldet, ist ein friedlicher, älterer Herr mit schelmischem Blick und zwei kecken, weißen Einstein-Haarbüscheln: »Mein Name ist Friedbert Linden. Was Sie da wollen, das hat es vor genau 10 Jahren tatsächlich noch gegeben. Sie hätten einfach alles nur so lassen müssen, wie es war. Und nun planen Sie Ihren Park genau da, wo das meiste Grün ist! Und bauen zwischen den Gräbern Autobahnen für Ihre Maschinen. Der Friedhof ist eine einzige Baustelle geworden.«

Das wäre ein guter Anfang für eine gute Diskussion gewesen, aber das Mikrophon wird gleich weitergereicht zu einer Frau namens Gabi, die ein paar abgeschnittene Feusizien in der Hand hält. »Die haben Ihre Gärtner gestern brutal abgeschnitten, den ganzen Busch! Kurz vor der Blüte! Einfach den Frühling abgesägt! Zu solchen Leuten habe ich doch kein Vertrauen mehr!«

Foto: Dieter Peters
»Was ist denn eigentlich der Sinn dieses Parks?«, fragt jemand aus den hinteren Rängen. Da übernimmt Herr Gahlbeck vom Friedhofsverband das Mikrophon und erklärt, dass man den Friedhof nicht mehr finanzieren könne. Es werde zu selten gestorben, die Verkehrs-sicherheit sei nicht mehr gewährleistet, die Wege, die kippenden Grabsteine und Mauern, die umstürzenden Bäume, die teuren Versicherungen..., das alles könne die Kirche nicht mehr leisten. Bei der Gestaltung und Pflege eines öffentlichen Parks allerdings könne man »die öffentliche Hand« um Beihilfe bitten. Auch durch Führungen, Kulturveranstaltungen wie Konzerte oder Ausstellungen, durch zusätzliche Angebote wie eine Abschiedshalle oder einen Naturerlebnispfad für Kinder, könnte der Friedhof auf Mehreinnahmen hoffen.

»Das einfachste und billigste für uns wäre, dieses Gelände einfach zu schließen«, sagt Gahlbeck. Das haben andere Friedhöfe bereits getan. »Aber wir wollen diesen Ort eben offen halten und die historischen Grabmäler, die ja unter Denkmalschutz stehen, retten!«.

»Wir brauchen aber keinen Klavierflügel auf dem Friedhof!«, sagt Klaus Lückert, der Initiator einer Bürgerinitiative, die sich bereits gegen das geplante Wohnquartier auf dem Friedhof aufgelehnt hatte. Er holt weit aus, schlägt den Bogen von 5,4 Milliarden Euro Kirchensteuer bis zur christlichen Verantwortung, fünf Minuten muss die junge Stattbau-Frau neben ihm auf das Mikrophon warten. Eine Kollegin klebt unterdessen grüne und gelbe Zettel mit Anregungen und Stichworten aus dem Publikum an eine Pinwand. Die meisten Zettel sind dort zu finden, wo es heißt: »Welche Entwicklung möchten Sie nicht?«

Es sei beschämend und »zutiefst kleingeistig«, sagt »Gabi aus der Fidicinstraße«, ein solches Juwel zu besitzen und dann nur noch über die teuren Versicherungen zu reden, anstatt über das Wesentliche: »Das soll hier alles genau so bleiben, wie es jetzt ist! Punkt!« Auch einer der Naturschützer warnt vor leichtfertigen Entscheidungen: »Diese großen Friedhofsflächen sind das Tafelsilber dieser Stadt« und müssen erhalten bleiben.

Jetzt meldete sich noch einmal Friedbert Linden zu Wort: »Herr Gahlbeck, Sie haben uns das alles ganz nett erklärt. Aber woher jetzt die Kohle kommen soll, das verstehe ich immer noch nicht.« Herr Gahlbeck erklärt den Zwei-Punkte-Plan. Zum einen werde man mit der Vorlage eines Konzeptes und mithilfe der Stattbau-Firma beim Bund, bzw. bei der EU, Fördermittel aus dem »Berliner Programm für nachhaltige Entwicklung« beantragen. Und langfristig erhoffe man sich von einer Sanierung des Friedhofs die Liegeplätze an der Bergmannstraße wieder attraktiver zu machen und mit den neuen Angeboten auch eine neue Kundschaft anzuwerben.

Damit war allen klar, dass die Umwandlung des Friedhofs in einen Park vor allem den Zweck verfolgte, Zuschüsse zur Pflege der Grünflächen zu erhalten. Die Frage allerdings, ob die wilden Wiesen durch die Umwidmung in einen Park tatsächlich gerettet oder eher zerstört werden würden, stand noch im Raum. Die deutliche Mehrheit der Anwesenden, konstatierten nach der Veranstaltung sogar die jungen Stattbau-Frauen, sei dafür, alles so zu belassen, wie es ist. An einen Schutz des Friedhofs wollte angesichts der Abholzungen und Traktorspuren zwischen den Gräbern niemand mehr glauben.

Im Gegenteil. Das Misstrauen gegen die Friedhofsverwaltung ist gewachsen. Kürzlich nutzte Friedbert Linden die Gunst der christlichen Sprechstunde, um bei der Grauen Eminenz der Friedhöfe an der Bergmannstraße vorzusprechen. Kaum hatte Pfarrer Quandt die Tür geöffnet, fragte Linden: »Wann hören Sie endlich auf, den Friedhof zu zerstören?« - Die etwas undiplomatische Frage brachte den Christdiplomaten ins Stottern: »Aber, wir zerstören doch nicht, ganz im Gegenteil...« - Sie redeten eine ganze Weile miteinander, und am Ende war beiden klar: Sie werden sich niemals einig werden. •

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