Kreuzberger Chronik
März 2018 - Ausgabe 197

Strassen, Häuser, Höfe

Die Neuenburger Straße


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von Werner von Westhafen

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Die Neuenburger Straße ist eine der außergewöhnlichsten Straßen Kreuzbergs. Schon ihr Verlauf ist auffällig. Zwar hält sie sich noch einigermaßen an die Ost-West-Ausrichtung der anderen Straßen nördlich des Landwehrkanals, biegt noch im rechten Winkel von der Alexandrinenstraße ab und trifft auch noch im rechten Winkel auf die Alte Jakobstraße, doch endet sie auf halber Strecke zur Lindenstraße in einer Sackgasse. Auch ihr Name ist ungewöhnlich. Denn während die meisten Straßen in der Gegend um den Görlitzer Bahnhof und das Schlesische Tor nach Persönlichkeiten oder nach Ortschaften östlich von Berlin benannt sind, die erst durch die Eisenbahngeleise mit der Großstadt verbunden wurden, ist Neuenburg der deutsche Name eines Städtchens und Kantons in den Schweizer Alpen, in dem vorwiegend Französisch gesprochen wird, und der auf den Landkarten nur noch unter dem Namen Neuchâtel zu finden ist.

Es war vielleicht eine Spur von Lokalpatriotismus oder Heimweh, die die Grafen Wilhelm und Albert von Pourtalès 1853 dazu bewog, das Sträßchen nach dem hübschen Ort am Neuenburger See zu benennen, in dem sie einst ihre Kindheit verbracht hatten.

Die beiden Brüder gehörten zu einer Familie hugenottischer Glaubensflüchtlinge aus dem Languedoc in Südfrankreich, die es nicht ins preußische Zentrum an der Spree, sondern in die landschaftlich viel hübschere Schweiz verschlug. Das Stückchen Bergland kam 1707, als sich der Große Kurfürst für die Oranierin Luise Henriette entschied, als Mitgift des Hauses von Oranien zum Preußischen Reich. Wie so viele der Einwanderer des 17. Jahrhunderts war auch der Großvater von Albert und Wilhelm tatkräftig genug, um sich in der Fremde schnell eine Existenz aufzubauen. Jacob Ludwig Pourtalès gelang es, innerhalb weniger Jahre zu einem wohlhabenden Gutsbesitzer aufzusteigen und seinen Besitz derart zu vergrößern, dass der preußische König die Söhne des Einwanderers sogar in den Adelsstand hob.

Aus Friedrich, dem Vater von Wilhelm und Albert, wurde der »Wirkliche Geheime Rat und Oberzeremonienmeister Graf Friedrich«, und aus ihrer Mutter wurde das Hoffräulein Louise de Castellane-Norante, die wiederum die Tochter des französischen Oberstleutnants Michel Ange Boniface Marquis de Castellane-Norante war. Natürlich wuchs angesichts des Wohlstandes dieser mit vornehmen Namen und Titeln geschmückten Hugenotten und Oranier der Neid unter den Bergbauern. 1831 kam es zum Aufstand gegen die preußische Fremdherrschaft, der nur noch mit Mühe unterdrückt werden konnte.

Zu dieser Zeit jedoch hatten die Söhne des Oberzeremonienmeisters Graf Friedrich von Pourtalés den engen Tälern längst den Rücken gekehrt und sich angeschickt, die Welt zu erobern. Besonders Albert bemühte sich, eine vorzeigbare und echt preußische Karriere hinzulegen. Er studierte, trat in den diplomatischen Dienst ein und war schon bald als preußischer Abgesandter in London, Neapel und Konstantinopel im Amt. Am Ende seines Lebens traf man ihn sogar in Paris, der Metropole Europas, wo er das Treffen Napoleons III. mit Wilhelm I. arrangierte.

Sein Nachfolger in diesem Amt war kein Geringerer als Graf Otto von Bismarck, der spätere Reichskanzler, sowie einer seiner größten politischen Feinde. Selten hatte sich der im diplomatischen Umgangston so gut geschulte Höfling derart präzise ausdrücken können wie im Fall Bismarck, zu dessen schärfsten Kritikern er zählte: »Bismarck braucht und missbraucht seine Parteigenossen. Sie sind ihm Postpferde, mit denen er bis zur nächsten Station fährt. Es steckt in seinem ritterlichen Felle ganz einfach ein Judas, und mit ihm gehe ich keinen Schritt.« Das brauchte er auch nicht mehr: Albert von Pourtalés starb am 18. Dezember 1861, im März trat Bismarck die Stelle an.

Der hugenottische Diplomatensohn war stets ein treuer Diener seines Königs mit einem Herz für die Monarchie. Auch in der Staatskrise des Jahres 1848 gehörte Albert zu den engsten Vertrauten des Königs. Als sich die Lage im März zuspitzte und die Bürger Berlins sich zu bewaffnen begannen, um für ihre Rechte auf die Straße zu gehen, war es der Mann aus den Schweizer Alpen, der mit einem kleinen Stab an Mitarbeitern den geheimen Fluchtweg für den König plante. Es ist zu vermuten, dass auch das kleine Städtchen Neuenburg auf der Route lag.

Während Albert an den Fluchtplänen des Königs schmiedete, drang die Kunde von der Revolution in Berlin auch bis in die hintersten Täler der Schweiz vor, was dazu führte, dass das Preußische Hoheitsrecht im Kanton Neuenburg von den Schweizern faktisch umgehend außer Kraft gesetzt wurde. Der König von Preußen allerdings brauchte noch neun Jahre, um einzusehen, dass Neuchâtel engültig verloren war.

Die Grafen Wilhelm und Albert von Pourtalés brauchten zu dieser Erkenntnis lediglich fünf Jahre: Bereits 1853 entschieden sie sich, vorsichtshalber schon einmal das kleine Sträßchen, das sie auf ihren Berliner Ländereien zwischen Lindenstraße und Alexandrinenstraße anlegten, nach ihrem schweizerischen Geburtsort zu benennen. Und damit auch niemand vergessen konnte, dass dieses wunderschöne Stück Land in den Alpen mit seinem Wein und seinem See und seiner über allem thronenden Burg einmal in Besitz der Preußen war, nannten sie die kleine Straße nicht Rue Neuchâtel, sondern schlicht und preußisch Neuenburger Straße. •

Foto: Vincent Bourrot


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