Kreuzberger Chronik
März 2018 - Ausgabe 197

Kreuzberger
Mehmet Aygül

Ich dachte nur: Man, ist das schön!


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von Hans W. Korfmann

Fotos: Dieter Peters

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Er weiß, dass auch bei ihm alles ganz anders hätte kommen können. Schon sein Vater, Muharrem Aygül, hatte Glück, als er 1968 aus der Südtürkei aufbrach und als einziger Mann unter lauter türkischen Gastarbeiterinnen im Flugzeug sitzen durfte: Er hatte das gelbe Los für den letzten freien Platz in der Boeing gezogen, »alle anderen Männer mussten mit dem Zug nach Deutschland reisen!«, erzählt er noch heute und lacht. Auch Mehmet, sein Sohn, sagt, er habe eben einfach Glück gehabt.

Es hätte auch anders ausgehen können, nachdem Mehmet erst einmal die Lehre als Gas- und Wasserinstallateur abgebrochen hatte, weil der Arzt sagte: »Wenn du so weitermachst, gehst du in zehn Jahren am Stock!« Die alten Klempner hatten den jungen Lehrling mit seinen gerade knappen 50 Kilogramm gern dazu benutzt, die alten, gusseisernen, »so 60 Kilo schweren Heizkörper von der Vierten bis runter zum Auto zu tragen«. Also brach er die Ausbildung ab und hing herum, mit seinen Freunden, in Bars, im Görli, am Kotti, im Kino, im Prinzenbad. »Obwohl das nicht mein Bad war. Da war man immer unter Beobachtung.« Denn die Türken in Kreuzberg kannten sich alle. Und wenn irgendjemand irgendeinen Blödsinn gemacht hatte, wenn der Bademeister sie mal wieder aus dem Bad warf, dann erwarteten die Mütter sie zuhause mit in die Hüften gestemmten Armen schon in der Haustür. »Es sprach sich alles immer ziemlich schnell rum in der türkischen Gemeinde«, von Tür zu Tür, vom einen Ende Kreuzbergs bis zum anderen.

Trotzdem war es »eine schöne Zeit«. Sie spielten Fußball, Billard, verliebten sich in Mädchen, saßen zum Sonnenuntergang auf den Kaimauern am Urbanhafen gegenüber vom Krankenhaus, »da gab´s ja auch Toiletten!« Und da war er geboren: »Klar, der Klassiker: Türke, im Urban geboren!« So verging ein ganzes Jahr, und Mehmet wusste immer noch nicht, was er machen sollte mit seiner abgebrochenen Ausbildung. Und deshalb hätte alles auch ganz anders ausgehen können.

Das erste Foto aus der neuen Heimat der Familie Aygül - im Ausländerwohnheim.








Aber irgendwann wurde Mehmet das Abhängen zu langweilig, und nicht weit vom Urban war die AGB, die Amerika-Gedenkbibliothek, in der ein Computer stand, an dem man spielen durfte. Jeden Nachmittag saß er da, und damit es nicht so auffiel, lieh er sich nebenbei manchmal ein Buch aus. Und dann war da eben diese große Bibliothekarin, »total nett«. Sie empfahl ihm mehrere Bücher und lächelte ihn immer so freundlich an, »ich hätte mich verlieben können! Und weil ich dann sowieso schon jeden Tag da war, hab ich sie gefragt, ob ich nicht vielleicht ein Praktikum hier machen könnte. Fünf Minuten später saßen wir am Computer und haben die Bewerbung für die Kinderbibliothek geschrieben, und am nächsten Tag hatte ich einen Praktikumsplatz. Das war schon ein Glück, diese Bibliothekarin!«

Das Praktikum war nur ein Schnupperpraktikum, und nach sechs Wochen hätte alles wieder vorbei sein können. Aber Mehmet hatte diesen Duft der Bücher zu tief eingeatmet. Er hatte die Atmosphäre zwischen den Regalen lieben gelernt und genoss die Stunden morgens früh, wenn die Türen der Bibliothek für alle anderen Berliner noch geschlossen waren und sich nur für einige wenige Ausgewählte öffneten; Wenn er beim Kaffee mit den Mitarbeitern der AGB zusammen saß, die über die neuen Bücher und die nächsten Bestellungen diskutierten. Die über ihre Kinder redeten oder die Politik oder das Essen. Es tat gut, nach einem Jahr »Abhängen wieder so was wie Alltag zu haben. Ich dachte nur: Mann, ist das schön!«

Mehmet Aygül war jetzt wild entschlossen, Bibliothekar zu werden. Doch dazu hätte er eigentlich erst einmal studieren müssen. Wenn es da nicht die Berufsbezeichnung des »FaMI« gäbe, was so viel bedeutete wie »Fachangestellter für Medien und Informationsdienste«. Die FaMIs taten in etwa das, was auch die Bibliothekare taten – nur verdienten sie weniger. Aber Geld interessierte Mehmet nicht. Er schrieb gleich fünf Bewerbungen an fünf Bibliotheken, »was kompletter Blödsinn war, weil die sowieso alle auf einem Schreibtisch landeten.« Und wurde zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen.

Natürlich war er aufgeregt. Wahrscheinlich war er der einzige türkische Bewerber unter zweihundert anderen, die ausgewählt worden waren. Zu acht betraten sie den Raum, ihnen gegenüber gleich neun Richter, »und schon, als wir da reinspazierten, fingen die an, sich Notizen zu machen, wie wir laufen, was für ein Gesicht wir machen, was weiß ich. Und dann bekommen wir einen Stapel Bücher auf den Tisch und sollen den in ein Regal sortieren, immer zu zweit, ich zusammen mit einem wirklich schönen Mädchen – ich glaub, in die hätte ich mich glatt verlieben können. Also räumten wir die Bücher ein, ich wusste ja aus der AGB, wie man das macht: die Bücher für die ganz Kleinen nach unten, die aktuellen nach vorne und so weiter. Danach haben sie uns ausgefragt, jeden Einzelnen. Und dann fragen die mich plötzlich: Weshalb haben Sie sich denn ausgerechnet für diese Bibliothek beworben?«

Mehmet fing an zu stottern, er hatte sich gleich für fünf beworben, er hatte nicht die geringste Ahnung, wie diese Bibliothek überhaupt aussah, was an ihr Besonderes war. Er hätte jede Bibliothek überall auf der Welt genommen. Aber dann fiel ihm diese Geschichte ein, wie er zum ersten Mal eine von diesen Bibliotheken betreten hatte. Und die erzählte er ihnen.

Er erzählte ihnen zuerst von seinen Eltern, die kaum lesen und schreiben konnten; vom großen Bruder, der den gesamten Schriftverkehr und alle Behördengänge für die Familie erledigen musste; und dann von jenem Moment, als er mit der Schulklasse das erste Mal eine Bibliothek betrat: »Ich wusste bis dahin nicht einmal, was eine Bibliothek ist. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukam, aber es hat mich sofort gepackt!«

Mehmets erste Bibliothek war die Else-Ury-Bibliothek in der Glogauer Straße, neben der Kirche, in diesem uralten Felssteinhaus, in dem die hölzernen Treppen wie im Mittelalter knarrten und im ersten Stock dieser große Raum voller Bücher ist. »Das war wie in den Filmen, die ich gesehen hatte.«
Aber nicht nur dieser Raum voller Bücher faszinierte ihn, sondern auch Frau Seebald, die riesige Bibliotheksleiterin, die plötzlich die Vorhänge zuzog und mit einem Beamer die Illustrationen aus einem Kinderbuch »an die Wand strahlte, während sie vorlas. Es war vollkommen still, man hörte nur noch ihre Stimme, ich war hin und weg. Das war noch schöner als ein Film, weil man immer nur ein Bild sah und sich die restlichen Bilder alle noch selbst vorstellen konnte. Weil da noch Platz für die eigene Phantasie war.«

Später stand er vor den Regalen und zog ein Buch heraus, das schon ganz abgegriffen und etwas schlapp war von den vielen Leserhänden. Auf dem Buchdeckel »war ein kleines Männchen mit haarigen Beinen, über ihm ein riesiger Drachen. Ich habe es sofort mitgenommen. Es war Der kleine Hobbit von Tolkien. Nach drei Tagen hatte ich es ausgelesen. Und dann kam der Herr der Ringe.... Also, jedenfalls.... – Seitdem liebe ich den Duft von Bibliotheken.«

Eine schöne Geschichte, fanden die Richter. »Sie haben uns jetzt erzählt, warum Sie sich für uns entschieden haben. Aber nun sagen Sie uns mal, warum wir uns ausgerechnet für Sie entscheiden sollten. Und nicht für die hübsche Konkurrentin, mit der Sie vorhin die Bücher so schön einsortiert haben.«

Auch auf diese Frage war Mehmet nicht vorbereitet gewesen. Er überlegte nicht mehr lange, er glaubte, er hätte ohnehin schon längst verloren, und sagte einfach, was er dachte: »Also, wenn ich Sie wäre, dann würde ich auch die andere nehmen!« Die Richter fanden das offensichtlich witzig. Sie lachten. Aber Mehmet hatte es ernst gemeint, es tat ihm wirklich leid, als man ihm zwei Tage später mitteilte, dass er - und nicht sie - den Platz bekommen hatte. »Sie war so hübsch gewesen.« Er hätte sich gern bei ihr entschuldigt. »Ich hatte einfach nur Glück! Das war der reine Zufall...« Aber er traf sie nie wieder. Sie kam nie in die Adalbertstraße, wo Mehmet jetzt seit fast zehn Jahren hinter der Theke steht: Der einzige, der letzte türkisch sprechende Bibliothekar in einer Stadt, die für 200.000 Türken Heimat geworden ist. In einer der letzten Bibliotheken Berlins, die auch Bücher in türkischer Sprache führt.

Die türkischen Einwanderer der Sechziger und Siebziger waren keine Inellektuellen. Sie lasen nicht, Mehmet ist eine Ausnahme. »Wir hatten im Treppenhaus auf dem Fensterbrett so eine Art Bibliothek, da legte jeder seine Bücher ab, wenn er sie ausgelesen hatte. Wir Kinder waren die einzigen, die danach griffen!« Für Bücher war in der elterlichen Einzimmerwohnung sowieso kein Platz. Auch als die siebenköpfige Familie in eine 120 Quadratmeter große Fünfzimmerwohnung in der Köpenicker Straße wechselte, waren Bücher vor allem den in Schultaschen.

»Wir versuchen, die Leute zum Lesen zu bringen. Wir laden Autoren ein aus der Türkei, veranstalten historische Abende, und da kommen manchmal fünfzig, sechzig Leute. Aber es sind immer die gleichen, Leute um die vierzig Jahre alt. Leute, die hier angekommen sind. Aber die Jungen können manchmal kaum noch türkisch, die lesen nur noch auf Deutsch. Und die Alten kommen nicht, weil sie weder deutsch noch türkisch lesen können und sich schämen.«

Aber wenn sie doch einmal kommen, sind sie überrascht. Von Mehmet. Mit dem sie über alles reden können. Über die Türkei, über Kreuzberg, die Blumen, das Essen, die Kinder. Denn miteinander Reden, das ist für ihn das Wichtigste. Reden wie in der AGB beim Kaffee. Wie früher, am Tresen, wenn die Leser ihre Bücher zurückbrachten und sagten: »Das war ein gutes Buch. Haben Sie noch so was?« Mit manchen konnte man sich eine halbe Stunde lang über ein einziges Buch unterhalten. Das war einfach schön.

Doch die Gespräche sind weniger geworden, seit die Leser ihre Bücher den Scannern übergeben. Auch die Bibliothekare sind weniger geworden. Sie haben Platz gemacht für Maschinen. Sogar hier, an einem Ort, an dem es ums Wort geht. »Wir stehen nur noch an Automaten«, sagt Mehmet, »überall, in der Bank, zuhause, im Geschäft.« Und Automaten schweigen. Sie reden nicht. Auch wenn sie so tun.

»Aber mit den richtigen Worten«, sagt der Mann hinter der Theke, »kann man Brücken schlagen.« Über die Gräben zwischen den Kulturen, in denen so viele verloren gingen. »Die sprechen kein Deutsch und kein Türkisch mehr!« Sagt Mehmet. Und meint, er habe nur Glück gehabt.

Aber vielleicht war es gar kein Glück damals, als er sich fast in die nette Bibliothekarin in der AGB verliebte. Als sich die 9 Bibliotheksmitarbeiter für Mehmet entschieden. Vielleicht sahen sie, dass dieser freundliche Türke es ernst meinte mit dem Wort und mit den Büchern. Dass dieser junge Mann Brücken schlagen konnte. Einmal, erzählt Mehmet, kam eine junge Anwältin herein, nur um sich zu bedanken. Sie sagte: »Sie wissen gar nicht, wie sehr mir diese kleine Bibliothek geholfen hat.« •



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