Kreuzberger Chronik
Februar 2018 - Ausgabe 196

Strassen, Häuser, Höfe

Die Großbeerenstraße Nr. 25


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von Hans W. Korfmann

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Foto: Privatarchiv
Das wichtigste für die Kinder an der Nummer 25 war für die Kinder der Hinterhof. Dort, hinter den zwei vergitterten Fenstern am Ende des Quergebäudes, reparierte der alte Müller noch ihre Räder. Bis 1965 hatte er vorne einen Laden besessen, jetzt gab es nur noch die kleine Werkstatt. Die Haustür war immer weit geöffnet, wenn er in der Werkstatt war. Dann radelten sie über das schwarz-weiß-geflieste Pflaster des Hausflurs an den Stiegenaufgängen vorbei in den Hof, und wenn der dicke Müller sie kommen sah, rief er: »Na komm schon her, Steppke, wat is´n nu schon wieder. Und wieviel Groschen haste denn heute dabei?«




Müller aus der 25 stand bei den Kindern im Ruf, jedes Rad zum Laufen zu bringen. Die Erwachsenen steuerten das Haus eher wegen des Zigarrrenladens von Frau Dechant im Vorderhaus an, auf deren Ladentheke noch der hölzerne Zigarrenschneider stand, mit dem man die runden Enden fachgerecht kappen konnte. Der Tabakhändler behielt sogar in den schweren Jahren nach dem Krieg noch einen treuen Kundenstamm, vielleicht auch wegen des Lottoladens gegenüber, der einer der ersten in der Stadt war und mit seinen »5 aus 90« dazu beitrug, so etwas wie Hoffnung auf bessere Zeiten unter den Nachkriegsberlinern zu verbreiten. Millionär wurde trotzdem niemand aus der Großbeerenstraße, auch später nicht, als man nur noch »6 aus 49« fürs große Glück brauchte.

Einer, der am Ende doch noch sein Glück machte in der Straße, war Wilhelm Lehmann, der einen Malerbetrieb und bei den Yorckbrücken eine großes Geschäft für Farben, Tapeten und Teppiche besaß. Dummerweise stand der Laden den Planern der Berliner Verkehrsbetriebe im Wege, die an den Tunneln und Zugängen der U7 arbeiteten. 1965 erklärten sie dem Ladenbesitzer Lehmann, dass er sein Grundstück entweider verkaufen oder sich enteignen lassen könne.

Also verkaufte er und mietetem, gemeinsam mit seinem Sohn, einen Laden in der Großbeerenstraße Nummer 25. Da, wo zuvor die Fahrräder von Müller im Schaufenster gestanden hatten, standen nun die Farbeimer von Lehmann, lagen Teppichrollen und Tapeten. Das Geschäft mit den Farben florierte, schließlich brauchten die Berliner viel neue Farbe, um ihre rußgeschwärzte Trümmerstadt wider ein bisschen aufzuputzen. Aber schon nach zwei Jahren erklärte Frau Kors, die Hauswirtin, dass sie ihr Haus verkaufen müsse.

»Das kann doch nicht sein!«, rief Lehmann. »Erst werden wir ausgebombt, dann vertreiben uns die Verkehrsbetriebe, und jetzt soll´n wir hier auch wieder raus. Ich kaufe!«

Das Haus mit der Nummer 25 war sein Glück. Es war schon 90 Jahre alt, hatte allerdings in den vielen Jahren seiner Existenz nur zweimal den Besitzer gewechselt. Im Vorderhaus lagen die großen Wohnungen mit den Parkettböden und den Flügeltüren, und die Seitenflügel endeten auf jeder Etage in verglasten Wintergärten, in die bis heute die Abendsonne scheint - damit die Orangen und Oliven im Winter nicht die Blätter abwerfen. Auch die Holzgaragen im Hof stehen alle noch, ebenso wie die alten Hofmauern aus den schon etwas bröseligen Ziegeln, die das Grundstück von denen der Nachbarn abgrenzen.

In einem der ehemaligen Pferdeställe ist Wilhelms Enkel mit seinem Büro eingezogen. Mit einem trockenen Lappen hat er die Deckenbalken geputzt, damit die jahrhundertalte, nicht mehr wasserfeste Bemalung erhalten blieb. Im Büro stehen noch die Pinsel des Großvaters, hängen Aquarelle und eine Fotografie des Malers.

Der Enkel versucht, etwas von der alten Zeit in die neue hinüber zu retten. Er ist in diesem Haus groß geworden. Er hat schon mit den Eltern und den Großeltern hier gewohnt und kann sich noch gut an die Teppichstange erinnern, und an den Müllmann, der gleich drei der Blechtonnen auf einmal über den Hof rollen konnte, »was einen Höllenlärm machte. Aber der Mann war ein Künstler!« So wie der Leierkastenmann, dem sie ein paar in Zeitungspapier gewickelte Groschen in den Hof hinunter warfen. Thomas erinnert sich auch noch an das hölzerne Klohäuschen mit den getrennten Separets für Damen und Herren. Und an den Geruch im Zigarrenladen, wenn die alte Frau Dechant es nicht mehr schnell genug bis zur Toilette schaffte.

Nach ihrem Tod expandierte das Farbengeschäft sogar noch einmal, die Schaufenster waren jetzt rechts und links von der Hoftür. Sogar der Durchgang zum Hof wurde verglast und zur Verkaufsfläche. »Wenn es klingelte und meine Mutter gerade auf der anderen Seite war, musste sie durch den Flur in den anderen Flügel. Die war eigentlich immer am Springen.« Unvergessen ist natürlich auch Frau Schrödter, die im selben Zimmer und im selben Bett zur Welt kam, in dem sie 2012 auch wieder von ihr ging.

Für den Enkel ist das Haus vor allem ein Ort der Erinnerungen. Ein Stück »Heimat«. Und das ist es nicht nur für ihn, sondern für alle, die hier wohnen. Sie wohnen auch nicht nur hier nicht, sie leben hier. Sitzen im Sommer im Hof und feiern Feste. Vertrauen einander die Tiere und die Blumen an. Die Post. Die Geheimnisse. Es scheint, als wäre es tatsächlich ein Glück für alle gewesen, als Wilhelm Lehmann dieses Haus damals kurzentschlossen kaufte. •


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