Kreuzberger Chronik
Februar 2018 - Ausgabe 196

Kreuzberger
Maria Langgärtner

Das ist doch schon so lange her...


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von Hans W. Korfmann

Fotos: Holger Groß

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Wenn der Flügel nicht wäre, dieser verkratzte, unscheinbare Bechstein, dann hätten sie sich vielleicht nie kennengelernt. Dann wäre es Eduard vielleicht nicht aufgefallen, dass diese quicklebendige Frau, die am liebsten den ganzen Tag »hässsisch babbele« würde, auch ihre stillen Seiten hat. Es muss bei den Chorproben gewesen sein, als seine Blicke das erste Mal aus den Reihen der Sänger ausscherten und an der Frau am Klavier hängen blieben, die plötzlich eine andere war. Die Augen, die sonst neugierig überall umherwanderten, schienen gefunden zu haben, was sie suchten. Sie ruhten auf der Tastatur, folgten den schmalen, gelenkigen Fingern, die leicht und flink über die schwarz-weißen Tasten in andere Welten tänzelten.

Als er sie dann wieder sah, in der Cafeteria, nur einen Tisch weiter, musste er zu ihr hinüber sehen. Anne, ihre Freundin, bemerkte die Blicke und tippte sie an die Schulter. Anne ist ihre älteste Freundin, die Frauen kennen sich noch aus Bad Soden und Zeiten, als Maria noch in dem Lebensmittelgeschäft ihrer Eltern aushalf, dem ältesten im Ort, »Grauel, seit 1828«. Als sie noch Tee, Kaffee, Brot und Butter verkaufte. Auch wenn das alles nicht das richtige für sie war. »Ich bin eher für das Feine. Zucker und Salz, das ist nichts für mich.«

Foto: Privatarchiv
Anne wollte den Mann am Nebentisch herüberwinken, aber Maria schüttelte den Kopf. »Das kam überhaupt nicht in Frage. Ich brauche doch meine Anlaufzeit!« – Als Anne sich zu Eduard an den Tisch setzte und zu plaudern begann, als kenne sie ihn seit ewigen Zeiten, blieb Maria sitzen. Auch als Anne unter dem Tisch heimlich Zeichen gab, Maria solle endlich herüber kommen, zierte sie sich. Es vergingen noch viele Nachmittage, an denen Maria und Eduard an getrennten Tischen der Cafeteria saßen und ihr Gläschen Sekt tranken.

Inzwischen sind sie verlobt. Und die Ringe, die sie getauscht haben, sind aus so dickem Gold, dass sie eigentlich ein Leben lang halten müssten. Sie haben es aus Liebe getan, und ein bisschen der Nachbarn wegen, die zu tuscheln begannen, weil sie ständig Händchen hielten. »Die Leute denken immer, wir wären den ganzen Tag am Knutschen – dabei ist das gar nicht so. Wir sind ziemlich seriös.«

Maria hätte nichts dagegen, den Berliner zu heiraten, auch wenn er fünf Jahre jünger ist. »Eduardchen« dagegen zögert noch. Die Frau ist ein wahres Energiebündel, sie sagt noch abends um zwölf zu ihm: »Da haben wir den ganzen Tag gebabbelt, jetzt müssen wir noch ein bisschen schwätzen!« Woraufhin er sagt: »Ich hab jetzt Pause, das steht im Tarifvertrag!« Woraufhin Maria einen Schmollmund zieht, wie ihn nur Frauen ziehen können. Wenn sie jung und verliebt sind.

Dass es Maria noch einmal so erwischen würde, hätte sie nicht gedacht. Schuld daran war wieder einmal der Flügel. Orgeln und Klaviere hatten schon immer eine Rolle gespielt in ihrem Leben. Dabei hatte sie den Klavierunterricht gehasst, genau wie ihre Schwestern. »Wir waren nicht sonderlich begabt, wir hatten eben ein Klavier in der Stube, so wie alle Familien, die etwas auf sich hielten. Und einmal in der Woche kam Frau Panitza, die Klavierlehrerin mit dem Dutt, um nacheinander mit den drei Töchtern zu üben. Wir haben eben gefolgt!«

Eines Tages hatte Maria ihren ersten Auftritt im Kurhaus. Mit nur zwei Fingern spielte sie den Flohwalzer, aber die Leute klatschten »wie verrückt. Das war herrlich!« Vielleicht war es der Applaus, der sie anspornte, weiter zu üben. Zehn Jahre lang. Bis es sich herumsprach im kleinen Bad Soden, dass die Maria schon ganz ordentlich Klavier spielte. Auch der Pfarrer hörte davon, und als sie ihn eines Tages in einem kleinen Sträßchen traf, fragte er: »Sag mal, bist du nicht die Maria, die Klavierspielen kann? Komm doch vorbei und probier mal.«

Da war sie sechzehn. Und es war die Zeit, in der viele Männer starben. Denn es war Krieg. Und Maria saß jetzt oben auf der Empore und spielte die Orgel mit 70 Registern. Immer häufiger fanden die Trauergottesdienste statt für die jungen Soldaten, die gefallen waren. »Manchmal waren es drei oder vier in einer Woche, und manchmal kannte ich die auch, die da gestorben waren.« Dann saß sie da oben und spielte das Lied vom guten Kameraden, »die erste Strophe laut und mächtig, die Orgel muss schreien dabei…. Ich hatt einen Kameraden…, die zweite schon etwas leiser, …die Kugel kam geflogen, galt sie mir, galt sie dir, sie hat ihn weggerissen… und dann die dritte Strophe, immer leiser, schon wie von Ferne, so als entferne sich der Gefallene schon, … will mir die Hand noch reichen…« Und während Marias Orgel immer leiser wurde, wurde das Schluchzen unten in den Rängen immer lauter. »Es war furchtbar, all diese weinenden Mütter.« Oft hat sie mitweinen müssen, konnte die Noten nicht mehr lesen vor lauter Tränen, aber sie hätte das Lied im Schlaf spielen können, so oft spielte sie es. Sie spielt es heute noch manchmal, mit geschlossenen Augen und ganz ernstem Gesicht. Und noch heute erscheint im Augenwinkel manchmal die kleine, glitzernde Perle der Trauer.

Maria Langgärtner hat ihren Platz vor der Orgel nie mehr verlassen seitdem. Alle in Bad Soden kannten die schöne Organistin. Auch in Berlin kannte sie schon einer. »Hans Müller hieß der, glaub ich. Ein Journalist. Am Anfang hat er mir gar nicht gefallen, aber plötzlich war er schön.« Hans Müller war zur Kur in Bad Soden, der Park lag gleich neben dem elterlichen Laden, in dem sie aushalf. Der Berliner war so verzaubert von ihr, dass er darauf bestand, ein Foto von ihr zu machen. Sie hat viele, dicke Fotoalben, aber dieses Foto ist ihr schönstes.

Leider war Hans Müller evangelisch, weshalb die Eltern ihre Tochter ins Internat nach Fulda schickten. Die Oberin musste dafür Sorge tragen, dass sich kein Berliner der Tochter näherte. Als Maria wieder heimkehren durfte, stand in ihrem Ausweis bereits die Berufsbezeichnung »Kirchenmusikerin«. Vielleicht wäre sie für immer in Bad Soden geblieben, wenn nicht eines Tages ein katholischer Bayer aufgetaucht wäre. Maria Langgärtner kann sich nicht mehr genau erinnern, wo und wann sie ihn kennenlernte. »Das ist doch schon so lange her! Und außerdem: Das geht alles vorbei, wie Sonne und Regen.«

Der Bayer entführte sie nach Schönau, wo sie wieder hinter der Kirchenorgel Platz nahm. Sie hatte es lieben gelernt, das Instrument, das sie am Anfang nicht mochte. »Wenn ich spiele, da geht der ganze Körper mit. Und auch, wenn man in der Kirche keinen Beifall bekommt wie die Pianisten in den Konzertsälen, merkt man doch, wie man die Leute erreicht mit der Musik, wenn sie plötzlich aus voller Seele mitsingen. Dann fühlt man sich ein bisschen wie ein Star.«

Auch als sie nach Berlin zogen, fand sie schnell ihren Platz an der Orgel: »Sie schickt uns der Himmel!«, rief der Pfarrer in Charlottenburg. Der Kirchenchor allerdings schien weniger begeistert: Eine Frau als Chorleiter, und noch dazu aus Bayern! Was soll denn das werden! Aber Maria Langgärtner ist streng, nach zwei Proben sangen alle mit.

Sie hat auf vielen Berliner Orgeln gespielt seitdem. Irgendwann einmal, zu Weihnachten, musste sie das Ave Maria gleich in neun Kirchen anstimmen. Sie liebt dieses Ave Maria. Manchmal liegt sie im Bett, in ihrem Kopf spielt die Orgel, und sie summt leise die Worte vor sich hin. »Wenn ich genau hinhöre, ist immer eine Musik im Kopf!« Manchmal auch solche Sachen wie Marmor, Stein und Eisen bricht ... . Manchmal war sie eben »lieber in der Kneipe als in der Kirche.«

Foto: Holger Groß
Eduard nickt. »Man braucht nur eine Melodie anzustimmen, und sie steigt sofort ein.« Sie braucht keine Noten mehr, aber sie blickt noch immer dorthin, wo einst der Notenständer stand. »Dabei spiel´ ich ja schon lang im Dunkeln.« Das Augenlicht wird schwach. Aber die Musik ist noch da. Hell und klar. Am Freitag wird sie proben, unten, im großen Saal des Seniorenhauses, mit ihrem Chor. 40 Stimmen hören dann auf sie. Lauschen darauf, welchen Ton sie angibt. Schauen zu ihr hinüber. Still und ernst sitzt sie da, so wie in der Kirche, im Krieg.

Nach den Proben babbelt sie wieder. Und wenn dann einer fragt, wie das denn sei für eine 91-Jährige mit so einem jungen Spund wie dem Eduard, dann sagt sie: »Ach - belebend!« Und Eduard sagt: »Das hat ihr doch der Arzt verordnet. Damit sie wieder in Schwung kommt. Drei mal täglich!« – »Dreimal täglich? Du meinst das Frühstück!«, kichert Maria. So wie eben nur Frauen kichern. Wenn sie jung und verliebt sind. Aber auch der junge Eduard muss jetzt kichern: »Ach, Frühstück nennt man das jetzt?« •




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