Kreuzberger Chronik
Februar 2018 - Ausgabe 196

Reportagen, Gespräche, Interviews

Andere Heimat Görli


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von Michael Unfried

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Kaum eine Ausstellung sorgte im Vorfeld für so viel Aufregung. Zum Abschluss sollte es ein klärendes Gespräch geben. Doch die Diskussion endete in Banalitäten.

Eigentlich hatte die aktuelle Ausstellung der Anstoß für eine Diskussion sein sollen, in der es nicht um bürgerliche Bedenken ging. Die hatten schon im Vorfeld der Ausstellungseröffnung für Debatten in den Medien und in der Politik gesorgt, wie sie schon lange kein Museum mehr hatte hervorrufen können. Es ging um eine Ausstellung mit dem Titel Andere Heimaten, in der die Lebenswege all jener Afrikaner beschrieben wurden, die vorläufig im Görlitzer Park, und damit in der Illegalität, endeten. Es ging um das Schicksal von Flüchtlingen, die kein Bleiberecht und keine Existenzberechtigung in Deutschland erhielten. Um Männer, die Sätze sagten wie: »Ich wäre auch lieber Sozialarbeiter als Drogendealer!«

Die Rezensenten jedoch brachten weit weniger Verständnis für die Situation der Afrikaner auf als Scott Holmquist, der Kurator der Ausstellung. Gutbürgerliche Zeitungen schrieben von einer Verharmlosung der Drogenszene, und gutbürgerliche Politiker wie Burkard Dregger von der Christlichen Union fassten ihren Unmut in Sätzen zusammen, die man sonst eher an Stammtischen in lichtlosen bayerischen Hinterwelten als in öffentlichen Diskussionen hört: »Diese Drogendealer gehören in den Knast und nicht in eine Ausstellung«.

Am letzten Ausstellungstag sollte unter dem Dach des Kreuzberg-Museums noch einmal über all das geredet werden. Es sollte das Thema noch einmal in aller Ruhe ausgelotet werden, abseits der hitzigen Debatten. Es sei, so die Kreuzberger Kulturstadträtin, schließlich die Aufgabe eines Bezirksmuseums, »Themen des Bezirks aufzugreifen und Diskussionen anzustoßen.«

Diskussionsteilnehmer waren auf Grund des Medienrummels reichlich vorhanden. Gekommen waren, im Gegensatz zu ähnlichen Veranstaltungen, nicht mehr die grauhaarigen Altachtundsechziger, sondern viele junge Leute, sogar ein Kleinkind brabbelte gut gelaunt vor sich hin. Von jenen, die nach der Stilllegung des Bahnhofs in den Achtzigern die Öde zwischen den Schienensträngen in einen Park verwandelten, war gerade noch eine halbe Stuhlreihe vertreten. Und von jenen, die einst in indischen Gewändern im Görli friedliche Rauchwölkchen in den Himmel über Berlin aufsteigen ließen, war gar keiner gekommen.

Vielleicht lag es am Altersdurchschnitt, wenn es in der Diskussion schon bald nicht mehr um die Flüchtlinge und das Leben in der Illegalität ging, sondern um die steigende Zahl von Touristen, die sich im Sommer auf dem städtischen Rasen ausbreiteten, als sei das ihre Grünfläche. Die ihren Müll nicht wegräumten. Die bis nachts Lärm machten. Und schon morgens früh dort herumsaßen. »Das ist ja wie am Strand, da muss man als Kreuzberger ja schon um 10 sein Handtuch auf die Wiese legen, wenn man am Wochenende noch einen Platz haben will.«

Es ging um RBNB, um die vielen Ferienwohnungen und die fehlenden Mietwohnungen. Es ging um die fehlenden Tischtennisplatten, fehlende Sportplätze, die fehlenden Spielplätze und die fehlende Hundeauslaufzone. Mit einem Wort: Um all das, was die noch junge Generation der Kreuzberger noch vermisste in ihrem neuen Wohnbezirk. Und um das, was sie noch störte an Kreuzberg. Wozu irgendwie - trotz aller jugendlichen Toleranz - auch diese überall herumstehenden Afrikaner im Park gehörten, an dem immerhin auch der Schulweg ihrer Kinder vorbeiführte. Es ging ihnen um ihre Sorgen. Nicht um die der anderen.

Aber dann sprach Cengiz Demirci. Demirci - seit einem Jahr »der Parkmanager, der Parkwächter, sogar der Parkranger« im Görli, »dabei bin ich einfach nur Cengiz« - ist ein geduldiger Mensch. Er kennt die Sorgen seiner Anwohner. Er ist der Vermittler zwischen den Schwarzen und den Weißen. Seine Geduld ist überlebenswichtig. Cengiz sagt: »Wir gehen ja schon hin zu den Leuten und sagen ihnen, dass sie sich nicht immer gleich zu zehnt dort aufstellen müssen, dass sie auch zu dritt da herumstehen und ihre Drogen verkaufen können.« Das sähe zumindest weniger bedrohlich aus. Außerdem habe er sie gebeten, weniger aufdringlich zu sein und nicht sämtliche Passanten anzusprechen wie die Kellner auf den Restaurantzeilen von Venedig. »Die Leute kommen schon zu euch hin, wenn die was wollen.« Aber die afrikanischen Haschischhändler scheinen so beratungsresistent zu sein wie die italienischen Pizzaverkäufer.

Cengiz hat Geduld und ist bescheiden. Er weiß, dass der Görli nicht der Vorgarten des Paradieses ist, und macht deutlich, worum es ihm geht: »Um ein bisschen mehr Disziplin!« Um ein friedliches Miteinander zweier sehr unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen: afrikanische Einwanderer, die keine Arbeit bekommen, und deutsche Bürger, die monatlich ihr Geld erhalten.

Doch das bescheidene Ziel eines friedlichen Miteinanders ist für viele im Saal zu viel Bescheidenheit. Ein Gemurmel setzt ein, man witzelt, schlägt Schilder vor, die sich die Drogenhändler umhängen könnten: Hier Drogenverkauf! Da kommt eine Frau zu Wort, die nicht erst seit Kurzem am Görli wohnt. Eine aus der halben Sitzreihe der alten Kreuzberger. »Ich wohne hier schon sehr lange. Und mir gefällt diese Diskussion überhaupt nicht. Die geht in die vollkommen falsche Richtung. Das hört sich doch jetzt an, als wäre jeder Schwarze ein gefährlicher Dealer. Dabei ist der Görli doch viel sicherer geworden, seit die Afrikaner da sind. Früher hingen hier Zettel an den Bäumen, da stand drauf: Vergewaltiger, wir kriegen dich! Da war das hier wirklich eine finstere, unheimliche Gegend. Aber seit das hier ein Treffpunkt geworden ist, seit hier die Touristen sitzen, kann man hier doch wieder langgehen, sogar mitten in der Nacht.«

Jetzt meldet sich auch eine junge Frau aus den hinteren Reihen zu Wort, um auf das ausgeprägte Vorurteil vom Schwarzen Mann hinzuweisen. »Die Bösen sind doch ganz andere. Es sind doch auch im Drogenhandel die Weißen, die das große Geld verdienen. Die Schwarzen sind doch wieder nur die Sklaven.«

Cengiz sagt: »Die machen das ja nicht freiwillig. Die schämen sich. Die würden auch lieber arbeiten gehen als da den ganzen Tag rumzustehen. Aber ich kann ihnen leider auch keine Arbeitserlaubnis geben, dazu müsste ich Bundeskanzler sein!«

Schriebe man nicht das Jahr 2018, sondern das Jahr 1978, dann hätte der Parkranger jetzt lauten Beifall geerntet. Spätestens jetzt hätten sich die politisch gebildeten Kommunarden eingeschaltet und die tatsächlich Verantwortlichen für die Verhältnisse im Görlitzer Park genannt. Sie hätten ein Jahrhunderte altes System angeprangert, das schon in den Zeiten des Kolonialismus mit der Ausbeutung Afrikas begann und die Bevölkerung in die Armut trieb. Sie hätten die erschütternde Zahl von 2925 Flüchtlingen genannt, die im vergangenen Jahr auf dem Weg von Afrika nach Europa ertrunken sind. Sie hätten die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung angegriffen. Sie hätten den kleinen Görli in einen größeren Zusammenhang eingeordnet.

Stattdessen kehrte die Diskussion von den großen Weltzusammenhängen zurück zum Görli. Es ging um 200.000 Euro für die Parkpflege, die fehlen, obwohl noch nie so viel Geld in den öffentlichen Kassen zur Verfügung stand wie jetzt. Auch für die kostenlosen klassischen Klavierkonzerte, die der Verein zur Förderung der Kultur im öffentlichen Raum im Sommer im Park veranstaltete - und denen nicht nur weiße Musikprofessoren, sondern auch schwarze Flüchtlinge zuhörten - gab es keine öffentlichen Mittel. Nicht einmal für die Sozialarbeit im Park haben Stadt oder Bezirk Geld übrig. Nur noch für den einsamen Parkwächter Cengiz Demirci.

»3500 Euro Brutto bekomme ich!«, sagt er. Davon kann er leben. Die anderen im Park, die Afrikaner, haben nichts. »Die brauchen dieses Geld, das sie sich da im Park verdienen!«, sagt der Ranger. Doch es gibt keinen Beifall für diesen Satz, es bleibt still im Saal. Die Eltern haben Angst um ihre Kinder. Sie haben Angst vorm Schwarzen Mann.

»Es ist alles nur eine Frage der Integration!«, versucht es Cengiz Demirci noch einmal. Er kämpft, er wirbelt mit den Armen, er sucht im Publikum nach Unterstützung. »Wir müssen uns alle integrieren! Nicht nur die Afrikaner, sondern wir alle: alte Kreuzberger, neue Kreuzberger, Türken und Afrikaner, Sie und ich. Hier geht es nicht um Tischtennisplatten oder Hundeauslaufzonen oder um den Görlitzer Park - hier geht es um die Probleme der Bundesrepublik im 21. Jahrhundert. Um eine der größten Flüchtlingswellen in der Geschichte der Menschheit.«

Foto: Edith Siepmann
Es sind die letzten Sätze an diesem leisen Diskussionsabend im Kreuzberg Museum. Aber zwei Etagen tiefer, in der Ausstellung, stehen noch Menschen und betrachten nachdenklich die Routen der Flüchtlingsströme, die aus allen Winkeln Afrikas nach Deutschland führen. Sie sehen aus wie die Linien der Fluggesellschaften in den Bordmagazinen. Das ist kein Zufall. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Welt auf dieser Landkarte des 21. Jahrhunderts aus dem Lot geraten ist: Da, wo sonst Norden ist, ist jetzt Westen! Es gibt kein »Oben« und kein »Unten« mehr, alle Orte auf dieser Karte sind auf Augenhöhe. Die geographische Hierarchie ist der Gleichberechtigung gewichen. •




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