Kreuzberger Chronik
Februar 2018 - Ausgabe 196

Kanzlei Hilfreich

Das dunkelbraune Kind


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von Kajo Frings

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Wie Jens Hilfreich einem alten Berliner zur Scheidung von seiner Frau verhalf.

Herr Bernbach, geboren 1946 im amerikanischen Sektor von Berlin, war ein Mensch, der sich anstrengte, es allen anderen Menschen gerecht zu machen. Aber er wurde immer wieder enttäuscht. Andere hätten es Pech genannt, aber ihm schien es, als verfolge ihn eine geheimnisvolle Wolke, aus der jemand ständig Unheil auf ihn regnen ließ. Es waren scheinbar Kleinigkeiten, z.B. ein Zahlendreher in einem Dauerauftrag, der dazu führte, dass er plötzlich mit mehr als zwei Monatsmieten im Rückstand war und die Kündigung erhielt. Oder dass die Antwort auf den Vergleich, den ihm der Vermieter anbot, niemals beim Vermieter ankam und dieser dann die Wohnung an den Hausmeister verkaufte.

Bernbach war empört: »An einen tunesischen Hausmeister!« Jens Hilfreich überhörte derlei Anspielungen seines Klienten. Aber er musste grinsen, als Herr Bernbach Jahre später wieder in seiner Kanzlei stand und erzählte, dass er noch einmal geheiratet habe, eine biologisch einwandfrei deutsche Frau, und dass sie auch sehr bald schwanger geworden sei. Er sei glücklich gewesen, aber dann wurde das Kind geboren - und eine Welt brach zusammen. Die Hautfarbe des Kindes war dunkelbraun.

Jens Hilfreich brauchte Geld und übernahm den Fall. Vaterschaftsanfechtungsklage einerseits und Scheidungsklage andererseits - das lohnte sich. Frau Bernbach stritt - wie erwartete - alles ab. Sie sei niemals »fremdgegangen«, mit einem Dunkelhäutigen schon gar nicht. »Neger« traute sich zu dieser Zeit schon niemand mehr zu sagen. So entbrannte der Streit zwischen den verschiedenen Gutachtern, bis ein Sachverständiger die Entnahme von Blutproben der Geschwister Bernbachs beantragte. Das Ergebnis war beeindruckend:

Herr Bernbach und seine jüngeren Geschwister hatten zwar dieselbe Mutter, nicht jedoch denselben Vater. Da musste wohl damals im Sommer 1945 die Mutter im amerikanischen Sektor kurz vor der Hochzeit mit ihrem deutschen Bräutigam mit diesem dunkelhäutigen Sergeanten der US-Army….. - Nicht die Frau des Herrn Bernbach war fremdgegangen, sondern die Mutter!

Jens Hilfreich versuchte, seinem verzweifelten Mandanten die Gemengelage zu erklären. Er begann im Kloster von Brünn, wo ein gewisser Gregor Mendel seine Erb-Gesetze an Erbsen entwickelte und schlussendlich bis zur polygenen Vererbung der Hautfarbe vorstieß. Herr Bernbach verstand nichts. Dennoch konnte Hilfreich ihn überreden, die Vaterschaftsanfechtungsklage zurückzunehmen, was er sich hätte sparen können, denn Frau Bernbach hatte nun auch ihrerseits die Scheidung beantragt. Herr Bernbach aber sah sich bestätigt in seinem Urteil, dass schon 1945 die Siegermächte den Plan gefasst hatten, das deutsche Volk insbesondere in Berlin auszurotten. •


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