Kreuzberger Chronik
Dez. 2018/ 2019 - Ausgabe 205

Kreuzberger
Gerhard Oschmann

Die Häuser denen, die darin wohnen


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von Horst Unsold

Titelfoto: Holger Groß

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Gerhard Oschmann ist ein Schwabe. Und er besitzt ein Haus. Mitten in Kreuzberg. Doch das sieht man ihm nicht an, der lange weiße Bart, die zotteligen, langen Haare, die alten Beulen an den Knien seiner Hosen sind eine perfekte Tarnung. Oschmann erinnert eher an einen Künstler, oder an die Studenten, die in den Siebzigern nach Berlin kamen. An die neuzeitlichen schwäbischen Einwanderer, die »hier ein Haus kaufen und dann beim Bäcker ihre Wecken verlangen, als wären sie in Stuttgart«, an die erinnert er nicht.

Dazu ist er schon zu lange in Berlin. Wenn die Berliner über Oschmanns Landsleute spotten, dann hört er ihnen zu, ohne dass das Lächeln verschwindet, das so oft um seine Lippen spielt, und das vielleicht vom Alter kommt, oder vom Glück, das er hatte mit diesem Haus oder mit Angela - »das ist die beste Frau der Welt!« Wenn die Berliner dann mit ihren Lästereien über die Schwaben fertig sind, schließt er die Diskussion mit Sätzen ab wie diesem: »Aber was ärgert Ihr euch denn so? Wenn einer aus Mercedesland kommt, kann man doch nichts anderes erwarten.« Und manchmal fügt er hinzu: »Aber es gibt Ausnahmen...« Und dann zwinkert er ein bisschen.

Gerhard Oschmann ist so eine Ausnahme. Ein alter Schwabe. Aus einer erzschwäbischen und erzreligiösen Familie. Wenn ihm ein leidiges »Ach Gott« entwischte, sagte die Schwester: »Aber Gerhard, so was darfscht net sage!« Und als der einzige Sohn der sechsköpfigen Familie sich Anfang der Siebziger entschied, dem Schwabeländle den Rücken zuzukehren und ins flache Berlin zu ziehen, schlug man die Hände über dem Kopf zusammen und warnte ihn, »sich da bloß nicht reinziehen zu lassen« in diese Geschichten, die man von dort las und hörte. »Aber genau das hatte ich vor: Mich reinziehen zu lassen.«

Schon wenig später bestätigten sich die Befürchtungen der Familie: Seine neue Berliner Freundin, mit der er offensichtlich in wilder Ehe lebte, heiratete einen Flüchtling aus Mossul, nur damit der ein Bleiberecht erhielt. »Das brachte die Familie in Schwaben ganz schön durcheinander«, Ordnung kehrte erst wieder ein, als sich Angela scheiden ließ und ihren Gerhard heiratete. Seitdem herrscht Frieden in der Familie, seit über vierzig Jahren jetzt. Denn so lange schon sind Angela und Gerhard ein glücklich verheiratetes Paar und »ganz legitim.«

Gerhard Oschmann konnte die Erwartungen der Familie nie ganz erfüllen. Ebensowenig wie sein Vater, der Sohn eines wohlhabenden Pfarrers. »Mein Vater war einfach viel zu schüchtern zum Predigen.« Also kaufte der Großvater dem Vater eine evangelische Buchhandlung, denn Gerhards Vater liebte die Bücher. Und als der Büchernarr eines Tages in der Bibliothek in Leipzig eine Bibliothekarin kennenlernte und sich unsterblich verliebte, schien das Glück perfekt. Dann aber kam der Krieg, der Buchladen in Köln lag in Schutt und Asche. Weshalb Gerhards Vater eine Stelle in der evangelischen Buchhandlung in Stuttgart annehmen musste, die er ein Leben lang behielt.

»Wir hatten ganz, ganz wenig Geld, und es war sehr beengt in der Wohnung meiner Großmutter.« Daran erinnert sich Gerhard noch gut. Die Großmutter wohnte in einer Villa in der Lessingstraße am Stadtrand, allerdings in der winzigen Dienstbotenwohnung unter dem Dach. Dennoch »führte sie die Besucher immer stolz zum Fenster, weil man von dort so eine wunderbare Aussicht auf Stuttgart hatte.« In diesem Haus erlebte Gerhard Oschmann die Jugendjahre, gemeinsam mit seinen drei Schwestern, den Eltern, der Großmutter und den 26 Bibeln im Bücherregal. Die Schuljahre verbrachte er im Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, einer Eliteschule, denn der Vater setzte große Hoffnungen auf ihn, »der wünschte sich wahrscheinlich einen berühmten Geisteswissenschaftler zum Sohn oder so etwas. Aber die Schule war nicht das Richtige für mich.«

Nach der sechsten Klasse verließ Gerhard das Gymnasium und begann eine Lehre als Elektriker, um später auf der Abendschule doch noch das Abitur zu machen. Die 26 Bibeln in der heimischen Bibliothek hatten ihre Wirkung nicht verfehlt, und 1969 schickte sich Gerhard Oschmann doch noch an, in die Fußstapfen des Großvaters zu treten und bei Professor Käsemann Theologie zu studieren. Die Welt war schlecht, sie musste besser werden. Zwei Semester verbrachte er im ehrwürdigen Tübinger Stift, aber es dauerte nicht lange, da sah man ein, dass dieser junge Mann »zu viel eigene Sachen im Kopf hatte«, und verwies ihn des Hauses.

Nicht dass der junge Mann bei Ernst Bloch und Walter Jens, die zu jener Zeit in Tübingen die hölzernen Auditorien füllten, mit dem kommunistischen Bazillus infiziert worden wäre. Oschmann sah noch keine politische Alternative zur religiösen Weltverbesserung, »in Tübingen war noch nicht viel los Ende der Sechziger, politisiert wurde ich erst viel später, in Berlin.« Aber er hatte sich immer eine eigene Meinung vorbehalten und nie hereinreden lassen. Er war ein echter schwäbischer Sturkopf.

Dennoch fiel ihm der Abschied von der Theologie »ganz, ganz schwer.« Noch in Heidelberg, wo er mit Waltraud, einer Bibliothekarin, zusammenzog, und sogar noch später, in Berlin, hielt er an seinem Glauben fest. Seine Magisterarbeit schrieb er über »neue Formen des Konfirmationsunterrichts«. Aber er ließ auch keine Demo aus, egal, ob es um Vietnam, den Ausstieg aus der Atomenergie oder den Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus ging. Immer wieder besuchte er das andere Deutschland hinter der Mauer, es beeindruckte ihn, dass es dort weder Obdachlose noch Arbeitslose gab. Es beeindruckte ihn dermaßen, dass er eines Tages tatsächlich das Theologiestudium aufgab und sich der Soziologie zuwandte.

Er las »Das Kapital« und ließ sich einen langen Bart wachsen. Er arbeitete in selbstorganisierten Kinderläden im Wedding am Sparrplatz und in Kreuzberg am Heinrichplatz. Und er fühlte sich wohl in der geteilten Stadt. Berlin war »eine Traumstadt«, nirgends gab es so viel Freiheit wie im West-Berlin der Siebzigerjahre. Es machte dem Kriegskind nichts aus, in eine Einzimmerwohnung in der Arndtstraße zu ziehen, »mit Außenklo und Allesbrenner für 35 Mark im Monat. Das Haus ist inzwischen luxussaniert.« Dann gründeten sie in einer 6-Zimmerwohnung in Charlottenburg eine Wohngemeinschaft, was kein Kompromiss war, sondern ein Stück Lebensphilosophie. Berlin mit seinen großen Wohnungen war ideal für Wohngemeinschaften. Es gab ganze Häuser voller Wohngemeinschaften. Man wollte mit anderen zusammenleben, in einer kleinen, intakten Gesellschaft. Es war der Traum von der heilen Welt, der diese jungen Leute antrieb, und nach der sich auch der Theologe Oschmann schon immer gesehnt hatte. Sie schrieben es an die Backsteinwände: »Die Häuser denen, die darin wohnen!«

Foto: Privatarchiv
Und dann kam das Schicksalsjahr. 1985. Erika, die Freundin von Angela, hatte geerbt und wollte ein Haus kaufen, für eine riesige Wohngemeinschaft. Erika kam von der Idee wieder ab und suchte sich eine Villa im Grunewald, aber die junge Familie Oschmann mit ihren zwei kleinen Kindern ließ die Idee nicht mehr los: ein Haus für alle.

Und da sitzt er nun, Gerhard Oschmann, der Schwabe. In seinem großen Haus, in einer kleinen 2-Zimmerwohnung im zweiten Stock. An einem runden Tisch mit einer roten Plastiktischdecke, zwischen zwei vollen Bücherregalen und einem verglasten Bücherschrank, in der Ecke zusammengerollt ein Transparent aus Gorleben: Atomkraft, Nein Danke!

Oschmann ist zufrieden. »Wir haben Glück gehabt, wir waren eines der letzten Häuser in Kreuzberg, das noch Geld für die Sanierung bekam.« Aber es hat lange gedauert, bis das Haus fertig war. Alle haben mitgeholfen, sie haben das Treppenhaus mit den bunten Glasmosaiken, die Fassade, den Vorgarten, den Hinterhof gemacht, den Dachgarten angelegt, einen der schönsten Dachgärten Berlins. Ein Fotoalbum zeigt die jungen Männer und Frauen bei den Bauarbeiten auf dem Dach. Sie haben alles, was alt war, erhalten, kein Architekt konnte den schwäbischen Sturkopf davon überzeugen, dass das Neue besser sei als das Alte. Dann wurden die Kinder geboren, im Vorderhaus und in den Seitenflügeln, und im Hof, unter dem Ahorn, entstand ein Spielplatz, aus dem den ganzen Tag über die hellen Stimmen der Kinder drangen.

Foto: Marco Saß
Foto: Archiv Marco Saß


Inzwischen ist Efeu über den Sandkasten gewachsen, die jungen Eltern sind alt geworden, die Kinder aus- und die Eltern aus der großen Wohnung vom vierten in den zweiten Stock gezogen. 60 Quadratmeter haben sie jetzt noch. Die Oschmanns brauchen nicht viel Platz, eine Küche, ein Bad, ein paar Bücherregale für die Theorien im großen Zimmer mit den Strohblumen vor dem Fenster und dem Blick nach Osten. In einer Reihe stehen die altmodischen Aktenordner, mit dickem, schwarzem Filzstift haben Angela und Gerhard »Mietverträge«, »Abrechnungen« auf die Rücken geschrieben. Manchmal schlurft Oschmann in seinen dicken Socken über die knarrenden Dielen und holt einen dieser Ordner heraus, »an die dreißig Mietwohnungen« sind es im Haus, »so genau weiß ich das gar nicht.« Dann schlägt er den Ordner auf, berechnet Nebenkosten, heftet Rechnungen ein, kontrolliert Kontoauszüge. Sie macht Arbeit, diese Buchhaltung, aber dafür wird er ja auch bezahlt. Drei Euro bekommt Oschmann pro Quadratmeter, und er denkt nicht daran, die Miete zu erhöhen. »Drei Euro, davon können Angela und ich doch gut leben. Mehr brauchen wir nicht.« Und dann fügt der Mann mit dem langen Bart hinzu: »Es ist doch ein Armutszeugnis, dass sich in diesem reichen Land und in dieser großen Stadt so viele Menschen Sorgen um ihre Wohnung machen müssen!« Für einen Moment verschwindet das Lächeln von den Mundwinkeln des Herrn Oschmann. Aber dann kommt es gleich wieder zurück, und er zupft ein bisschen an seinem langen Karl-Marx-Bart. »Ich bin eben eher der Praktiker als der Theoretiker!«

Foto: Marco Saß
Foto: Archiv Marco Saß


Die Theologie war nur eine Theorie, so wie der Sozialismus. Hier, mit diesem Haus, in dem sie jetzt alle wohnen und allmählich alt werden, miteinander streiten und sich wieder versöhnen, miteinander feiern und bald vielleicht einander zu Grabe tragen, hat er ein bisschen von diesen Theorien verwirklichen können. »Ein ganz kleines bisschen!«, sagt Oschmann und lässt zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger nur einen winzigen Spalt. Der Rest ist noch Theorie. Den Rest müssen dann die Kinder verwirklichen. Und vielleicht haben sie ja etwas gelernt in dem kleinen Hinterhof der Schleiermacherstraße.

Einmal klingelte es, da stand ein Mann, so alt wie Gerhard Oschmann. Er fragte, ob er kurz hereinkommen dürfe, die Wohnung sei seine Kinderstube, er sei hier groß geworden. Die beiden Männer plauderten und tranken Kaffee, und dann ging der Besucher zum Fenster und sagte: »Und hier, von diesem Fenster aus, hab ich unserm Vermieter dann einmal auf den Kopf gespuckt. Das war das Größte!«

Der Satz stimmte Oschmann nachdenklich. Manchmal fragt man ihn, woher eigentlich dieses freundliche Lächeln um seinen Mund komme. Wahrscheinlich, weil er glücklich ist. »Und glücklich bin ich, weil die Leute, die hier wohnen, auch glücklich sind.« Keiner in seinem Haus würde auf die Idee kommen, ihn zu bespucken. •




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