Kreuzberger Chronik
Dez. 2018/ 2019 - Ausgabe 205

Kanzlei Hilfreich

Von nichts kommt nichts


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von Kajo Frings

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Vom Erschleichen des Begrüßungsgeldes

Luisa und Inge hatten eine schwere Kindheit, sie wuchsen in den 80er Jahren in West-Berlin nahezu wie Waisen auf. Ende der 70er als Kinder von links-alternativen Eltern geboren, hatten sie es auch später nicht leicht. In der vorgezogenen Landtagswahl von 1981 erzielte die Alternative Liste 7,2 % der Stimmen, kam ins Abgeordnetenhaus und alle Westbezirksparlamente. Hundert Abgeordnete nahmen ihre Arbeit auf, wiederum hundert kamen durch Rotation im Jahre 1983 in die Parlamente.

Darunter auch viele Frauen, denn 1983 gab es den Frauen-GA, den Geschäftsführenden Ausschuss, einen Vorstand der Partei, der nur aus Frauen bestand, und von denen die meisten hauptberuflich Mütter waren. Plötzlich bekleideten sie die verschiedensten politischen Ämter. Der Not gehorchend, gaben sie ihr Kind in einen der selbstverwalteten Kinderläden. Auch Luisa und Inge landeten dort.

Den Kinderläden und ihren Kindern ging es gut, denn für jedes der Kinder gab es eine Förderung des Landes Berlin. Bei einer Gruppenstärke von 20 Kindern konnten die Eltern gut und gerne 2 Sozialarbeiterinnen beschäftigen, die allerdings mit 20 Kindern überfordert waren. Deshalb waren es oft keine 20, sondern nur 15 Kinder, einige wurden einfach dazu erfunden. Entweder meldeten Freunde, die ihre Kinder eigentlich zuhause erzogen, sie aus Solidarität dort an, oder man schrieb Namen von Kindergräbern ab. Das System mit den erfundenen Kindern war allseits bekannt und die übliche Praxis. Auch im Bekanntenkreis des Anwaltes Jens Hilfreich gab es Eltern, die sich dieser speziellen Form der »Berlinzulage« bedienten.

Luisa und Inge lernten im Kinderladen früh, dass Glück nur diejenigen haben, die es beim Schopf ergreifen. Und eines Tages bot sich Ihnen eine Gelegenheit: Es war in jenem Herbst 1989, als West-Berlin überrannt wurde von den Tausenden eingereister »Brüder und Schwestern«, die ihr »Begrüßungsgeld« von 100 DM verlangten. Und Luisa hatte doch eine Tante in Ost-Berlin, die vor einiger Zeit verstorben war. Die hatte ihrer Nichte ihren Nachlass vermacht, auch wenn der nur aus ein paar alten Fotos, einem FDJ-Hemd und einigen privaten Papieren bestand. Doch darunter befanden sich auch ein Personalausweis und ein Reisepass. Damit marschierten die Kinder stracks zur nächsten Sparkasse. Dummerweise betrachtete der Angestellte die Daten und das Foto im Ausweis genau, und erstattete Anzeige.

Jetzt standen die Eltern vor Jens Hilfreich und waren entsetzt. »Sowas hätten wir von unseren Kindern nicht gedacht! Wie kommen die nur auf solche Ideen? …« Jens sagte nur: »Ob ich da eure Kinder ohne Gerichtsverhandlung rauskriege, das weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie Kinder von alternativen Eltern aus West-Berlin auf solche Ideen kommen.« •



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