Kreuzberger Chronik
Dezember 2018 - Ausgabe 205

Hausverbot

Veganes im Z


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von Michael Unfried

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Jorgos Chrissidis gibt sich Mühe. Er kauft Fleisch von Tieren, die einigermaßen glücklich waren, bevor der Schlachter kam; er bringt Kräuter aus Griechenland, für die es kaum einen deutschen Namen gibt, er sucht lange nach Olivenölen und Weinen. Griechenland, sagt er, ist nicht nur Tzatziki und Souvlaki. Und den Gästen scheint es zu schmecken, Beschwerden gab es nur selten, nie hatte er das Bedürfnis, jemanden vor die Tür zu setzen. Bis vor kurzem.

Sie hatten einen Tisch für acht Personen bestellt, gut gelaunt betraten sie das Lokal, sieben Frauen und ein kleiner Herr mit nicht zu vielen Haaren auf dem Kopf. »Wie der zu so viel Frauen kommt, versteh ich nicht!«, murmelte der neidische Kellner. »Irgendetwas wird er schon haben!«, grinste die Kellnerin.

Tatsächlich klebten die Blicke sämtlicher Tischdamen an den Lippen des Herrn, voller Bewunderung registrierten sie jedes Wort, das über seine Lippen kam, sogar dann, als er die im Szenebezirk völlig alltägliche und banale Frage stellte: »Haben Sie auch was Veganes?«

Nun ist ein Grieche, auch wenn es ein moderner ist, eher ein Fleischesser als ein Salatkauer, aber in der neuhellenischen Küche gibt es auch das: »Ein Tourlou! Garantiert vollkommen vegan.«

Der Herr, auf dem noch immer die Blicke aller sieben Damen ruhten, nickte freudig, und wenig später konnte man beobachten, wie ihm der mediterrane Gemüseeintopf mundete: Als die Kellnerin die Teller der sieben Fräulein und des Herrn wieder abräumte, war sein Teller so blank, dass sie ihn fast zum sauberen Geschirr gestellt hätte.

»Hat es geschmeckt? Vielleicht noch einen Schnaps aufs Haus?«, fragte sie die Runde, und wieder nickte er freundlich. Als die kleine Gesellschaft spät am Abend gut gelaunt das Lokal verließ, grüßte er und winkte noch einmal. Jorgos war sicher: »Der kommt wieder.«

Doch wenige Tage später entdeckte der Wirt eine Rezension im Internet, in der sich sein Gast über das Restaurant Z beschwerte und behauptete, Griechen hätten von veganem Essen keine Ahnung. Der Absender war ein »renommierter Dating-Coach« und Buchautor, der im Internet für »Flirten und Sex ohne Maschen und Tricks« warb und behauptete, genau zu wissen, was Frauen wollten. Ein Ratgeber für all jene, die im Flirten kein Naturtalent sind, und der weiß, »wie du in kürzester Zeit ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein entwickelst« und »wie du dich dank radikal ehrlicher Kommunikation für die Frauen vollkommen unwiderstehlich machst!«

»Der hat doch genickt, dieser Lügner, als Nadine ihn gefragt hat, ob es schmeckt!«, sprach der Wirt, der sich Mühe gibt. »Den Angeber würde ich sofort rauswerfen, wenn er noch mal reinkommt. Die Griechen fasten vor Ostern schon seit Jahrtausenden, wir waren vegan, da gab es das Wort noch gar nicht.« •


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