Kreuzberger Chronik
Dezember 2018 - Ausgabe 205

Geschäfte

Der Lederladen


linie

von Edith Siepmann

1pixgif
Nichts für Veganer: Dago Engler, Lederhändler aus Leidenschaft, stapelt Rinderhäute in der Bergmannstraße

Sie hat sich ganz schön verändert, die Bergmannstraße: Trödler, Spielhallen und Eckkneipen sind Cafés, Restaurants und Boutiquen gewichen. Wenn der Wechsel das allein Beständige sein soll, hat Dago Englers Ledergeschäft am längsten dieser Philosophen-Weisheit widerstanden. Seit vierzig Jahren führt Engler seinen Handel in der Straße. Das Schaufenster mit dem riesigen Kuhfell gewährt nur einen winzigen Einblick in den Laden mit seinen italienischen Taschen und den maßgefertigten Gürteln. Wer ihn betritt, taucht in die Geruchswelt des Leders. Eine Leuchttreppe führt ins Obergeschoss. Vorbei an Regalen mit gegerbten Tierhäuten in allen Farben und Größen kommt man in den Seitenflügel. Auch da liegen bis zur Decke gestapelt und gerollt die Häute, bevor das Büro des Chefs erreicht ist und auf gepolsterten Ledersesseln Platz genommen wird.

Der Chef ist ein West-Berliner alten Schlages. Nachts war er als DJ Dago mit toupiertem Haar in den Clubs, immer am Feiern mit den Damen und Freunden wie Playboy Rolf Eden. Er ist einerseits das, was man einen Lebemann nennt, andererseits viele Jahre verheiratet und Vater zweier Töchter. Tagsüber ackerte er als Koch, aber »wer den ganzen Tag arbeitet, hat keine Zeit, Geld zu verdienen.« Das Rockefeller-Zitat gehört zu seinen Lieblingssprüchen.

Also trat Dago in die Fußstapfen seines Großvaters, dessen überdimensionierter Kolonialstilstuhl noch heute in seinem Büro steht. Seine Eltern führten den Lederhandel des Großvaters in der Kreuzberger Urbanstraße fort, der noch heute existiert. Der kleine Dago spielte dort nach dem Krieg mit Fischleder. Jetzt aber wollte er sein eigener Herr sein und fand den leeren Laden in der Bergmannstraße 90, ehemals Butter Lindner. Das Feinkostgeschäft hatte Kreuzberg verlassen, weil die gut situierte Kundschaft gestorben oder weggezogen war. Er nahm einen Kredit auf und eröffnete 1978 sein Lederreich.

Dago Engler ist ein Glückspilz. Er spielte in der Markthalle Lotto mit den ausgefüllten Scheinen der alten Lotto-Frau und gewann. »´n Fünfa mit Zusatzzahl. Und die Woche drauf nochma det Gleiche!« Daraufhin kaufte er gleich das ganze Haus und weitete sein Lederlager mit den Jahren über mehrere Wohnungen und Keller aus. Es war die Punk-Zeit, jeder machte was mit Leder, Dago war bald bekannt in der Szene. Er erinnert sich an Evi, eine Punkerin aus der Nachbarschaft mit ihren zwei kleinen Töchtern. »Wir hatten ´n juten Draht. Ick hab die Kinderjeburtstage für die beeden ausjerichtet und sie auch ma finanziell unterstützt.« Eins der Mädchen ist heute Fraktionsvorsitzende der Grünen in Berlin. »Und det freut ma.«

Es sprach sich herum, dass Leder Engler beste Qualität liefert. Die Geschäfte florieren, Engler beliefert Theater, Circus Krone, Wintergarten und Friedrichstadt-Palast mit Leder für Kostüme. Und den Bundestag mit Leder für die Schreibtische. Die Klitschkos, saudische Scheichs, das Hotel de Rome – alles seine Kunden! Für die Stiefel von Rammstein lieferte er Pirarucu-Leder »vom größten Süßwasserfisch aus dem Amazonas. Sieht ähnlich wie Schlangenleder aus. 600 Euro kostet son Fell.« Schlangen- und Krokodilleder sei ja heutzutage verboten. Aber hauptsächlich führt er sowieso Rindsleder, das auf Messen in der ganzen Welt vor Ort beschaut, gekauft und dann mit seinem Zeichen versehen wird. »Leder muss man befühlen und riechen.«

Früher flog er noch selbst durch die Welt. »Auf dem Weg nach Hongkong brannte mal die Düse, und wir mussten in Bombay notlanden. Wir hatten aber schon een jezwitschert und keene Angst.« Überhaupt ist beim Leder viel Vertrauen und viel Vorkasse im Spiel. Es wird gehandelt, früher nur per Handschlag. Aber es kam auch vor, dass eine Groß-Lieferung rissig war. »Det kannste dann vajessen. 60.000 Euro futsch.« Orthopädieleder lässt Engler mit Garantie auf Schadstoffe, Farbechtheit und Reißfestigkeit prüfen. Sieben Mitarbeiter hat er: Abnehmer für die Messen, Verkäuferinnen und Außendienstmitarbeiter, die den Kundenstamm von 600 Orthopädieschustern besuchen und das Material vorführen. »Denn wir verkaufen nur das Leder, außer den Gürteln für die Touristen stellen wir nichts selbst her.« Dago ist ständig auf der Suche nach Mitarbeitern. Im Außendienst könne man viel Geld machen. »Mit Führerschein, so um die 35 und sympathisch. Alles was Leder angeht, wird beigebracht.« Er hat selbst zeitweise gut verdient, dafür aber sein Leben lang gearbeitet und nie Urlaub gemacht, immer nur Geschäftsreisen. »Ick war imma ´n juta Verkäufer. Wenn eena rotes Leder will und mit schwarzem rausjeht, hab ick ihn jut bedient.«

Dago Engler war auch lange Zeit Vorsitzender des Vereins der Gewerbetreibenden der Bergmannstraße. Er hat das Bergmannstraßenfest mitgegründet und vor zehn Jahren schon einmal den Plan einer Straßenumgestaltung vereitelt. Jetzt hat er dazu keinen Elan mehr. »Es gibt auch nicht mehr so den Zusammenhalt, allet anonymer.« Und edler. Sogar Butter Lindner ist wieder da, seit solventes Publikum die Kreuzberger Konsum-Meile bevölkert. Und die Begegnungszone, »dieser gelbe Metallschrott«, nervt nur. Allein die beiden Probe-Parklets hätten 120.000 Euro gekostet, hat er gehört.

Bei ihm im Haus aber läuft alles bestens. Seit 15 Jahren hat er die Miete nicht mehr erhöht. »Ick wollte nie so´n Immobilienheini werden und die Leute quälen. Wenn ick wat sage, halt ick det. Wir sind ne prima Hausjemeinschaft. Bei mir zieht keena aus.« Zum Bergmannstraßenfest gibt es das traditionelle Hoffest für alle. Aber erst einmal stellt er wie jedes Jahr eine Tanne vor den Laden und lässt sie mit Spende an einen Kindergarten zum Weihnachtsbaum verwandeln. »Det jefällt den Kindern und den Leuten und mir!« •


Foto: Edith Siepmann



zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg