Kreuzberger Chronik
August 2018 - Ausgabe 201

Strassen, Häuser, Höfe

Die Enkestraße Nr. 1


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von Werner von Westhafen

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Eine Geschichte der Spurlosigkeit, Teil 1

Wer auf dem Jerusalemer Friedhof an der Bergmannstraße nach dem Grabstein für jene fragt, die am 3. Februar in der Enckestraße vergeblich Zuflucht suchten, stößt beim Gärtner auf seinem orangefarbenen Traktor nur auf Schulterzucken. »Ich hab hier 21 Hektar, da kann ich mir nicht jeden Stein merken!«

Der Stein für die Toten aus der Enckestraße allerdings ist kein kleiner Stein, und er steht auch nicht allein. Es sind zwei auffällige Granitplatten, die auf dem 4. Feld für zwei Häuser in Kreuzberg stehen, die den Krieg nicht überstanden haben: Die Ritterstraße Nr. 75 und die Enckestraße Nr 1 und 2. Beide Häuser begruben bei ihrem Einsturz am 3. Februar 1945 nach dem unheilvollsten Angriff der amerikanischen Flugverbände Menschen unter sich. 60 Jahre dauerte es, bis man die Mahnmale zur Erinnerung an die Toten aufstellte.

Auf der ersten von ihnen steht: Hier ruhen 21 namentlich bekannte und eine unbekannte Zahl unbekannter Personen, welche dem Luftangriff vom 3. Februar 1945 in der Enckestraße 1/2 (Kaufhaus Jordan) zum Opfer gefallen sind. Dann folgen die Namen: Barthen, Marie- 20.8.1897, Lefeber, Elfriede- 25.3.1910.... Bestel Luise...

Doch nicht nur die Geschichte von Menschen endet am 3. Februar, sondern auch die eines einst stattlichen und in ganz Berlin bekannten Hauses: des Wäschekaufhauses Jordan am Anfang der Enckestraße. Begonnen hat sie mit Heinrich Jordan, dem Sohn eines protestantischen Pastors aus der Gegend bei Kassel. Der junge Mann lernte nicht nur das Wort Gottes, sondern ging bei Onkel Wilhelm, dem so genannten »Gingham König«, in dessen Weberei zur Lehre. Auch sein Glück machte er nicht in Kassel, sondern in Berlin, wo er Ende der Zwanzigerjahre des 19. Jahrhunderts als »Garnagent« auftauchte. 1839 hatte der junge Mann genügend Garn verkauft, um in der Markgrafenstraße Nr. 88 ein Ladengeschäft zu eröffnen, in dem er nicht nur Wollfäden, sondern Wäsche aller Art anbot: Leib- und Bettwäsche, »Leinenzeug, Handtücher und Tischzeug von der Elle«. Hinzu kam eine für Berlin noch sensationelle Neuheit: »Konfektionierte Wäsche!« Kleider, Hemden, Hosen und Jacken, die nicht erst zuhause oder vom Schneider noch passend gemacht werden mussten.

Schon wenige Jahre nach der Geschäftseröffnung musste Heinrich Jordan anbauen, und kurz daraf besaß das »Wäschehaus Jordan« seine eigenen Produktionsräume und Scharen von Heimarbeitern, die sich die Finger wund stachen. Als der Gründer 1876 die Firma an seine drei Söhe übergab, war aus dem Garnladen längst ein Warenhaus geworden, in dessen Regalen alles Stoffliche dieser Welt versammelt zu sein schien. Eine Werbepostkarte aus dem Jahr 1890, die die Front des inzwischen viergeschossigen Kaufhauses zeigte, führte unter den hauseigenen »Specialitäten« neben Ausstattungen und Oberhemden »Einrichtungen für Hotels und Krankenhäuser« an, sowie »Leinwand in allen Größen« für die künstlerischen Talente, Gedecke, Tischtücher, Servietten, Hand- und Wischtücher. Und selbstverständlich hatte man im Magazin ein umfangreiches Sortiment an »fertiger Wäsche für Damen, Herren und Kinder.«

Bereits 1893 brauchten die Söhne des tüchtigen Protestanten 400 Angestellte, um die auf 8000 Quadratmetern lagernden Kleiderstoffe, die Möbelstoffe, Gardinen und die Bettwäsche an die Käufer zu bringen. Das deutsche Kolonial-Handbuch verzeichnete für besonders weit von der Heimat entfernte Deutsche und reiselustige Aristokraten sogar »Tropenanzüge, Tropenausrüstungen und Unterzeuge« für die feuchten Klimazonen.

Ihr 75. Jubiläum feierte die Firma, die sich inzwischen über die Höfe zwischen Markgrafenstraße, Lindenstraße und Enckestraße ausgebreitet hatte, wo sich eine betriebseigene Wäschefabrik, eine Plätterei und eine Dampfwäscherei befanden, mit der Einweihung eines großen Festsaales für die Repräsentationen des Warenhauses. Inzwischen beschäftigte Jordan 2400 Angestellte, die Gebäude mit den Schaufenstern erstreckten sich über 230 Meter und über alle drei Straßen. Damit war das Kaufhaus Jordan eines der größten Berliner Geschäftshäuser überhaupt.

Erst die Weltwirtschaftskrise konnte den Aufstieg des »Hoflieferanten Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin« aufhalten. 1927 zog sich das Unternehmen auf das Stammhaus in der Markgrafenstraße zurück und vermietete das Eckhaus an der Enckestraße an den Ullsteinverlag. Als der Krieg ausbrach, wurde in dem modernen Stahlbetonbau ein Luftschutzraum eingerichtet. Und als am 3. Februar die Bomben fielen, wurde das glamouröse Kaufhaus zu einem Massengrab.

Auf dem Grabstein stehen 21 Namen. Bei einigen fehlt der Vorname, das Geburtsdatum. Sie hatten keine Papiere bei sich, manchmal aber konnte sich einer der Übelebenden an den eine oder anderenNamen erinnern. Dann steht da »Brotze - männlich...« oder »Wollschläger - weiblich«. Von einigen aber kennt man nicht einmal mehr den. Von ihnen weiß man nicht einmal, wieviele sie eigentlich waren.

25.000 Menschen sollen an diesem Tag ums Leben gekommen sein. Die meisten in Kreubzerg. Einige wenige von ihnen fanden ihre


Wir bedanken uns bei der »Elke Rehder Collection« für das wunderbare Bild


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