Kreuzberger Chronik
August 2018 - Ausgabe 201

Reportagen, Gespräche, Interviews

Die Widerspenstigen


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von Hans W. Korfmann

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Die Zeiten, als Hausbesitzer gefürchtete Schreckgespenster waren, die am 1. eines jeden Monats in der Wohnungstür standen und die Miete abkassierten, sind vorüber. Angesichts internationaler Immobilienkonzerne verblasst das Bild vom bösen Berliner Vermieter

Foto: Dieter Peters
»Immobilienhändler: Sie durchforsten die Grundbücher, schalten Agenten ein, zahlen Provisionen und suchen in der Zivilbevölkerung nach Spitzeln, die darüber Auskunft geben, »welche Häuser oder Wohnungen in ihrer Straße noch käuflich sind.« Sie werfen Briefe in Briefkästen, rufen Hausbesitzer auf dem Handy an und stehen wie die halbseidenen Staubsaugervertreter der Nachkriegsjahre plötzlich vor der Tür: Handlanger von Immobilienhändlern, in deren Kalkulationen das Schicksal jener, mit deren Lebensraum sie handeln, keine Rolle mehr spielt.

Und niemand unternimmt etwas dagegen. Es gibt Gesetze, die den Handel mit Waffen und Rauschgift verbieten. Ein Verbot für den Handel mit unserem Wohnraum gibt es nicht. Politische Großparteien wie SPD und CDU sind unterwandert von Lobbyisten aus der Bau- und der Immobilienbranche. Auch sie profitieren vom Handel mit dem Lebensraum. Die einzigen, die noch etwas unternehmen könnten gegen den Ausverkauf der letzten Mietwohnungen, scheinen die Berliner Hausbesitzer selbst zu sein. Menschen, die »Nein« sagen. Aus politischer Überzeugung. Weil sie selbst Teil einer Hausgemeinschaft sind und mit ihren Mietern seit Jahrzehnten unter einem Dach wohnen. Und weil sie wissen, dass keine Aktie, kein Geldschein so sicher ist wie ein Stück Land mit Bäumen oder einem steinernen Haus darauf.

Die meisten dieser Unbeugsamen, die den hausierenden Vertretern der Immobilienbranche strikt die Tür weisen, sind ältere Berliner. Oft haben sie die Häuser von ihren Großeltern geerbt, die sie durch viel Arbeit und jahrelanges Sparen erwirtschaftet hatten. Einige dieser Enkel verbrachten ihre Kindheit in den Häusern, da ist ein Haus kein Wertpapier mehr, sondern ein Stück Heimat.

Doch es sind nicht nur Nachfahren, die sich liebevoll um hinterlassenes Erbe kümmern. Als das Haus in der Heimstraße, in dem Volker Schröder wohnte, einer Erbengemeinschaft zufiel, die sich nicht einigen konnte und es an eine Immobilienfirma verkaufen wollte, taten sich einige der Bewohner kurzentschlossen zusammen und kauften es selbst. »Das war das Beste, was wir machen konnten!«, sagt Schröder. Während er selbst ganz oben wohnt mit Blick über halb Kreuzberg, hat er die zweite und die dritte Etage an Freunde und Bekannte abgegeben - zu Mietpreisen, für die er nicht selten den Spott seiner Zeitgenossen auf sich zieht. »Wenn die hören, was ich an Miete nehme, lachen die mich aus und wollen mich überreden, mehr zu nehmen.« Andere witzeln, er hätte »ein geradezu erotisches Verhältnis zu seinem Haus« und raten an, anstatt der Bruttomiete die Nebenkosten separat abzurechnen. Da könne er noch ein bisschen was rausholen. »Dafür ist die Buchhaltung in fünf Minuten erledigt - und beschwert hat sich auch noch nie jemand.«

Natürlich ist Schröder kein Durchschnittsmensch, er ist einer, der für seine Überzeugung kämpft. Als er hörte, dass eines seiner Lieblingscafés vom neuen Hauseigentümer die Kündigung erhalten hatte, ging er zum neuen Besitzer - »Einer aus dem Kiez hier, den kenne ich gut!« - und sagte: »Du, wenn du dich mit denen nicht einigst, dann spreche ich mit dir in meinem ganzen Leben kein Wort mehr!«

Nicht alle Hausbesitzer sind so störrisch und so engagiert wie Schröder, und nicht alle sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Aber Menschen wie er sind es, die noch etwas retten könnten von jenem Geist der Solidarität und des Zusammenlebens, der einst herrschte in dieser Gegend. Es war nicht die Politik, es war das Volk, es waren die Hausbesetzer, die in den Siebzigern den Abriss jener Altbauten verhinderten, die heute den Charme und den Wert Kreuzbergs ausmachen. Es scheint, als läge es jetzt wieder an ihnen, das Viertel vor dem Verfall zu retten. Einst waren es die Hausbesetzer, jetzt sind es die Hausbesitzer. Denn die Politik unternimmt nichts.

Auch die Familie Ernst, ein paar Meter weiter unten, fiel den Verlockungen der Immobilienbranche nicht zum Opfer. Anfang der 20er-Jahre kaufte der Großvater, ein Viehhändler aus Posen, das Haus zur Altersvorsorge, inzwischen ist es in der 4. Generation. Schon die Großmutter sagte: »Hier zieht keiner mehr freiwillig aus, hier wird man nur noch herausgetragen!«

Im Hof der Familie Ernst schauen Mieter und Vermieter noch gemeinsam Fußball unterm Sternenhimmel, feiern Geburtstage und Hoffeste zusammen. Mit vielen Mietern sind sie per du, »manche waren ja noch Kinder, als sie hier einzogen. Da kann man ja nicht plötzlich Sie sagen!« Die letzte »Modernisierung« betraf die sanitären Anlagen und fand im letzten Jahrhundert statt. Wärmedämmungen, wie sie Investoren standardmäßig durchführen, um die Miete erhöhen zu können, haben die Vermieter sich und ihren Mietern erspart. Die alten Mauern sind dick genug, der Energiepass des Hauses fällt außergewöhnlich gut aus. Auch die 4. Generation wird nicht auf die Idee kommen, das Haus zu veräußern. »Auf solche Gedanken kommen nur die ganz Alten, die keine Kinder und keine Lust mehr haben, oder Erbengemeinschaften, die zu groß sind, um sich zu einigen.«

Es scheint sich herumzusprechen, dass der Spatz in der Hand besser ist als die Taube auf dem Dach. Wechselten laut Statistik des Immobilienmarktes in den fünf Jahren zwischen 2006 und 2011 noch 545 Kreuzberger Häuser ihre Besitzer, waren es in den fünf Jahren danach nur noch 76. Den Gesetzen des Marktes gehorchend erhöhten sich angesichts steigender Nachfrage und kleineren Angebots die Preise für den Quadratmeter im gleichen Zeitraum von 600 Euro durchschnittlich auf 2700 Euro. So hatten ausgerechnet die Ausdehnung des Milieuschutzes und die neuen Verordnungen für die Umwidmung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen die Preise weiter in die Höhe getrieben, und inzwischen, so triumphiert die in Kreuzberg ansässige Guthmann und Guthmann Immobilien GmbH, betrüge der »durchschnittliche Angebotspreis in Kreuzberg ca. EUR 4.750 je Quadratmeter Wohnfläche.«

Doch Hauseigentümer wie Schröder und Ernst lassen sich von solchen Zahlen nicht beeindrucken. »Der ganze Wettbewerb ist vollkommen verzerrt!«, sagt Ernst senior, der auch als Architekt mit den Mechanismen des Immobiliengeschäftes vertraut ist. Auch der Nachbar mit dem Goldkettchen, so hört man, lässt sich von den Zahlen steigender Mieten nicht beeindrucken. Auch er hat geerbt, aber seitdem kaum etwas in seine Gemäuer investiert. Manchmal meckern die Mieter darüber, dass sich ihr Vermieter um nichts kümmert, aber im Grunde sind alle glücklich mit dem Mann, der nicht gleich das ganze Haus umbaut, nur um die Miete zu verdoppeln.

Rosemarie Schröder und Frank Wolfram dagegen kümmern sich liebevoll um das Haus, das die Großmutter im Testament ihrer Enkelin mit den Worten ans Herz legte: »Es ist unser Wunsch, daß unsere Kinder die Häuser nicht verkaufen, sondern weiter behalten, es verwalten und pflegen.« Könnte die Großmutter das Haus heute sehen, sie würde lächeln. Zur Straße hin gibt es kleine Geschäfte, der Hof ist gepflegt wie ein Garten, die Wohnungen sind behutsam saniert, alles Alte und Schöne ist erhalten geblieben. Mieter und Vermieter leben in friedlicher Koexistenz - auch wenn es in der Gneisenaustraße ein wenig teurer ist als beim Mann mit dem Goldkettchen.

»Ich bin enttäuscht,« sagt Frank Wolfram, »wie die Zeitungen über das Verhältnis von Mietern zu Vermietern berichten. Der Vermieter ist immer der Böse, der Mieter immer der Gute. Das ist ein regelrechter Klassenkampf, der da tobt! Dabei sollten Mieter und Vermieter das zusammen in die Hand nehmen und diese Stadt gemeinsam gestalten. Es ist doch unser gemeinsamer Lebensraum, um den es hier geht. «

Wolfram wünscht sich mehr Differenzierung, mehr Dialog. Mehr Anerkennung für die Arbeit, die die Verwaltung eines solchen Hauses mit sich bringt. Mehr Verständnis für Eigentümer, die sich nicht nur um ihr Haus, sondern auch um ihr Zuhause sorgen. Denn natürlich gibt es Konflikte zwischen zwei so unterschiedlichen Fraktionen. Aber die meisten Probleme »lassen sich dann eben doch beim Treffen im Treppenhaus regeln.

Aber so wie wir uns das einmal dachten, dass alle im Haus sich auf dem Schoß sitzen, so ist es auch wieder nicht. Es gibt Enttäuschungen, wir mussten alle Abstriche machen an unseren Utopien.« Anfangs waren die meisten im Haus Alt-68er, inzwischen haben sich junge 2000er in die Hausgemeinschaft gemischt, die ihre Fahrräder die Treppen hinauftragen und andere Ansprüche an eine Wohnung haben als die Mieter vor 20 Jahren. Es hat sich einiges verändert, aber die Vision vom gemeinsamen Leben in der Stadt ist noch immer die gleiche. Verkaufen an profitorientierte Investoren kommt deshalb auch für Schröder und Wolfram nicht in Frage. Sie wissen, welche Verantwortung Hauseigentümer für die Entwicklung einer Stadt tragen. Und weil sie keine Erben haben, haben sie schon daran gedacht, das Haus in eine Genossenschaft zu überführen. Gemeinsam mit den Mietern. Denn nur zusammen, das ist allen klar, wird man die Stadt vor jenen retten können, die nur eines möchten: Profit. •




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