Kreuzberger Chronik
August 2018 - Ausgabe 201

Hausverbot

Hausverbot im Yorckschlösschen


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von Hans W. Korfmann

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Das Yorckschlösschen gibt es schon seit 120 Jahren. Die Kneipe darin seit 50 Jahren. Und den Wirt, Olaf, ungefähr seit 40. Keiner, auch unter den Gästen keiner, kennt das Lokal mit den Jazzsessions, dem Bier und dem Kartoffelsalat länger. Höchstens Jürgen Grage, der vor Olaf der Wirt vom Schlösschen war, und der jetzt jeden Tag am Tisch des Grauens sitzt, um den sich lauter graue Eminenzen versammeln. Lauter grauhaarige Leute, die mindestens seit drei Jahrzehnten hier verkehren.

Nur Fummel-Werner kommt nicht mehr. Im Sommer, manchmal, tritt er kurz an den Tisch und reicht Gerlinde einen Blumenstrauß. »Das freut natürlich immer alle!«, sagt der Wirt. Aber setzen tut sich Fummel-Werner nicht mehr. Er hat Hausverbot. Seit über zwanzig Jahren schon. Weil er immer an allen Frauen herumfummelte. Erst war es nur »das therapeutische Hausverbot: Vier Wochen! Schließlich will man so einen Stammgast, den man zwanzig Jahre kennt, mit dem man geraucht und getrunken hat, und der womöglich auch noch bei dir hat anschreiben lassen, nicht einfach vor die Tür zerren!« Aber wenn einer sich nicht an die vierwöchige Sperre hielt, dann verdoppelte sich das automatisch um vier Wochen. Und immer so weiter. Und FummelWerner hielt sich eben nicht daran. Er war gleich am nächsten Tag wieder da, um zu fragen, was denn eigentlich los sei, und am übernächsten wieder, und so akkumulierte sich das, »bis er eben irgendwann lebenslänglich hatte. Mehrfach!«

Das System mit der automatischen Verlängerung des Hausverbots im Yorckschlösschen fanden alle ganz originell, aber manchmal bedauerten die zurückbleibenden Stammgäste das Machtwort des Wirts. Auch im Fall Fummel-Werner. »Der war ein Original, der gehörte dazu. Und mir fiel das auch nicht leicht, das überlegst du dir schon dreimal. Aber der hat mir einfach die ganze Kundschaft vergrault! Und dann war so ein Abend, da waren endlich mal ein paar nette Frauen da - Kneipen waren ja damals noch Männerdomäne - und Werner ging wieder mal von Tisch zu Tisch, von einer zur nächsten, und keine wollte. Also bin ich zu ihm hin und hab gesagt, jetzt reichts: Raus! Und dann sagt der zu mir: Du willst ja nur selbst ran! - Da hab ich ihn vor die Tür gesetzt.«, sagt der Wirt vom Schlösschen und lacht. Und dann sagt er: »Aber leid hats mir trotzdem getan.«

Zwanzig Jahre lang schlich der erfolglose Frauenjäger nun immer um das Schlösschen herum, reichte Gerlinde ab und zu einen Blumenstrauß herüber, wechselte ein paar Worte mit den grauen Eminenzen, aber er durchschritt nie wieder die Gartenpforte des Schlösschens. Und für eine Begnadigung ist es nun auch zu spät: Vor zwei Wochen hat der Mann, der mehrfach lebenslänglich bekommen hatte, endgültig aufgegeben. •


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