Kreuzberger Chronik
August 2018 - Ausgabe 201

Geschäfte

Raamson


linie

von Sybille Matuschek

1pixgif
Vom Asiashop bis zur Kantine

Bei den Nachbarn von Raamson ist die Sache eindeutig: Der Eisladen hat eine Vitrine voller Eiscreme und verkauft nichts anderes als Erdbeer, Schoko und Zitrone in Waffeln und Pappbechern; das Restaurant gleich neben Raamson hat Tische mit den Tellern auf der Straße und verkauft türkisches Essen; und in der Sparkasse daneben gibt es nichts als Geld. Bei Raamson aber weiß keiner, wo er eigentlich ist, und die meist gestellte Frage lautet: »Was ist das hier eigentlich?« Und dann kommt selbst Sudan Arunthavarajah einen Moment ins Grübeln und weiß nicht so recht, was er sagen soll.

Denn morgens und nachmittags erinnert Raamson an einen Gemüseladen, zu den Essenszeiten am Mittag und am Abend ist es ein Restaurant, und nachts ist es ein Späti.

Die Verwirrung fängt schon draußen an. Da erstreckt sich links neben der Tür eine Bank mit vier Sitzkissen vor vier kleinen Tischen. Auf dem Gehsteig verheißt die Klapptafel eine »tamilische Kantine« und »bestes Essen aus Sri Lanka.« Es gibt Currys nicht nur mit Huhn und Lamm, sondern auch mit Auberginen aus Sri Lanka. Es gibt Thosai-Fladen aus eingeweichten weißen Linsen, und es gibt die von der Mutter gefüllten und vom Sohn oder der Tochter in Öl gebackenen Teigtaschen mit den verschiedensten Füllungen.

Gleich neben den Esstischen aber stehen wie beim türkischen Gemüsehändler zehn kleine Kisten, aus denen Maniok, Chilis und Kochbananen einen Hauch von Exotik auf der nach einem preußischen General benannten Straße verbreiten. Tomaten und Avocados, Zwiebeln und Paprika müssen sich eine Kiste teilen, weil die riesigen, um Aufmerksamkeit ringenden Yamswurzeln, die in dem lukrativen Ruf stehen, Liebende in die Ekstase zu treiben, jede schon eine Kiste für sich beanspruchen. Die Kiste mit den Okraschoten – »auch Ladyfingers genannt« – ist fast schon wieder leergekauft. Vielleicht ihres exotischen, die Phantasie beflügelnden Namens wegen.

Noch größer ist die Verwirrung allerdings im Laden selbst. Rechterhand ähnelt er mit den leeren Bier- und Cola-Fanta-Sprite-Kästen und den Regalen mit Wein und Chips und dem Kühlschrank mit Bier und Wasser an einen Getränkeshop. Tatsächlich heißt der Laden laut einem Schild über dem Eingang »Raamson Liquor Store« und wäre damit das Berliner Äquivalent zum amerikanischen Späti. Auch die Warenauswahl an der Theke legt mit den Kaugummis, den Gummibärchen und der Schokolade den Verdacht nahe, dass es sich bei Raamson um nichts anderes als einen Kiosk mit angegliedertem Restaurant und Gemüseladen handelt. Allerdings um einen asiatischen Kiosk mit Garnelen-Chips, Ingwer-Candies und getrockneten Ananasscheiben neben dem Chewing Gum.

Doch schon zwei Meter weiter steht der Kunde im Hinterzimmer mit der Gefriertruhe, in der nicht Eis am Stil - das gibt es natürlich auch, aber das steht vorne in der kleinen Truhe bei der Kasse -, sondern exotische Fische lagern, gefrorene Garnelen, gefüllte Teigtaschen und Packungen mit Fertiggerichten, deren Inhalt sich lediglich den Kennern chinesischer Schriftzeichen erschließt. Auch der kleine Kühlschrank in der Ecke ist gefüllt mit exotischen Produkten wie frischem Koriander, Erbsen, Bambussprossen und kleinen Tuben voller undefinierbarer Pasten, Ingredienzien asiatischer Kochkunst.

Natürlich gibt es in dem tamilischen Kaufladen auch Reis und Tee und Glasnudeln und Unmengen von Gewürzen, die gemeinsam mit Räucherwaren, Seifen, Zahnpasten und Jasminöl für die Haare noch aus ihren luftdichten Verpackungen heraus den Laden aromatisieren: Zimt, Muskatblüten, Kardamom, Nigella, Unmengen von Chili und riesige Dosen geheimnisvoller Currymischungen von jener Insel inmitten des indischen Ozeans, die damals, als Sudans Großvater noch lebte, Ceylon hieß.

Ihm zu Ehren nannten sie den Lebensmittelladen »Raamson« - »Großvaters Sohn«. Und anfangs war Raamson auch nichts anderes als ein Lebensmittelladen. Es gab noch keine Tische auf der Straße, und die Lebensmittelregale erstreckten sich über beide Räume bis zu den Gemüsekisten vor der Tür. Aber als Mutter anfing zu kochen, wurde der Laden immer kleiner, das Restaurant immer größer, und die Nachbarn immer mehr. Sie kamen jetzt morgens zum Einkaufen, mittags zum Essen und nachts zum Bierholen. »Und wenn Fußball ist, dann kommen sie eben zum Fußballgucken.«

Sudan Arunthavarajah kennt sie alle mit Namen, zehn Jahre sind sie jetzt in der Gneisenaustraße, seine Eltern, seine Schwester und er. Sie gehören längst irgendwie dazu zur Straße. Und wenn sie gehen würden, zurück auf die Insel, dann würde den Kreuzbergern etwas fehlen. »Kürzlich war hier so ein Amerikaner. Der war vor ein paar Jahren schon mal da. Der meinte, das wär ein Glück, dass wir noch da sind. Hier gäb´s ein besseres Curry als in New York!« •


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg