Kreuzberger Chronik
September 2017 - Ausgabe 192

Essen, Trinken, Rauchen

Ein Amerikaner am Würstlstand


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von Sybille Matuschek

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Sie stehen da in langer Reihe, das gesamte deutsche Volk; die Rentnerinnen in ihren weißen Hosen mit den blauen Blazern und den beigen Schuhen; die Rentner mit den grauen Sommerjacken und den weißen Socken in Sandalen; die Arbeiter mit ihren Latzhosen; die Bürangestellten mit den gestreiften Hemden, die Touristen aus Schwaben mit ihren Berlin-T-Shirts; die Studenten mit ihren winzigen Rucksäckchen; die Hartz IV-Empfänger mit ihrem letzten Münzgeld; die Bankangestellten mit ihren Scheckkarten; die Informatiker mit ihren Laptoptaschen und die Vegetarier mit ihren verstohlenen Blicken. Sogar die Wessis, die vom Wienerwald schwärmen, und die Ossis, die auch zwanzig Jahre nach der Wende noch vom Broiler träumen. Vor dem Hähnchenstand wächst zusammen, was zusammengehört. Vor dem sich unter der Glühbirne drehenden Geflügel sind alle Menschen gleich.

Denn es gibt auf der ganzen großen Welt keinen Duft, der die Speichelproduktion nachhaltiger anregen kann als der Geruch gebratenen Hühnerfleisches. Keine noch so giftige Schlagzeile, kein noch so grauenhaftes Bild vom Leben und Sterben in den Geflügelfarmen, keine noch so dringliche Warnung der Ernährungswissenschaftler vor dem fluguntüchtigen Geflügel ist diesem Sirenengeruch gewachsen. Die Schlange vor der Geflügeloase ist lang, jeder, der zunächst noch erfolgreich widerstand und bis zum Italiener im Westen oder bis zum Spanier im Osten der Markthalle gelaufen ist, wird am Ende zurückkehren und sich einreihen in die lange Reihe der Wartenden.

Dann sitzen sie wie die Hühner auf der Stange in einer Reihe vor dem Fenster und versuchen es zunächst mit Messer und Gabel, um am Ende mit fettigen Fingern und animalischen Blicken die letzten Fleischfäden von den dünnen Knochen zu nagen. Zurück bleibt zum bitteren Ende ein winziges Häufchen sterblicher Überreste, bei dessen traurigem Anblick sich jedes vernunftbegabte Wesen verwundert fragt, ob das tatsächlich alles ist, was von so einem Leben übrigbleibt.

Nur den Amerikaner wundert anderes. »It tastes really different from American Chicken! And its really too small!«, sagt einer, der in seinem von Fettflecken besprenkelten XL- T-Shirt so aussieht, als habe er ein Leben lang nichts anderes gegessen als gegrillte Hähnchen.

»Sie können ja einen Putenschenkel essen, der ist mindestens so groß wie amerikanische Hähnchenschenkel!«, sagt einer von den Junkies, der beim Doktor in der Heimstraße gerade sein Methadon bekommen hat und deshalb in redseliger Stimmung ist.

«Pardon?«, sagt der Amerikaner.

»You should try the special offer: Half chicken and a real american Coke for 3,50. Thats really cheap, and the coke really tastes like America! Really!« •


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