Kreuzberger Chronik
September 2017 - Ausgabe 192

Literatur

Gleisdreieck


linie

von Joseph Roth

1pixgif

Ich bekenne mich zum Gleisdreieck. Es ist ein Sinnbild und ein Anfangs-Brennpunkt eines Lebenskreises und phantastisches Produkt einer Zukunft verheißenden Gewalt.

Er ist der Mittelpunkt. Alle vitalen Ereignisse des Umkreises haben hier Ursprung und Mündung zugleich, wie das Herz Ausgang und Ziel des Blutstromes ist, der durch die Adern des Körpers rauscht. So sieht das Herz einer Welt asu, deren Leben Radriemenschwung udn Uhrenschalg, grausamer Hebeltakt udn Schrei der Sirene ist. So sieht das Herz der Erde aus, die tausendmal schneller um ihre Achse kreist, als es Tag- und Nachtwechsel uns lehren will; deren unaufhörliche, unsterbliche Rotation Wahnsinn scheint und Ergebnis mathematischer Voraussicht; deren rasende Geschwindigkeit sentimentalen Rückwärts-Sehern brutale Vernichtung innerlicher Kräfte und heilenden Gleichgewichts vortäuscht, aber in Wirklichkeit lebensspendende Wärme zeugt und den Segen der Bewegung.

In den Gleisdreiecken, Gleisvielecken vielmehr, laufen die großen, glänzenden, eisernen Adern zusammen, schöpfen Strom und füllen sich mit Energie für den weiteren Weg und die weite Welt: Aderndreiecke, Adernvielecke, Polygone, gebildet aus den Wegen des Lebens: Man bekenne sich zu ihnen!

Sie sind stärker als der Schwächling, der sie vernichtet und fürchtet, sie werden ihn nicht nur überdauern: Sie werden ihn zermalmen. Wen ihr Anblick nicht erschüttert, erhebt udn stolz macht, verdient den Tod nicht, den ihm die Gottheit der Maschine bereitet. Landschaft! - was enthält der Begriff? Wiese, Wald, Halm und Landschaft! - »Eiserne Landschaft« ist vielleicht das Wort, das den Tummelplätzen der Maschinen gerecht wird. Eiserne Landschaft, großartiger Tempel der Technik unter freiem Himmel, dem die kilometerhohen Schlote der Fabriken lebendigen, zeugungsträchtigen, Bewegung fördernden Rauch darbringen. Ewiger Gottesdienst der Maschinen, im weiteren Umfang dieser Landschaft aus Eisen und Stahl, deren Erde kein menschliches Auge sieht, die der graue Horizont umklammert. (....)

So ein Gleisdreieck wird von machtvollen Dimensionen, wird die zukünftige Welt sein. Die Erde hat mehrere Umformungen durchgemacht - nach natürlichen Gesetzen. Sie erlebt eine neue, nach konstruktiven, bewußten, aber nicht weniger elementaren Gesetzen. Trauer um die alten Formen, die vergeht - ähnlich dem Schmerz eines Diluvialwesens um das Verschwinden der prähistorischen Verhältnisse.

Schüchtern und verstaubt werden die zukünftigen Gräser zwischen den metallenen Schwellen blühen. Die »Landschaft« bekommt eine eiserne Maske. •

Frankfurter Zeitung, 16.7.1924,

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2018, Berlin-Kreuzberg