Kreuzberger Chronik
September 2017 - Ausgabe 192

Geschäfte

Müllers Nähmaschinen


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von Horst Unsold

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In diesem Jahr feiert der Laden seinen 111. Geburtstag.


Foto: Dieter Peters
Diese Werkstatt besteht nicht aus gut beleuchteten Werkbänken oder Arbeitstischen mit Computerbildschirmen. Sie besteht vor allem aus den alten, hölzernen Schränken, die sich über alle vier oder fünf oder sechs Räume der zwei Wohnungen verteilen, die sich hinter den verschleierten Baugerüsten der Nummer 6 des Kottbusser Dammes im ersten Stock verbergen. Die Schränke tragen Schubladen in allen Größen, Meter breite und Zentimeter schmale mit kleinen Schildchen voller Ziffern und Buchstaben, die nur Eingeweihte entziffern können.

Einer der Eingeweihten ist Herr Sauerbrey. Der Mann mit der großen Brille ist meistens hinten, in der Werkstatt, wo er sich über alte Hebel, kleine Zahnräder, Spulen und Greifer beugt, die sich in den schwarzen Zylindern der Nähmaschinen aus dem Zeitalter der Eisenbahnrevolution bewegen - oder eben nicht mehr bewegen. Herr Sauerbrey ist seit einigen Jahren nicht nur der Ladenbesitzer, er ist auch der Chefmechaniker. Er schmiert, kontrolliert, feilt, sucht nach passenden Ersatzteilen und tauscht Teile aus. Wenn sich am Ende alles wieder so leicht und leise dreht, als wäre die hundert Jahre alte Maschine nagelneu, dann ist er glücklich. »Manchmal sogar noch ein bisschen glücklicher als die Kunden!« Und wenn so ein fehlendes Rädchen nirgends mehr zu finden ist, dann feilt er eben eines zurecht. Das haben schon seine Vorgänger, der Herr Brandt, und davor der Herr Müller, so gemacht, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Tochter des alten Kastory heiratete. Obwohl solche Feilarbeiten schon damals, 1906, als Anton Kastory seinen Laden noch in der Oranienstraße hatte, nicht sonderlich profitabel waren. »Aber wir haben Kunden, die kommen seit 30 Jahren!« Denen kann man nicht plötzlich sagen, die Maschine sei irreparabel. »Wir machen Maschinen, da würden alle andern sagen: Können Sie wegwerfen. Wir nicht.«


Foto: Dieter Peters
»Die alten Maschinen sind unzerstörbar«, sagt auch Frau Brandt. Ihr Mann, Karl-Heinz, hat sie nach dem Krieg noch aus den zerbombten Häusern geholt. Es konnte alles zusammengebrochen sein, die Maschinen unter dem Schutthaufen waren noch heil. Sein Vater, der Bruno Brandt, hat mit den Trümmermaschinen dann am Innsbrucker Platz einen Laden aufgemacht. Nach dem Krieg mussten sich die Berliner ihre Kleider schließlich noch selber nähen. Das Geschäft lief gut, und 1961 hat er dann sogar den Laden von Müller dazu gekauft. Seitdem hat Brandt nicht mehr nur die kleinen Tischmaschinen mit der Handkurbel und die legendären Haushaltsmaschinen von Singer mit Pedalbetrieb, sondern auch die großen Achtpfünder von Pfaff, Dürkopp und Adler, lauter schwere, uralte Maschinen für Schuster, Polsterer und Kürschner. Maschinen wie Dampflokomotiven.

Gleich vorne, hinter der Glastür mit dem Ladenschild am Ende des steilen Treppenhauses, das zur Beletage führt, stehen hinter der hölzernen Ladentheke Frau Sauerbrey oder Frau Brandt. Frau Brandt steht hier schon 55 Jahre. Sie hat sich kaum verändert in dieser Exklave der Zeit, so wie alles hier oben, wo sich die Zeiger der Werkuhr noch mit der Behäbigkeit der analogen Zeitrechnung drehen, wo an der Wand noch immer die alte Ölzapfstelle hängt, vor der einst die Dienstmädchen mit einem kleinen Ölkännchen um Nähmaschinenöl anstanden. Auch das Glasschild mit den altdeutschen Lettern, das schon in der Oranienstraße hing, hängt jetzt wieder an der Wand, weil es immer wieder vorkommt, dass die neuen Nadeln nicht in die alten Maschinen passen. »Nadeln vom Umtausch ausgeschlossen.«

Die Tür quietscht, ein Herr tritt ein. »Ich komm wegen der Kapsel. Ich hab gehört, der Chef hat sie gefunden.« Frau Sauerbrey hinter der Theke nickt, dreht sich ohne viele Worte um, greift zielsicher in eine der 1001 Schubladen und zieht die kleine, silberne Kapsel heraus. »Ich glaub es nicht!«, ruft der Kunde, »Ich würd Ihnen glatt die Hand küssen, wenn ich rasiert wär. Die Maschine hab ich vor ewigen Zeiten in Portugal gekauft, ich brauch die für meine Segel.« – »Hier findet sich alles, junger Mann. Wir haben schon Teile in die Karibik geschickt. Und die Polen kamen mit Anhängern vorgefahren. Sogar Afrikaner standen schon im dunklen Treppenhaus, die haben die kleinen Handkurbelmaschinen gekauft und sie in ihre Dörfer mitgenommen.«

In der Regel sind es aber Änderungsschneider, Polsterer und Schuhmacher, die den Weg zu der steilen Treppe am Kottbusser Damm finden. Sie wissen, wo es lang geht, und verschwinden mit ihren Sorgen manchmal gleich nach hinten, wo Sauerbrey in aller Ruhe bastelt. Und wo noch immer diese kaum verblassten Schönheiten aus den Männermagazinen über dem Werkzeug hängen. Als der Brandt den Laden 1961 übernahm, »hat er ja auch alle Angestellten mit übernommen. Wie sichs gehört. Und die hatten sich doch an die Damen hier schon so gewöhnt, da konnten wir denen die doch nicht einfach wegnehmen!« Sagt Frau Brandt verständnisvoll. Also hängen sie da noch immer, ewig jung, jetzt schon seit über 55 Jahren, fast schon so alt wie diese schwarzen, glänzenden Maschinen um sie herum. •



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