Kreuzberger Chronik
Oktober 2017 - Ausgabe 193

Geschichten & Geschichte

Die gescheiterte Flucht der Robinskis


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von Werner von Westhafen

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Die Geschichte der Familie Robinski wäre nie erzählt worden, wenn nicht auf dem Tisch dieses Familienfoto gestanden hätte, das die Mutter und die beiden Schwestern des Vaters von Steven Robins zeigt. Nie hatte der Vater die Geschichte seiner Familie, die einst den Namen Robinski trug und in Deutschland lebte, erzählt. Andererseits war es gerade dieses hartnäckige Schweigen Herbert Robin´s, das den Sohn dieses Foto nie vergessen ließ.

Als Jahre später, nach dem Tod von Herbert und dessen Bruder Artur, die Erben in einem Koffer 100 Briefe fanden, die die in Berlin zurückgebliebene Familie Robinski zwischen 1936 und 1941 nach Südafrika geschickt hatte, ahnte Steven Robins, dass in diesen Briefen das Geheimnis des Schweigens lag. Er ließ sie ins Englische übersetzen, doch schon bald war klar, dass er zwischen den Zeilen lesen musste, dass auch diese Briefe noch voller Schweigen und Ängste waren. Es dauerte, bis sich die Geschichte zusammenfügte.

Herbert Robinski wurde 1907 als zweiter Sohn von David und Cecilie Robinski geboren, die während der Wirtschaftskrise 1925 nach Berlin zogen, wo die Familie mit drei Söhnen und zwei Töchtern in der Nähe des Alexanderplatzes wohnte. Mit 22 ging Herbert nach Erfurt, wo er in einem der Tietzschen Kaufhäuser eine Stelle gefunden hatte. Viel ist nicht zu erfahren über die Zeit in Erfurt, überliefert ist lediglich die Anekdote mit der Nachbarin, die eines Tages mit Hakenkreuz-Ohrringen vor seiner Tür stand. Herbert kommentierte die Ohrringe mit den Worten: »Oh, das sieht aber schön aus, steck dir doch gleich noch einen durch die Nase!« Wahrscheinlich war es kein Zufall, dass Herbert kurze Zeit später von der SA verhaftet und wegen aufhetzerischer Reden inhaftiert wurde. Der Gefängniswärter sagte: »Weißt du denn nicht, dass man die Nazis nicht mit Worten bekämpfen kann!«

Kaum ist Herbert Robinski wieder auf freiem Fuß, beginnt er mit der Planung seiner Flucht, 1936 reist er über Genua nach Kapstadt aus. Es ist verabredet, dass er zunächst die beiden Brüder und Schwestern, dann die Eltern nach Südafrika holt. Tatsächlich gelingt es ihm bald, dem jüngeren Bruder Artur eine Stelle zu vermitteln. Am 30. Oktober 1938 schreibt Artur beflügelt vom »beglückenden Gefühl der Freiheit« nach Deutschland, er sei jetzt ein lässiger Afrikaner und strecke auch niemandem mehr die Hand zur Begrüßung entgegen – diese »komische deutsche Sitte« könne man hier vergessen, Hände gehörten »einfach in die Hosenstasche«. Mit der Sorglosigkeit eines Urlaubsreisenden beschreibt er die afrikanischen Behörden, die ihm die Einreise erst gestatten, als sein Bruder 50 Dollar bezahlt. »Mit Geld«, glaubt Artur, »ist hier alles zu machen!«

Doch da irrt Artur. Zwar kann er selbst in Sicherheit bleiben, doch die Einreisebestimmungen werden zunehmend verschärft, obwohl die Lage in Berlin unerträglich geworden ist. Schon im September 1938 schrieb die Mutter an Herbert: »Von morgen ab verlieren viele Juden hier ihre Existenz, die Ärzte dürfen, mit wenigen Ausnahmen, nicht mehr praktizieren, das Hausieren und Marktgewerbe hört auf und das geht immer so weiter langsam aber sicher. Aber vielleicht wird der Allmächtige sich im kommenden Jahr über uns erbarmen und uns auch ein bißchen Freude und Zufriedenheit schenken; damit es den Juden vergönnt sei, ein menschenwürdiges Leben zu führen.«

Auch ein Brief von Siegfried, der mit seiner Frau am Oranienplatz bei Kuchen-Kaiser wohnte, macht den Ernst der Lage deutlich. »Es ist nun einmal wirklich so«, schreibt der große Bruder im Juni 1939, »daß man von hier aus schwer etwas erreichen kann und ich bin um so glücklicher, zu wissen, daß Du, l. Junge, uns bei der Auswanderung in so großzügiger Weise bereit bist zu helfen.« Wenig später schreibt er, dass Juden nur noch in Häusern zur Miete wohnen dürfen, die jüdische Besitzer haben. »Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, wie lange die Eltern und wir in unseren Wohnungen bleiben können.« Auch wenn der Hauswirt versprochen hat, ihnen erst zu kündigen, wenn er dazu schriftlich aufgefordert würde. Die Lage wird bedrohlich.

Seine Schwester Edith, die als Musiklehrerin an einer jüdischen Schule unterrichtet, schreibt im Januar 1939, dass sich die Reihen der Schulbänke allmählich lichten. »Alle möchten raus«, auch wenn es immer schwieriger wird. Ende März schreibt sie: »Heute ist der letzte Tag, an dem die Juden außer zwei Bestecken und kleinen Silbersachen alles Gold, Silber und Edelsteine abliefern müssen.« Bis zuletzt hat auch Edith die Hoffnung nicht aufgegeben, Asyl im Ausland zu erhalten, und ihre Bewerbung für eine Schulanstellung in Kapstadt per Luftpost geschickt. Doch alles ist vergeblich.

Herbert und Artur im fernen Afrika wurde klar, dass ihre Geschwister und die Eltern in der Falle saßen. Im letzten Brief, der in Kapstadt eingeht, schreibt die Mutter noch von einem netten Skatabend und der nahenden Heirat Ediths, doch dann wird es still. Am 22. August 1942 erreicht noch ein kurzes Telegramm die Brüder in Südafrika: »Deine Nachricht vom Dezember erhalten. Bei uns alles beim Alten. Alle Geschwister beschäftigt und zufrieden. Vaters Gesundheit zufriedenstellend. In Liebe, küssend Vater, Mutti und Geschwister.«

Dann trat Stille ein. Erst 13 Jahre später, im Sommer 1955, erfuhren Herbert und Artur, dass ihre Eltern mit dem 21. Osttransport am 19. Oktober 1942 nach Riga deportiert und sofort nach ihrer Ankunft erschossen wurden. Dass Hildegard am 19. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Dass Siegfried am 1. März 1943 mit dem 31. Osttransport nach Auschwitz deportiert und am 26. März 1943 erschossen wurde. Dass seine Frau Edith am 6. März 1943 mit dem 35. Osttransport ebenfalls nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Und dass Edith noch bis zum 27. Februar in der »Fabrikation« bei Zeiss-Ikon gearbeitet hatte, vor der Deportation flüchten konnte und erst am 29. Juli von der Gestapo verhaftet wurde. Als letzte der Familie Robinski wurde sie am 4. August 1943 mit dem 40. Osttransport nach Auschwitz gebracht und erschossen. •





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