Kreuzberger Chronik
Oktober 2017 - Ausgabe 193

Reportagen, Gespräche, Interviews

Vom Flohmarkt zum Weltmarkt


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von Michael Unfried

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Sie nennen sich Kai und Karin, hängen Zettel an Laternen und Plakate an Türen, suchen Babysitter oder veranstalten Flohmärkte. Doch hinter den netten Namen steckt eine GmbH.



Kreuzberg. Das Viertel der Trödler und der Flohmärkte. Es begann in den 50er-Jahren am Viktoriapark, in der Not nach dem Krieg, als sich an den Hängen des Parks ein Schwarzmarkt mit kleinen Holzständen etablierte, auf dem mit Haushaltswaren und Lebensmitteln gehandelt wurde. In den Sechzigern wurde die Bergmannstraße zur Trödelmeile, und in den Achtzigern erlangte der Polenmarkt am Gleisdreieck internationale Berühmtheit. Im Schlamm der Brache breiteten Händler aus aller Welt ihre Waren aus, und die kriegsdienstmüden Flüchtlinge aus Westdeutschland suchten sich ihren Hausrat am Gleisdreieck zusammen. Es gab Töpfe, Teller, Teppiche, Pelzmäntel, Plattenspieler, Pornos, Bücher, Bürsten, Blusen und Bügeleisen, Geschirr und Porzellan und Besteck in vom Regen aufgeweichten Kartons. Es gab alles, was man zum Leben benötigte, für kleines Geld. Das ist heute anders.

Foto: Dieter Peters
Wohnungen sind für die Flüchtlinge des 21. Jahrhunderts kaum noch bezahlbar, und den Markt am Gleisdreieck gibt es nicht mehr. Die Flohmärkte, die nachgewachsen sind, sind kein Ersatz für die Fundgruben vergangener Jahre. Idyllisch wie auf dem Montmartre reihen sich am Maybachufer die Stände der Trödler aneinander und verkaufen an Wochenenden für großes Geld kleine Dinge, Schmuck, Mode und Selbstgebasteltes. Nichts, was man zum Leben wirklich braucht. Auch am Marheinekeplatz stellen samstags ein paar Händler ihre Tische auf, um alte Schreibtischlampen und alte Lampengläser zu verkaufen, die ein Vielfaches teurer als neue sind. Es gibt alte Schallplatten und alte Postkarten, Bücher und in Cellophan eingeschweiste Landkarten von Alt-Berlin. Die Händler sind Profis, die Wartelisten für die Stände lang. Es ist schwer geworden für die Nachbarn, die zu klein gewordenen Hosen ihrer Kinder auf dem Flohmarkt zu verkaufen.

Aus diesem Grund organisieren einige Kreuzberger in den Sommermonaten Flohmärkte in ihren Höfen, kochen Kaffee, backen Kuchen und hängen Einladungen für die Nachbarn an Laternenpfähle. Doch auch diese letzten Nischen des Kreuzberger Privatlebens könnten verschwinden. Erst kürzlich hingen an den Haustüren Plakate, die zum »Tag der Hofflohmärkte in unserem Viertel« aufriefen. Doch was so aussah als käme es von den Nachbarn um die Ecke, kommt aus den Computern der Good Hood GmbH in der Köpenicker Straße, einem jungen Unternehmen, das in den Hofflohmärkten eine Marktlücke erkannt hat. Die Gute-Nachbarschaft-Gesellschaft wirbt mit einem professionellem Foto, das drei süße Kinder vor einem Tapeziertisch voller Spielzeug in einem der frisch restaurierten Fabrikhinterhöfe zeigt. Und darunter steht in kapitalen Lettern ein Satz, der ebenso unter einem Sonderangebot der Firma Telekom stehen könnte: MELDE DICH JETZT KOSTENLOS AN: www.nebenan.de/Hofflohmärkte.

Wo einst noch die Nachbarin beim Nachbarn klingelte und fragte, ob er nicht auch ein paar Kisten mit Aussortiertem für den Hofflohmarkt habe, schaltet sich jetzt die Firma ein. Anmelden kann sich, so erfährt der Interessent auf der zartgrünen Homepage, jeder, der einen Flohmarkt veranstalten möchte. Wenn 5 Häuser in einer Nachbarschaft zusammengekommen sind, werden sie ins Programm und den Lageplan aufgenommen. Außerdem verschickt Good Hood Mails an seine bereits 500.000 registrierten Nachbarn in ganz Deutschland und lädt sie in die Heimstraße oder die Fidicinstraße zum Hofflohmarkt ein.

Natürlich ist den Initiatoren der vereinigten Hofflohmärkte klar, dass die Idee nur Erfolg hat, wenn möglichst viele ihre Türen öffnen und auch die Hauseigentümer mitspielen. Deshalb haben die Jungunternehmer gleich einen Brief an die Hausverwaltungen formuliert, den die Nachbarn sich herunterladen und verschicken können. Auch sonst zeigt sich die Firma hilfsbereit und freundlich, alle Nachbarn werden stets mit barrierefreiem »Du« angesprochen: »Du hast die Möglichkeit, Aushänge in deiner Nachbarschaft zu verteilen, um möglichst viele Anwohner auf die Hofflohmärkte aufmerksam zu machen!« Das Konzept scheint aufzugehen: Eine Woche vor dem großen Flohmarkttag hatten sich 22 Häuser rund um die Bergmannstraße und den Südstern angemeldet.

Doch die Tatsache, dass sich hinter dem Plakat nicht ein Nachbar von nebenan, sondern eine Stiftung namens nebenan.de und eine Firma namens Good Hood verbirgt, stimmt viele skeptisch. Auch wenn die Firma stets beteuert, dass sie nichts weiter sei als »eine kostenlose, lokale Plattform zum Aufbau und zur Pflege nachbarschaftlicher Beziehungen«. Und nicht müde wird, zu betonen: »Wir handeln im Sinne der Nachbarschaft und des nachbarschaftlichen Miteinanders. Deshalb gibt es auch nur drei Wünsche im Umgang miteinander auf nebenan.de: Sei nett, sei ehrlich, sei hilfsbereit!« Solche Sätze locken kein müdes Lächeln, sondern nur noch Gähnen hervor. Zumal die Nachbarschaft gerade in Kreuzberg eigentlich immer gut funktioniert hat. Die Flohmärkte und die von Mietern organisierten Straßenfeste in der Stadt der Wohngemeinschaften und besetzten Häuser sind ein Beweis dafür, dass es auch ohne Good Hood und nebenan.de geht.

Dennoch erzählen die Unternehmer, wenn man nach ihrer Gründungsgeschichte fragt, dass sie »eigentlich alle von woanders und nicht aus Berlin kämen - genau!« Und dass sie am eigenen Leib hätten erfahren müssen, wie schwer es sei, nachbarschaftliche Beziehungen zu den Berlinern aufzubauen. »Wir haben irgendwann festgestellt, dass wir kaum Berliner kennenlernten - genau!« Das hätte man ändern wollen. Und heute könne man die Leute eben nur noch per Internet zusammen trommeln.

Das klingt plausibel, doch die Skeptiker vermuten, dass es den Initiatoren weniger um Lebensphilosophien als um Geschäftsphilosophien geht. Und tatsächlich kommen die Gründer nicht aus der Nachbarschaft, sondern aus der Branche der Jungunternehmer. Der Kopf der neuen Gruppe, Christian Vollmann, wird Backstage gern als »Business Angel« und »Captable« des Unternehmens gehandelt und hat zuvor mit digitalen Partnerschaftsbörsen wie iLove oder edarling sein Geld verdient. Auch der zweite wichtige Mann des Unternehmens, Till Behnke, ist kein einsamer Neukreuzberger, der Kontakte sucht, sondern ein Mann mit »erfahrenem Investorenblick« und Gründer der erfolgreichen Plattform Betterplace. Das ganze Unternehmen besteht aus Profis. Ein Wirtschaftsmagazin schreibt: »Mit Lakestar gewann« Good Hood »einen der namhaftesten Investoren Europas und ließ dem in der folgenden Finanzierung mit Burda einen Geldgeber folgen, der aus Marketing- und Strategiesicht noch relevant werden könnte.« Die Namen der Unterstützer sind keine Unbekannten, sogar die ZEIT und die FAZ haben ihre Logos zur Verfügung gestellt, kein Geringerer als Innenminister Dr. Thomas de Maizière verlieh am 13. September in der Berliner UFA-Fabrik den von nebenan.de ausgeschriebenen Nachbarschaftspreis an eine Initiative aus Köln und überreichte ein Preisgeld in Höhe von 15.000 Euro. Der Berliner Landessieger, eine Initiative aus Treptow, die damit begann, die von der städtischen Gärtnern vernachlässigten Baumscheiben zu bepflanzen, schaffte es nicht aufs Siegerpodest. Baumscheiben bepflanzen, Flohmärkte in Hinterhöfen, Urban-Gardening...- lauter Ideen, die aus Kreuzberg kommen könnten. Und die gut sind, aber kein Geld einspielen. Das musste den Jungunternehmern doch ein Dorn im Auge sein!

Doch Vollmann & Co haben ein gutes Gewissen. »Wir haben im ersten Jahr unseres Unternehmens auf den Lohn verzichtet!«, beteuert Michael Vollmann. Erst im zweiten Jahr wurden Gehälter ausgezahlt, und die würden von Sponsoren finanziert. Das muss nicht von Nachteil für die Angestellten sein, schließlich sollen 5,5 Millionen Euro an Sponsorengeldern die Firmenkasse bereichert haben. Den größten Teil davon wolle man »in den technischen Ausbau der Plattform, den Launch der mobilen App im dritten Quartal dieses Jahres sowie die Expansion in weitere europäische Länder stecken.« Trotzdem denke man daran, eines Tages auch mit lokalen Geschäften aus der Nachbarschaft Geld zu verdienen, wenn diese die Plattform für Werbung und Kommunikation nutzen möchten.

Die Flohmärkte sind für Good Hood keine schöne Idee, sondern »ein schönes Format«, mit dem man Geld verdienen kann. Trotzdem ist »im Moment für die Nachbarn alles noch kostenfrei, wir übernehmen zum Teil sogar die Plakatierung«, argumentiert ein Sprecher der Firma.

Ob sie diese Plakate noch sponsern, wenn die 500.000 Plattformbenutzer 5 Millionen geworden sind und wenn die deutschlandweite »Nachbarschaft« eine internationale ist und die Flohmärkte den Weltmarkt erobern? In Köln, wo die Firma schneller Fuß fassen konnte als im widerspenstigen Berlin, wird über die neue Nachbarschaft schon heftig diskutiert. Der Kölner Stadtanzeiger hält nebenan.de für den »Werbe-Trick« eines »start-up-Unternehmens«, und eine Leserin schrieb: »Ich soll also wildfremden Menschen oder Firmen mal so eben meine Realdaten geben, nachdem sie mir einen Zettel in den Briefkasten gesteckt haben. Die beiden angegebenen ‚Nachbarn‘ kenne ich nicht. Seltsam, denn ich kenne hier jeden... - Ich gehe jetzt erst mal raus, mich draußen mit ein paar Nachbarn treffen. Bei uns geht das ganz ohne Soziale Medien.« •




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