Kreuzberger Chronik
Oktober 2017 - Ausgabe 193

Geschäfte

Netto


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von Horst Unsold

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Menschheit abgeschottete Ware nur mittels komplizierter Mechanismen entnommen werden kann. Berühren darf der Kunde die Lebensmittel nicht, gleich mehrere Schilder weisen darauf hin, dass die Backware »nur mit der Zange und mit Einweghandschuhen entnommen werden« darf. Ansonsten gilt: »Berührte Ware verpflichtet zum Kauf!« Für den Fall, dass die Kundschaft eines Tages vor lauter Sterilität und Berührungsangst auch noch ihre letzten Abwehrkräfte verlieren sollte, befindet sich gleich nebenan ein Regal mit kleinen Gesundheitssnacks: Luftdicht und keimfrei verpackt finden sich hier die »Take-Away«-Salate und »Take-Away«-Wraps »Take-Away« - Sandwiches mit Huhn, Käse oder Schinken.

Und ebenfalls gleich nebenan lagert die ganze Pracht der Jog-hurtabteilung mit allen erdenkbaren Varianten von geronnener Milch. Immer stehen hier zwei oder drei junge Frauen auf der Suche nach diesem oder jenem, ständig sind die Verkäuferinnen in ihren rot-gelben Kitteln damit beschäftigt, die Lücken im Sortiment zu füllen. Und trotzdem ist der griechische Joghurt mit Honig ständig ausverkauft. Joghurt ist ein Renner, Joghurt steht in dem unsterblichen Ruf, süß zu sein und trotzdem nicht dick zu machen.

Aber auch Coca-Cola ist meterweise vorhanden. Gleich hinter Metern mit den Würsten, den Käsemetern und den Tiefkühlmetern mit ihren gefrorenen Fischen und Krabben, den gefrorenen Rindern und Hähnchen, den gefrorenen Pizzen und dem gefrorenen Eis stehen sie fast bis unter die Decke: Die Kästen mit Getränken. Ganz zweifellos die poetischste, phantasievollste Ecke im ganzen Laden. Denn es gibt hier nicht nur Bier, Wasser und Limonade, sondern hier gibt es »Ilis Brause« und »Schwipp Schwapp«, »Star Drink« und »Monster Energy«, »Red Bull«, »Booster« und »Rockstar«, »Einmal Ich« und »Großherz Ich« und das »Einhorn Glücksgetränk«. Und ganz am Schluss, an der Kasse, kurz vor dem Nachhausegehen, neben den Süßigkeiten und den Kaugummis, den Damenzeitschriften und den Blumensträußen, stehen dann noch die kleinen Flaschen der Flachmänner von Doornkaat & Co. Kleine Fläschchen fürs große Glück, die kleinste für 39 Cent mit 0,02 Liter »Feiges Früchtchen«.


Foto: Dieter Peters
Es ist also auch bei Netto in der Urbanstraße alles so wie überall bei Netto & Co. Die Preise sind die gleichen, die Ware ist die gleiche, sogar die Männer und die Frauen hinter der Kasse sind nicht anders als in der Bergmannstraße. Lediglich die Kundschaft ist ein bisschen anders. Sie packt die Wagen nicht ganz so voll, parkt keinen BMW im Hof, trägt keinen Stanton, sondern Kopftücher und Stirnbänder. Und vor der Kasse ist alles ein ganz kleines bisschen entspannter als in der hippen Bergmannstraße. •

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