Kreuzberger Chronik
Oktober 2017 - Ausgabe 193

Das Essen

Im Bierhaus Urban


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von Saskia Vogel

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Wenn sie die Wahl hätte zwischen Live Jazz im Bierhaus am Dienstag oder Blues am Donnerstag, dann würde Sas sich für Samstag entscheiden. Da nämlich zeigt die Kiezkneipe an der Urbanstraße einen Kampf von Muhammad Ali. »Geil!«, grölt Sas´ Freund. Mit dem Gedresche auf der Leinwand können er und Sas viel mehr anfangen als mit Blues oder Jazz. Er, der sich in seiner »Boxbude« regelmäßig einen auf die Packung geben lässt. Und Sas, der Prügeln eh lieber ist als Musik, die bei ihr nur Reizüberflutung und Burnout auslöst.

Im »Bierhaus Urban« steht nur Alkohol auf der Karte. »Ginger was? … Ale … also Ginger Ale!« Die Kellnerin mit den Apfelbrüstchen plappert übereifrig auf Sas oder auf Sas Freund - ganz genau kann man das nicht sagen - ein. Sie besteht hauptsächlich aus ihren riesigen Augen, die auffordernd über den alten Holztisch glänzen. Und diesen verdammt süßen Apfelbrüstchen, die auffordernd über dem alten Holztisch hängen. »Geil!«, sagt Sas´ Mann, und kaum hat die Apfelträgerin ihnen den Rücken zugewendet, liefern sie sich schon einen handfesten Streit. Mit metertiefen emotionalen Abgründen und doppelten moralischen Böden. Was die Kellnerin mit den geilen Äpfelchen wahrscheinlich nicht ohne heimliches Schmunzeln registriert.

Auch die Gäste sind begeistert. Nicht nur, weil Sas ihren Freund argumentativ k.o. geschlagen hat. Sondern auch, weil heute Jazz-Dienstag ist. Vorne am Spielautomat jazzt die Band und schwappt der Hopfen: Ein junger Kerl, der sich emotional ins Mikro ergießt. Und eine Frau mit Bubikopf und Hornbrille, die emotionslos die Drums bedient. Außerdem als Gäste anwesend: Gérard Depardieu, alt und verbraucht, ein »Rock and Bike«-Hinterhofschrauber sowie irgendwo im Gedränge ein einsamer grauer Wolf.

Sas´ Freund findet das Bierhaus »echt geil!« Sas nicht so. Wegen der Belegschaft und wegen der Gäste. Das Mobilar könnte bleiben. »You write psychograms«, sagt der Wolf, als Sas sich an ihm vorbei zum WC drängt. Sas steht fröstelnd in der Fliesenzelle, in der eine jener Plastik-Klobürsten steht, die nur bei Wulle im Regal wie neu aussehen. Das «Bierhaus ist eben nicht eine dieser frisch renovierten Gentri-Kneipen mit Smoothies aus veganen Eiern.

Im »Bierhaus« gibt es Bier. Sonst nix. Und den Autoschrauber, den Wolf und den Gérard Depardieu. Jetzt kommen noch zwei junge Kreuzköllner dazu, Ruslan und Hakim in Neonjacken. Dazwischen das Bienchen mit den Apfelbrüsten. Und ein Student, der irgendwelche peinlichen Boxübungen vollführt. »Wechselsprünge«, sagt Sas´ Freund, und Sas schaut herausfordernd zur Seite. Sas sagt noch etwas, dann schläft sie, ganz erschöpft vom Lieben und Streiten, einfach auf dem warmen Holztisch ein.•


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