Kreuzberger Chronik
Februar 2017 - Ausgabe 186

Herr D.

Der Herr D. und die neue Welt


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von Hans W. Korfmann

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Wie der Herr D. trotz technischer Probleme in den Urlaub fliegt.

Der Herr D. stand am Mehringdamm und wartete auf den 140er. Als ein Schüler ein zusammengeknäueltes Schokoladenpapier auf die Fahrbahn kickte, sagte ein alter Mann: »Früher hätte es sowas nicht gegeben.« Der Herr D. schwieg.

Als der Busfahrer das Ticket für den Herrn D. ausdrucken wollte und der Drucker versagte, brummte der Busfahrer: »Neue Software! Hätte es früher nicht gegeben!« Der Herr D. schwieg. Am Hermannplatz stieg er in den 171er zum Flughafen, der Bus war voller Schüler. Der Fahrer dozierte in Oberstufenlehrermanier: »Also, wir haben da ein Problem: Vorn und hinten im Bus quetschen sich die Leute zusammen, und in der Mitte ist ein Loch. Was können wir tun?« Niemand reagierte. Alle hatten Knöpfe und Kabel im Ohr. Der Chauffeur ergänzte: »Ick hab Zeit bis 12, dann ist Schicht!« Nichts geschah. Erst, als der Fahrer den Motor abstellte, zogen die Schüler die Stöpsel aus den Ohren.

Trotzdem erreichte der Herr D. den Flughafen noch rechtzeitig genug, um Zigarillos zu kaufen. Die Kassiererin im Duty-Free-Shop hielt das Päckchen vor ihr elektronisches Lesegerät, aber es reagierte nicht. Die Schlange vor der Kasse wurde ungeduldiger, die Verkäuferin verzweifelte. Der Herr D. sagte: »Ein Glück, dass ich mein Ticket gleich zwei mal ausgedruckt hab! Falls irgendein Scanner das erste nicht lesen kann. Das ist mir schon einmal passiert. Ausgerechnet in Hongkong! Das war ziemlich ägerlich.«

Die Schlangen bei der Gepäckkontrolle in Schönefeld waren wegen des jüngsten Terroranschlags noch länger als die im Duty-Free-Shop beim Kauf von Zigarillos. Es wurde gedrängelt und geschubst, und als der Herr D. endlich an der Reihe war, konnte er seinen Fahrschein nicht finden. Also nahm er den Reservefahrschein. Beim Boarding fragte ihn der Kontrolleur: »Haben Sie schon einmal eingescannt?« – »Ja, bei der Gepäckkontrolle!« - »Nein!«, sagte der Mann, der sein Ticket auf das Lesegerät gehalten hatte, »Sie müssen hier schon einmal durchgegangen sein.« – »Bin ich nicht!«, sagte der Herr D. »Aber Sie sind schon in meinem Computer!«, sagte der Kontrolleur. »Kann sein. Persönlich jedenfalls stehe ich hier zum ersten Mal!« Der Mann allerdings glaubte dem Computer mehr als dem Herrn D., winkte ihn durch und wandte sich dem nächsten Passagier zu.

Später kam eine Frau aufgeregt zum Schalter gerannt. Sie hatte bei der Gepäckkontrolle einen Fahrschein gefunden und ihn vorne abgeben wollen, war dann aber in dem ganzen Trubel versehentlich mit dem falschen Ticket durch die Kontrolle gegangen. «Das kann nicht sein!« sagte der Kontrolleur. «Sie sind doch eine Frau! Und auf dem Ticket steht Herr D.

Der Herr D. dachte an den alten Mann an der Haltestelle des 140ers und sagte: »Früher hätte es sowas nicht gegeben.« •

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