Kreuzberger Chronik
Dez. 2017/Jan. 2018 - Ausgabe 195

Strassen, Häuser, Höfe

Die Ruhlsdorfer Straße


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von Hans W. Korfmann

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Von Lankwitz nach Ruhlsdorf


Foto: Dieter Peters
Warum die kleine Sackgasse, die nur etwa 100 Meter vom Tempelhofer Ufer des Landwehrkanals zur Obentrautstraße führt, 1949 umbenannt wurde, dürfte in den Akten der Kreuzberger Stadtväter verborgen sein. Mit intelligentem Grübeln allein lässt sich die Änderung nicht erklären, die beiden Namensgeber Ruhlsdorf und Lankwitz sind politisch unbescholtene Blätter und liegen nebeneinander im Süden Berlins.

Neu ist jedenfalls nicht nur der Name des Sträßchens, neu sind auch alle seine Häuser. Kein einziges der Gebäude, die im 19. Jahrhundert hier standen, hat den Krieg überlebt. Die Ruhlsdorfer Straße ist ein kompletter Nachkriegs-Bau, nicht einmal Fotografien lassen sich von der alten Straße finden, die schon 1864 den Namen Lankwitzstraße erhielt und damit zu den älteren im Viertel gehört.

Auch bei näherer Betrachtung der Ortschaften Lankwitz und Ruhlsdorf findet sich kein Grund für die Umbenennung. Lankwitz, einst ein eigenständiger Bezirk Groß-Berlins, das heute zu Zehlendorf und Steglitz gehört und dessen Name in grauer, alt-slawischer Vorzeit noch Lankowice lautete, war in seinen Anfängen ein »Dorf am Ufer der Lanke«. Der Bach, der einst zwischen Feldern und Wiesen dahinfloss, verschwindet heute größtenteils in den Teltowkanal.

Erstmals erwähnt wird der kleine Ort mit seinen 44 Hufen, der nicht nur an einem Bach, sondern auch am Handelsweg zwischen den bedeutenderen Ortschaften Teltow und Köpenick liegt, bereits Mitte des 13. Jahrhunderts, als deutsche Siedler eine Kirche errichten. 100 Jahre später wohnt der Pfarrer bereits im Dorf, es gibt ein Wirtshaus und einen Bürgermeister an der Lanke. Nach und nach werden sieben Brücken über die Lanke, die Bräke und den Graben geschlagen, um den Bauern mit ihren Fuhrwerken das Leben zu erleichtern.

1840 werden dann aber die ersten Geleise der Anhalter Eisenbahn in der Gegend verlegt, das unbedeutende Ackerland gewinnt an Wert. Der Kaufmann Felix Rosenthal erwirbt 240 Morgen westlich der Anhalter Bahn zum Preis von 180.000 Mark, das heutige Komponistenviertel. Die Landstraßen nach Steglitz, Mariendorf und Marienfelde werden gepflastert und mit Bäumen bepflanzt. 1895 erhält der Ort sogar einen eigenen Bahnhof.

Weltbewegende Ereignisse aber fanden in Lankwitz nie statt, obwohl nicht weit von hier die Schlacht von Großbeeren geschlagen wurde, in der die Preußen Napoleon erfolgreich in die Flucht treiben und die Stadt Berlin vor dem vernichtenden Feuer retten konnten.

Ruhlsdorf hat ein wenig vom Ruhm des nahe gelegenen Schlachtortes profitiert. Von einer Anhöhe über dem Städtchen soll 1813 der schwedische Thronfolger Bernadotte, der den Preußen zu Hilfe kam, seine Truppen befehligt haben. Heute steht an dieser Stelle die Bernadotte-Linde. Ansonsten unterscheidet die beiden Dörfer wenig. Ebenso wie Lankwitz trat auch Ruhlsdorf Mitte des 13. Jahrhunderts erstmalig auf einem Papier in Erscheinung, mal als Rudolstorf oder Rulofstorff, als Rulestorf oder als Rulstorff. Hatte Lankwitz 44 Hufe Land, waren es in Ruhlsdorf 50, und wenn Lankwitz Mitte des 14. Jahrhunderts einen Pfarrer und einen Bürgermeister besaß, dann gab es den auch in Ruhlsdorf. Lediglich der Dorfkrug ließ in Ruhlsdorf noch etwas auf sich warten.

Vielleicht lag es daran, wenn der Ort zu keiner rechten Blüte gelangte und 1648, nachdem Otto von Britzke die Gemarkung an Ernst von Stockheim verkaufte, laut Stadtannalen »wüst« und unbewohnt dalag. Doch bald belebten fünf Bauern das verlassene Ruhlsdorf, aber als die Kirchenreihen sich endlich wieder füllten, schlug ein Blitz ein und zestörte den Westturm. Die Ruhlsdorfer bauten ihn schnell wieder auf, das Dorf hatte bald 32 Wohnhäuser, »zwei Schneider, einen Krüger, einen Müller, einen Weber, einen Schmied und einen Händler«, sowie einen Krug, eine gepflasterte Straße und eine Windmühle. Doch im Sommer 1845 schlug abermals der Blitz auf der Ruhlsdorfer Höhe ein und zerstörte auch die hölzerne Mühle. 1853 kam es gleich zu mehreren Bränden, Scheunen und Häuser wurden zerstört und wieder aufgebaut, bis 1890 Berlin das Dörfchen aufkauft, um weitere Rieselfelder anzulegen, die mit den Abwässern der Großstadt gedüngt werden sollen. Damit ändert sich vieles.

Am ersten September 1903 leuchten in Ruhlsdorf die ersten zehn Gaslaternen, neun Tage später klingelt das erste Telefon beim Gemeindevorsteher Sommer. Drei Jahre später kommt fließendes Wasser ins Dorf, vier Jahre danach wird die Post eröffnet, und 1912 werden die Glühstrümpfe der Gaslaternen durch Glühbirnen ersetzt. Ruhlsdorf ist auf der Höhe der Zeit angelangt, sogar eine staatliche »Versuchswirtschaft zur Schweinezucht« wird aufgebaut. Heute befindet sich hier das »Deutsche Schweinemuseum« – bislang das einzige, das Deutschlands beliebtestes Schlachtvieh ehrt.

Man sieht nach diesem kurzen Rückblick: Sowohl Lankwitz als auch Ruhlsdorf waren brave Ortschaften, und das kleine Sträßchen in Kreuzberg, das in ihre Richtung deutet, braucht sich weder für den neuen noch für den alten Namen zu schämen. Vielleicht liegt des Rätsels Lösung allein im Datum seiner Umbenennung. Denn während Ruhlsdorf nach der Teilung der Stadt an die DDR fiel, lag Lankwitz noch immer auf der westlichen Hemisphäre der damaligen Welt. Vielleicht wollten Westberliner vier Jahre nach Kriegsende mit der Namensänderung nur daran erinnern, dass auch das bolschewistische Ruhlsdorf einst ihnen gehörte. Und dass sie es wieder haben wollen. Dem ist nun so. •


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