Kreuzberger Chronik
September 2015 - Ausgabe 172

Dieter Peters Kreuzberger
Zam Johnson

Its a never ending story


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

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Als Zam Johnson nach Kreuzberg kam, brannte es. »Wir waren am Görli, mein Freund dachte, die grillen, aber die Rauchschwaden kamen von brennenden Autos, und die Polizei prügelte auf die Leute ein. Verdammt, da komm ich extra über den Atlantik und lande schon wieder in einem Aufstand.«

Es war der 1. Mai 1987, Bolle brannte, und es war wie damals in Watts, im Einwandererviertel von Los Angeles, wo das Militär 1965 mit Panzern einrollte. Die Polizei hatte einen Tag zuvor einen Schwarzen erschossen, es kam zur Revolte. Über Watts wurde eine Ausgangssperre verhängt, der Vater ermahnte Zam, das Haus nicht zu verlassen, aber Zam kletterte nachts durchs Fenster und feuerte mit seinen Freunden Feuerwerkskörper ab. Wäre dieser Aufstand nicht gewesen, vielleicht wäre Zam Johnson nie nach Europa gekommen. Aber Zam Johnson hatte die amerikanische Politik irgendwann satt. Er wollte weg.

Und dann gab es da diese Straße in der Nachbarschaft. Sie sah aus wie alle Straßen im Viertel - ein Holzhaus neben dem anderen, jedes mit einem Stück Rasen davor und einer Garage an der Seite - aber diese Straße hieß Success Street. Und »Success« war das Zauberwort. Zams Großeltern hatten die Goldenen Boxhandschuhe gewonnen und sich bis in die Mittelschicht durchgeboxt. Und Zam war ein hervorragender Sprinter.

Aber neben dem Sport gab es noch einen anderen Weg aus dem Ghetto: die Musik. Gleich gegenüber in der 116th San Pedro wohnte Al McKay von Earth, Wind & Fire, und an der nächsten Straßenecke putzten die Platters ihren nagelneuen Cadillac. Noch heute spielen Radiosender ihren Hit aus den Fünfzigern: Only You… Sogar der Putzmann aus der Schule hatte es geschafft. Als er den Schülern erzählte, er werde jetzt berühmt, lachten sie ihn aus, aber plötzlich war er im Fernsehen, The Fifth Dimension wurde weltberühmt. Ein Mann namens Rudy Stevenson wurde ihr musikalischer Direktor.


Doch Zams Vater, der sich als Briefträger durchs Leben schlug und mit 200 Dollar in der Woche und mit einem eigenen Haus schon zu den Privilegierten in Watts gehörte, hielt nichts von der jugendlichen Träumerei des Sohnes. Obwohl er selbst malte, Skulpturen schmiedete, sich als Künstler versuchte, ärgerte er sich, als Zam schlechte Noten nachhause brachte und sich immer öfter hinter das Schlagzeug in der Garage zurückzog. Sein Sohn sollte Geld verdienen. Aber eines Tages hatte der Fünfzehnjährige mit der Schulband seinen ersten Auftritt bei einem der Friday Night Concerts im Park. Da spielten jeden Freitag vier Bands aus Los Angeles, und danach kamen die Stars: »Da hab ich die Doors gehört, die Turtles, die ganzen großen Bands kamen da hin, für umsonst, und spielten exakt zwei Stücke, die Vorderseite und die Rückseite ihrer neuen Single. So machten die am Wochenende 20 Auftritte, und danach verkauften sich ihre Platten wie verrückt!«

Amptones hieß die Schulband, und als Zam heimkam, stand sein Vater im Zimmer und sagte: »Ah, der große Musiker ist wieder da! Und? Wieviel hast du verdient?« - »75 Bugs!« - »Gib mir die Hälfte!«, sagte der Vater. Und so ging es weiter, nach jedem Auftritt bekam der Vater seinen Anteil. »Bei den anderen Jungs lief es genauso. Schließlich wohnten alle noch bei den Eltern« , aßen zuhause, einer der Väter fuhr sie mit ihren Instrumenten zu den Auftritten. Doch Zams Vater blieb skeptisch. Er traute dem Glück nicht. Nicht einmal, als der Sohn 1967 mit einer Band namens Sounds of Success als beste Nachwuchsband von Los Angeles den »Pepsi Boss Battle« gewann.

Als Zam 30 Jahre später mit seiner Tochter in einem Vergnügungspark war, wankte ihnen ein drei Meter hoher Frankenstein auf Stelzen entgegen, beugte sich zu Zam und der verängstigten Tochter und sagte: »Hey, Zam, how are you?« Als der Schausteller die Maske abnahm, war es Jim Hurts, der ehemalige Saxophonist von Sounds of Success. »Mann, was machst du hier, spielst du noch?«, fragte Zam. - »Na klar. Aber ich hab neun Kinder, ich muss doch von irgendwas leben.« Sounds of Success war nicht für alle ein Weg zum Erfolg!

»Als Musiker Geld verdienen…«, sagt Johnson, »…thats a never ending story«. Es gab Zeiten, da verdiente er 30.000 Dollar im Monat, und es gab Zeiten, da verdiente er nichts. Und so ist es bis heute. Obwohl er ein gefragter Musiker ist, ein Allrounder, der für das Théâtre Danse Grotesque komponierte, der seit 25 Jahren die Musik für Tänzerinnen wie Minako Seki und Yoshioka Yumiko schreibt und mit ihnen auf der Bühne steht; der erst vor kurzem mit dem Pianisten Uli Lenz und Gerhard Kubach eine neue CD herausgebracht hat.

Aber Musiker machen nicht Musik, um Geld zu verdienen. Sie machen Musik, um Musik zu machen. Deshalb sitzt Zam Johnson jeden Tag in seinen Gewölben unter der Monumentenstraße, in denen die Brauereien einst Bier und Eis lagerten, in denen geschlachtet und Karten gespielt wurde, zwischen lauter Kabeln, Lautsprecherboxen, Keyboards, Gitarren, Bässen und Drums. Und spielt. Und spielt.

»Ich war zehn oder so, da fuhren wir zur Latin Beach, wo sich die ganzen Südamerikaner trafen, Brasilianer, Mexikaner, Argentinier... Da waren 200 Leute am Strand und trommelten auf Flaschen, Kanistern, Fässern - allem, was einen Ton von sich gab. Alle tanzten, es war phantastisch, das hab ich nie vergessen!«

Das war der Grundstein für Zams Karriere, doch wenn die Mutter nicht eines Tages gesagt hätte, der Junge brauche ein Schlagzeug -»sonst kommt er noch auf dumme Gedanken« -, dann wäre dieser Grundstein vielleicht für immer vergraben worden. Obwohl Sam schon früh wusste, was er wollte, obwohl er sich mit seinen Freunden schon immer vor den Clubs herumtrieb, vor verschlossenen Türen stand und lauschte, bis plötzlich Art Blakey herauskam und sagte: »You wanne listen? Ok, come in.« Der Boss des Ladens wollte sie wieder rauswerfen, aber der berühmte Schlagzeuger forderte den Mann durchs Mikrophon auf, er solle die Kids mal zuhören lassen. Als die Freunde älter waren, sprangen sie auf die Güterzüge auf und fuhren auf dem Trittbrett eine Stunde lang ans Meer ins Lighthouse. Das Lighthouse war berühmt, »alle großen Bands waren da.« Und sogar in der Schule traten sie auf, Little Richard kam zum Abschlussball der Highschool, und an der Gitarre neben ihm, »das muss damals Jimy Hendrix gewesen sein.«

Los Angeles war voller Musik, und Zam saß nur noch in der Garage hinter dem Schlagzeug. Seine Begleitung kam vom Plattenteller oder aus dem Radio. Er entwickelte eine Leidenschaft für den Soul, aber er spielte alles, Jazz, Rock, Blues, Folk, sogar Klassik…einfach alles. Später, in Hollywood oder Berlin, konnte er sofort überall einsteigen, egal, was für Musik die machten. Gerade Berlin war voller Bands, die vollkommen verschiedene Musik machten, und Zam Johnson verdiente gutes Geld in den goldenen Jahren auf der Insel Berlin. Als dann die Mauer fiel, dachte er nur: »Oh, thats not a good idea!«

Nachdem Zam mit den Amptones seine ersten 75 Dollar verdient hatte, ging es bergauf auf der Straße des Erfolgs. Musiker kamen vor dem Holzhaus vorgefahren und fragten, ob Zam auch bei ihnen spielen könne. »Da müssen Sie meinen Vater fragen!«, antwortete der Schüler. Wenig später spielte Zam auf dem Sunset Strip in einer Bar, die er nicht betreten durfte, da er ja noch minderjährig war. Also saß er die gesamte Pause über in der Garderobe, wo sich Stripperinnen, Huren, Zuhälter und Drogendealer ein Stelldichein gaben. Einmal war er allein mit einer dieser schönen Tänzerinnen, sie war nackt, hatte eine Zigarette im Mundwinkel und sagte: »Dich nehme ich heute mit nachhause und zeige dir was.« Zam lacht: »And she did!«

Am Sunset Strip verdiente der junge Mann 100 Dollar pro Abend und fühlte sich schon reichlich erwachsen mit seinen siebzehn Jahren. Er zog bei den Eltern aus und schrieb sich am City College ein, um Noten zu lernen. Aber dann kamen ein paar Freunde und sagten, sie bräuchten einen Drummer, der mit ihnen nach Las Vegas ginge.

Zam hatte so wenig Geld, dass er sich das Ketchup bei McDonalds klaute, um zuhause mit ein paar Gewürzen eine Suppe daraus zu kochen. Er ging zu Professor Macintosh und sagte: »Ich weiß nicht, was ich machen soll. Eigentlich möchte ich studieren, aber ich hätte da einen Gig.« - »Einen Gig? Was für einen?« - »Sechs Wochen Las Vegas, mit einer Option auf sechs Monate!« Der Professor meinte, er solle verdammt noch mal sofort diesen Job nehmen.

So kam Zam nach Las Vegas. Es war eine turbulente Zeit, sie tranken drei Wochen lang Wild Turkey, bis sie »das Zeug nicht mehr sehen« konnten, dann zwei Wochen Jack Daniels, und dann probierten sie es mit Everclear, »190-proof alcohol«. Cile Turner, die Sängerin, die ohnehin schon eine Stimme wie Janis Joplin hatte, taumelte vollkommen betrunken auf die Bühne, sogar die Brüste torkelten, aber das Publikum applaudierte, weil es das Ganze für einen Gag hielt. Es klatschte auch noch, als sie samt Keyboard von der Bühne fiel. »Aber am nächsten Tag hatten wir unsere Verlängerung für sechs Monate.«

Auf der Bühne
Drei Jahre lang tourte er mit der Las Vegas Formation durch ganz Amerika, sogar in Frankfurt traten sie auf. Danach wanderte der Schlagzeuger durch die Clubs und Studios in Hollywood und in New York. Johnson, der jeden Rhythmus vorgeben konnte, der Soul, Rock und Blues spielte, wurde zum gefragten Studiomusiker. Eines Tages kam Greg Evigan, ein bekannter TV-Star, und holte Zam als Schlagzeuger in eine Band, die die Songs für seine wöchentliche TV-Serie »BJ & The Bear« spielen sollten. Die Sendung war derart populär, dass die Band, wenn sie mit Evigan auf Tour ging, nur mit Security-Leuten von der Bühne in die Limousinen kam. Tausende von Fans grölten und »zerrissen uns die Hemden, als wären wir die Beatles.«

Erst 1987 wurde es etwas ruhiger. Johnson kam als Komponist für eine Independent-Filmproduktion Berlin. Er ließ seine komplette Ausrüstung über das Meer schiffen, doch der Zoll glaubte, Johnson wolle das Equipment verkaufen und verlangte immense Zollgebühren. Der Filmproduktion ging das Geld aus, aber die Filmleute boten ihm an, sich auf ihre Kosten in aller Ruhe die Stadt anzusehen. Nach drei Monaten wusste Zam, dass er bleiben würde. Es dauerte nicht lange, da spielte der amerikanische Sclagzeuger in allen bekannten Clubs der Stadt, trat im Quasimodo, im Franz-Club, im Quartier Latin, im Tacheles auf, spielte mit Queen Yana, Bob Lenox, Mike Russell oder Rudy Stevenson. Dem ehemaligen Direktor der Fifth Dimension.

Thinking of you, CD-Cover, 2013
Seit Sounds of Success trommelt er sich durchs Leben. Drei Mal in dieser Woche hat er sein Schlagzeug schon die steile Treppe hinauf und wieder herunter getragen. Der Arzt sagte, seine Schulterbänder sähen aus wie die eines Bauarbeiters, er müsse fünf Monate pausieren. Johnson sah ihn mit riesigen Augen an. »Fünf Monate?« Nicht ein einziger Tag vergeht in Johnsons Leben ohne Musik.

Es sei denn, er malt. An nackten Backsteinwänden, die vor zwanzig Jahren einmal weiß gestrichen wurden, hängen im kalten Licht von sechs Neonröhren seine großformatigen, knallbunten Bilder. Er war noch ein Kind, als sein Vater ihm erklärte, wie man den Pinsel hält. Seitdem sind viele Jahre vergangen, Zam Johnson hat seine Bilder in Kalifornien, in Marokko und in Berlin ausgestellt. Kunstsammler wurden aufmerksam auf den Mann, der keine Kompromisse machte. Sie spürten: Egal, ob Johnson mit Queen Yana oder mit dem 105 Lenz-Kubach-Johnson Trio auftritt, ob er hinter dem Keyboard sitzt oder hinter der Gitarre steht, ob er die Sticks oder den Pinsel in die Hand nimmt: Es ist jedes Mal ein echter Johnson.

Manchmal rufen alte Bekannte aus Amerika an und fragen, wann er denn endlich zurückkäme. »Ich sage dann immer: Tut mir leid, aber ich werde wahrscheinlich hier begraben. Vielleicht dort hinten, da, wo schon Rudy liegt.« Rudy Stevenson, der so wie er selbst eines Tages in Berlin hängen blieb, und mit dem er dann so oft auf der Bühne und im Studio stand.

Sie würden sich freuen, wenn er einmal auf Besuch käme. Sie sind stolz auf ihn. Er hat sich durchgeboxt auf der Straße des Erfolges, von Watts bis nach Europa. Er hat mit Ike & Tina Turner gespielt und bei den Beach Boys den Takt angegeben. Ein Jahr lang ist er mit der Rock-Legende Iron Butterfly von Bühne zu Bühne gezogen. Sogar der Vater war am Ende stolz auf den Sohn. Er lag auf dem Sterbebett, als Zams erste Single herauskam. Ein neues Label namens Playboy Records hatte zehn amerikanische Bands unter Vertrag genommen. Eine davon waren die Nachfolger von Sounds of Success.


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