Kreuzberger Chronik
September 2015 - Ausgabe 172

Geschichten & Geschichte

Kressmanns kleine Staatsstreiche


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von Werner von Westhafen

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Die Kollegen brachte er zur Verzweiflung.Die Kreuzberger machte er glücklich: Willy Kressmann.


Kreuzberg, das Viertel an der Zonengrenze, geriet nach dem Krieg nur noch selten in die Schlagzeilen. Wenn von Berlin berichtet wurde, dann von der großen Politik, von Charlottenburg und dem Kurfürstendamm. Erst 1968 brachten die Demonstrationen gegen die Springer-Presse und die Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Staatsobrigkeit das ehemalige Vergnügungsviertel im Süden Berlins wieder in die Zeitungen.

In den Fünfzigern war Kreuzberg kaum eine journalistische Zeile wert. Es sei denn, der Kreuzberger Bürgermeister war auf einer seiner berühmt berüchtigten »Extratouren« unterwegs. Willy Kressmann und die 68er hätten sich gut verstanden, denn seine kleinen Streiche waren Protestaktionen gegen die etablierte Politik und stets nah am Staatsstreich, weshalb die BZ den Bürgermeister von Kreuzberg mit Argusaugen verfolgte. Das Unterhaltungsblatt hatte erkannt: Der Name »Kressmann bürgt für Überraschungen.« Und als der legendäre Bürgermeister 1986 starb, widmete das Blatt ihm aus lauter Dankbarkeit nicht nur einen Nachruf, sondern gleich eine fünfteilige Serie.

Kressmann machte, was er glaubte und was er wollte, ohne Rücksicht auf Parteigenossen. Er war ein Basisdemokrat, er fragte das Volk. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Anbringung eines Kummerkastens. Der Kummer der Bürger war groß, der Kasten stets so voll, dass die Sekretärinnen im Rathaus stöhnten. Als sich 1955 anlässlich des Neubaus das Gerücht herumsprach, der Kasten solle mit dem Bauzaun entsorgt oder im 9. Stock aufgehängt werden, musste Kressmann lautstark dementieren.

Ebenfalls erst wenige Wochen nach dem Amtsantritt im Jahr 1949 entschloss er sich, den von den Alliierten verordneten Ladenschluss aufzuheben. »In einer freien Wirtschaft muss doch die Bevölkerung entscheiden, wie lange sie einkaufen will«, verkündete Kressmann, ließ Wahlzettel drucken und durch mit Schokoladen belohnte Kinder verteilen. 37133 Kreuzberger - die Wahlbeteiligung lag über 90 Prozent - stimmten für verlängerte Öffnungszeiten bis 19 Uhr. »Sorgfältig sortiert und ordentlich beschriftet wurde die Volksabstimmung dem Magistrat vorgelegt«, doch der schüttelte nur den Kopf. Die Kreuzberger allerdings hielten ihre Läden trotzdem bis 19 Uhr geöffnet, und die Ordnungshüter drückten »beide Augen zu.«

Auch über die Lebensmittelrationierung konnte sich der Bürgermeister in seinem Regierungsbezirk hinwegsetzen, indem er 1949 im Viktoriapark die ersten »Kreuzberger Festlichen Tage«, eine Mischung aus Volksfest und einer »Verkaufsmesse«, veranstaltete. Dieser »Graue Markt« am Fuß des Kreuzbergs löste den Schwarzmarkt ab, hier gab es plötzlich in Hülle und Fülle Butter, Fleisch und Kaffee zu kaufen. Die BZ lobte den Bürgermeister, der dafür sorgte, »dass es seinen Kreuzbergern wieder besser ging«. Seine Kollegen dagegen tobten, man befürchtete das Eingreifen der Alliierten, doch Kressmann ging »demonstrativ« zum Einkaufen in der Gneisenaustraße, - »die Schokolade für drei Mark, Makrelen in Öl für zwei...« - und ließ die Journalisten schreiben: »In Kreuzberg gibt es keinen Schwarzmarkt mehr.«

Nicht nur die lokale, auch die internationale Presse wurde allmählich auf ihn aufmerksam. Bis heute ist Kressmann der einzige Bezirkspolitiker, der es auf die erste Seite der New York Times brachte. Als die DDR im September 1951 von Fahrzeugen aus dem Westen für die Nutzung ihrer Autobahnen eine Mautgebühr erhob, ließ Kressmann »für sechs Stunden die Sektorenübergänge in seinem Bezirk sperren« und machte damit quasi die Grenze zwischen Ost und West schlicht dicht. Der Spiegel berichtete, dass der widerspenstige Häuptling der »freien Kreuzberger Republik« an seiner Landesgrenze sogar bei »zivilen Sowjet-Alliierten abkassierte« und nicht davor zurückschreckte, Kraftfahrzeuge aus dem Osten beschlagnahmen zu lassen.

Ernst Reuter drohte dem wilden Willy mit sofortiger Verhaftung, wenn er nicht mit dem Unfug aufhöre. Obwohl Kressmann im Grunde immer die Versöhnung suchte. Er sah in Berlin keinen Eisernen Vorhang, sondern eine »Brücke zwischen Ost und West«. Schon 1955 forderte er Gespräche zwischen den Bürgermeistern beider Stadthälften und sprach davon, »die Fäden nicht abreißen zu lassen, die sich trotz aller Schwierigkeiten von hüben nach drüben ziehen.«

Als seine westlichen Kollegen keinen Gesprächsbedarf zeigten, lud er die Bürgermeister der östlichen Nachbarbezirke »zu technischen Gesprächen« ein, um über Straßenverkehr, Telefonverbindungen und die Restaurierung der Oberbaumbrücke zu sprechen. Doch Kressmann war - wie immer - seiner Zeit voraus. Es dauerte noch sechzig Jahre, bis die Brücke zwischen Ost und West restauriert wurde. Damals erntete er nur Kritik. Die Partei drohte sogar mit dem Ausschluss, worauf die BZ einen Leserbrief druckte: Um Willys Bezirk ist es traurig bestellt - Nu laß ihn doch ooch mal, det kostet keen Jeld! - Ihm dauert der Dienstweg ville zu lange - der is spontan und keen bißchen bange.

Das politische Ende naht, als Kressmann, Ehrenbürger eines Städtchens in Texas, 1962 nach New York eingeladen wird, um den Amerikanern von Berlin zu erzählen. Als sein vorgesetzter Namensvetter Willy Brandt davon erfährt, bittet er den unberechenbaren Kreuzberger, ihm die Manuskripte für die Reden vorab zur Ansicht zu geben. »Auf gar keinen Fall!«, antwortet Kressmann und macht sich auf die Reise, um auf einer Pressekonferenz in New York zu verkünden, dass die Berliner Mauer »ein Resultat falscher Politik« sei. Nach seiner Rückkehr wurde der wilde Willy möglichst schnell in den Urlaub versetzt, und 1963 verließ er endgültig die SPD, um zu einem seiner besten Feinde überzulaufen, der sich ebenso wie er gern über alles hinwegsetzte: Franz Josef Strauß.




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