Kreuzberger Chronik
September 2015 - Ausgabe 172

Reportagen, Gespräche, Interviews

Wandlungen der Fidicinstraße


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von Kajo Frings

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In den neuen, meist englischsprachigen Lokalmagazinen liest man einiges über die Fidicinstraße. Stil in Berlin spricht von SIMON&ME als »located in the southern streets of Kreuzberg 61«. Cat on bike lobt seinen Standort als »lovely neighbourhood...in the heart of Berlin-Kreuzberg«, und der Exberliner fühlt sich »in the quiet leafy streets of southwest Kreuzberg« wohl.

Nicht nur die Bergmannstraße, auch ihre Parallele am Berg hat sich verändert. Die alten Bier- und Schnapskneipen sind so gut wie ausgestorben, die Fidicinstraße wird längst so erfolgreich vermarktet wie ihre berühmte Nachbarin. Doch außer den Immobilienmaklern verwendet in der Fidicinstraße niemand das Wort »Bergmannkiez«, das längst zum Synonym für »proll und voll« geworden ist.

Die Fidicinstraße ist nur wenige Meter von der Bergmannstraße entfernt, aber eine echte Alternative. Auch wenn sich schon vieles verändert hat, ist einiges auch geblieben.

Der Türke

Die Lecker-Backstube in der Fidicinstraße Nummer 17 gibt es seit etwa 6 Jahren, so genau weiß das heute keiner mehr. Zu »DM-Zeiten« war sie in der Nummer 13, aber die Räumlichkeiten wurden zu klein. Die Lecker-Backstube gehört Abi. Abi ist kein Vorname, Abi heißt »großer Bruder«, und dem großen Bruder zur Seite stehen der kleine Bruder und die Schwester. Alle drei sind überaus fleißig, freundlich und geschäftstüchtig; und alle haben die geniale Eigenschaft, tatsächlich alle Preise der etwa 1738 verschiedenen Artikel vom Salatkopf bis zum Hundefutter im Kopf zu haben. Hier eine Preisauszeichnungspflicht einführen zu wollen, wäre absolut sinnlos.

Morgens um fünf werden die vorgefertigten Backwaren in die Öfen geschoben, Brote und Brötchen belegt, die Tageszeitungen in die Ständer sortiert. Dann kommen die Angestellten des Straßenverkehrsamtes zum Kaffee, der Alltag nimmt seinen Lauf, und er endet manchmal um 22, manchmal um 24 Uhr.

Früher kaufte die Nachbarschaft alles Mögliche und Lebensnotwendige bei Abi, doch inzwischen können sich das viele nicht mehr leisten. Sie gehen jetzt zu Netto. Abis Kunden sind jetzt oft Touristen und Studenten, die nur vorübergehend im Viertel wohnen. Hinzu kommen die notorisch Vergesslichen, denen abends um acht auffällt, dass der Zucker aufgebraucht ist, und die wegen einer Tüte Zucker nicht noch einmal zu Netto laufen möchten.

Abi setzt auf Aufbackbrötchen, Penny-, Netto-, und Kaufland- Produkte und auf Reis, Nudeln, Doseneintopf und den Bedarf des Durchschnittsalkoholverbrauchers. Doch die vor Spätis üblichen Ansammlungen Bier trinkender Nachbarn verhindert ein im Schaufenster aufgehängtes Schild: »Der Verzehr alkoholischer Getränke im oder in unmittelbarer Umgebung des Ladens ist nicht gestattet.«

Das Schild ist die Folge diverser Beschwerden eines Mieters, der sich solange über angeblichen Lärm beschwerte, bis der Vermieter einschritt. Jetzt sitzen Zeitungsleser, Kaffeetrinker und Kuchenesser bei Abi.

Die Kreuzbergerin

Im Kleinen Weinstock in der Nummer 8 darf noch gelacht werden. Seitdem Angela den Laden übernommen hat, kann man mit einem Glas Wein oder einer Flasche Bier oder auch mit einer Gingerlight-Limo bis abends spät auf dem Bürgersteig sitzen und sich über den Tag austauschen. Werktätige jeder Couleur beenden den Tag hier, tauschen Rezepte aus und holen Erziehungsratschläge ein. Bei Angela tratschen die Vorstadtweiber über den Wochenendcampingplatz in Brandenburg, die Henna-Anwendungen oder den Sommerurlaub.

Bier und Kaffee gab es schon immer in der Straße, aber das Angebot an Wein ist bei Angela und auch bei Abi größer und anspruchsvoller geworden. Von einer Islamisierung der Straße ist nichts zu merken. Was noch fehlt im zeitgemäßen Sortiment mit Biobrötchen und Edelmakrelen sind die Produkte der neuen Privatbrauereien: das Sauerbier und das Indian Pale Ale. Eigentlich könnte man jeden Abend bei Angela sitzen und sich zuhause fühlen, doch wie schon Melina Mercouri 1960 als Athener Hafenhure im gleichnamigen Film über ihre Geschäftsöffnungszeiten sang: »Never on Sunday!«

Der Italiener

Das Caffè degli Artisti in der Fidicinstraße Nr. 44 hat einiges von seiner alten Patina verloren, seitdem Alessio und Massimo den Laden übernommen haben. Dafür ist es sauberer geworden, die Wände sind gestrichen, die alten Rohre neu verlegt, und die Kaffeemaschine strahlt. Freundlicher als von Alessio mit seiner Weste und der Fliege kann man als Gast gar nicht behandelt werden. Ein Gast, der sich, während das warme Sandwich gebracht wird, mit seinem Laptop beschäftigt, wird höflich gebeten, erst mal das Sandwich zu essen und es nicht kalt werden zu lassen, schließlich habe er »es doch mit Liebe zubereitet«.

Alessio ist seit seinem vierzehnten Lebensjahr Gastronom. Zuerst in seiner sizilianischen Heimat, dann in ganz Italien und dann in der Schweiz. Er lernte Englisch, aber das brachte keine Kunden. Die Leute redeten Italienisch oder Deutsch. Also fuhr er nach Berlin, um Deutsch zu lernen. Er verliebte sich in die Stadt und arbeitete in diversen Restaurants. 8 Stunden Arbeit , 8 Stunden Freizeit, 8 Stunden Schlaf. Als das Cafè in der Fidicinstraße verkauft wurde, griff er zu. Er wollte etwas Eigenes auf die Beine stellen, ein typisches italienisches Café und Kulturzentrum. Jetzt hat er 16 Stunden Arbeit und 8 Stunden Schlaf.

Es wird noch dauern, bis sie sich einen Angestellten leisten können. Denn die Touristen aus der Bergmannstraße will er nicht. Lieber wäre es ihm, wenn die Angestellten und die Bewohner des gegenüberliegenden Pflegeheims öfter kämen, oder die Theatermacher und Besucher des English Theatre. Und das mit den Kulturabenden und der italienischen Musik, das würde schon noch.

Schließlich steht im Schaufenster immer noch der Satz: »Man schaut in den Spiegel, um sein Gesicht zu betrachten; in die Kunst schaut man, um die Seele zu sehen.«

Der Engländer

Auch der »charmingly foppy Englishman and tea connoisseur Duncan McKenzie«, wie der Exberliner schreibt, will sich mit seinem t einen Traum erfüllen. Er hatte von seinen Tätigkeiten als Rechtsanwalt, Lehrer, Nachtclubbetreiber irgendwann die Nase voll und übernahm Mitte 2011 die Sonne, eine legendäre Kneipe an der Ecke zur Kopischstraße, die in ihren letzten Tagen nur noch für Fernsehaufnahmen genutzt wurde, und deren Patina stark nach Tabak roch. Duncan plante 6 Monate ein, um aus der alten Kneipe einen exquisiten Teeladen mit Bar zu machen. Doch die lässige Haltung des Vorbesitzers forderte ihren Tribut: Der Boden war schief, die Mauern krumm, die alten Rohre widersetzten sich jeder Hygienevorschrift. Irgendwann fiel McKenzie auf, dass die Miete gezahlt werden musste. Er packte das Werkzeug ins Hinterzimmer und organisierte eine Party. Am Montag war zwar das Geld für die Miete da, aber das Werkzeug weg.

So ging es einige Monate lang weiter. Es gab gelegentliche Parties, Geburtstage und Hochzeitsfeiern, aber ganz fertig wurde das t nie. Es dauerte einfach alles etwas länger. Duncan baute und baute, aber er hielt das t und seine grünen Kräuter an der Fassade über Wasser, und obwohl er noch gar nicht richtig eröffnet hat, sind manchmal schon alle Tische besetzt.

Duncan hat Ideen. Da stehen Tische mit englischer und mit deutscher Flagge. An den einen radebrechen Zugereiste deutsch, an den anderen lernen Altkreuzberger Englisch. Alte Kraut-Rocker sollen bei ihm spielen, Poetry-Slamer und Comedians auftreten, wenn er im September oiffiziell eröffnet, mit vierjähriger Verspätung. Dafür hat er alles ganz alleine gemacht. Ohne Architekten, ohne Businessplan - aber mit einer ziemlich konkreten Vorstellung. Genau so wie jene Kreuzberger, die schon in den Siebzigern auf die Idee kamen, in irgendeiner kleinen Straße in Kreuzberg einen Laden aufzumachen.


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