Kreuzberger Chronik
Oktober 2015 - Ausgabe 173

Geschichten & Geschichte

Die Ermittler von der Friesenstraße


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von Erwin Tichatschek

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Eine Geschichte von der Ungerechtigkeit

Weder die Skandale berühmter Schauspieler noch das Berliner Sechstagerennen, und erst recht nicht die Tagespolitik beschäftigten die Leserschaft der Illustrierten und Tageszeitungen Anfang der Fünfzigerjahre so nachhaltig wie die Aktivitäten von Gaunern und Verbrechern. Am 20. Mai des Jahres 1950 berichteten die Spätausgaben der Berliner Zeitungen von einem Fall in der Reichenberger Straße. Sie schrieben von der Portiersfrau aus der Nummer 38, die angesichts einer Blutlache im Keller glaubte, dass da wieder jemand ein Kaninchen geschlachtet habe. Aber dann war es etwas »ganz Furchtbares« . Es war die enthauptete Leiche der viereinhalb Jahre alten Margit aus der Manteuffelstraße.

Sobald die Spätausgaben der Tageszeitungen auf der Straße waren, meldeten sich die ersten Zeugen auf dem Polizeirevier in der Friesenstraße, darunter auch ein Möbelpacker, der einen sehr eiligen, etwa 40jährigen Mann im Hausflur gesehen hatte. Doch obwohl auf der Friesenwache noch Hunderte anderer Zeugenaussagen eingingen, kam man dem Täter nicht auf die Spur. Die Aussage des Möbelpackers schien der einzige verlässliche Hinweis auf die Identität des Täters gewesen zu sein. Die Polizei war erfolglos.

Als einen Monat später ein weiteres Mädchen ermordet und in einer Ruine aufgefunden wird, wird der Druck durch die Medien auf das ermittelnde Kommissariat so groß, dass man sich entschließt, für Hinweise aus der Bevölkerung eine Belohnung in Höhe von 5000 Mark auszusetzen - eine Summe, die angesichts eines durchschnittlichen Monatslohnes von 250 Mark verführerisch genug ist, um eine Flut von Zeugenaussagen zu provozieren.

Der Ansturm auf das Kopfgeld war gewaltig, vor den Steckbriefen bildeten sich Menschentrauben, nicht nur die Beamten der Mordkommission aus der Friesenstraße, ganz Kreuzberg war auf der Jagd nach dem Mörder. Mehr als hundert Tatverdächtige wurden auf Grund der Zeugenaussagen überprüft, doch ähnlich wie schon im Fall der kleinen Margit ist die große Zahl an Zeugenaussagen wenig hilfreich.

Sowohl die Polizei als auch die Zeugen witterten an jeder Straßenecke und an jedem Bahnhof die Bestie aus der Reichenberger Straße. So auch ein gerade arbeitsloser Artist aus Kreuzberg. Vier Monate nach dem Mord in Kreuzberg beobachtete er in der Straßenbahnlinie 21 den vermeintlichen Mörder von Margit und Petra, der so tat, als lese er Zeitung, um unbeobachtet zwei kleine Mädchen zu begrapschen. Der verantwortungsvolle Artist verfolgte den Verdächtigen bis zu seinem Arbeitsplatz bei der AEG in der Hunnenstraße.

Der Mann, den die Ermittler aus der Friesenstraße in der Turbinenfabrik vorfinden, ist ein geistesschwacher, gerade mal zwanzigjähriger Hilfsarbeiter mit einem Unschuldsgesicht. Als die Beamten ihn nach den Mädchen fragen, hört er gar nicht zu. Er hört auf das Bimmeln einer Straßenbahn, die gerade vorbeifährt. »Das ist die 21, wieder mal ganz pünktlich.« Heinz Kaprzak kennt den gesamten Fahrplan der BVG auswendig, und er lässt es sich nicht nehmen, den Beamten sein komplettes Wissen zu unterbreiten.

Sie bringen den jungen Mann in die Friesenstraße, zeigen ihm die Fotos von Margit und Petra. Natürlich kenne er die, aus der Zeitung. Bei der Vernehmung erzählt der Verdächtige dann auch alles das nach, was die Zeitungen geschrieben haben. Das fällt auch den Beamten in der Friesenstraße auf. Dennoch durchsuchen sie Kaprzaks Wohnung und hoffen, einen Kellerschlüssel zu finden. Denn der Mörder aus der Reichenberger Straße hatte einen Schlüssel zum Keller besessen. Doch es findet sich kein Schlüssel, auch sonst kein weiteres Indiz.

Am folgenden Tag aber erscheint der Cousin des Verdächtigten und behauptet, Heinz habe ihm von dem Mord an den Mädchen berichtet. Den erfolglosen Beamten aus der Friesenstraße kommt der Mann gerade recht. Sie nehmen Heinz Kaprzak so lange ins Verhör, bis er die Morde gesteht. Lächelnd, denn er glaubt, nun »der berühmteste Mann Berlins« zu sein und außerdem 5000 Mark für seine Aussagen zu bekommen. Obwohl in der Friesenstraße Zweifel aufkommen, stellt der ermittelnde Kommissar »so geschickte Fragen, dass Kaprzak genau das sagt, was er hören will.« Trotz dieses ausdrücklichen Geständnisses dürften dem Gericht Zweifel gekommen sein, zumal der Angeklagte nicht in der Lage war, den Weg zum Tatort zu finden. Im Schlussbericht des Kriminalbeamten heißt es dann auch, dass dem Geständnis »nur mit größten Zweifeln« zu begegnen sei.

Die Zweifel waren berechtigt. Kaprzak sitzt bereits in Untersuchungshaft, als abermals ein Mädchen ermordet wird. Zwischen dem September 1950 und dem Mai 1951 werden in Kellern und Abbruchhäusern wieder 4 Kinderleichen gefunden. Und immer besitzt der Mörder einen Kellerschlüssel. Dennoch wird am 26. Juni im Großen Moabiter Gerichtssaal die Hauptverhandlung gegen den Hilfsarbeiter Kaprzak eröffnet. Der Angeklagte stellt sich den Kameras der Fotografen voller Stolz und mit einem alles entblößenden und ihn völlig entlastenden Unschuldslächeln.

Auch sämtliche Zeugen, der Möbelpacker aus der Reichenberger Straße, die Mutter und sein Arbeitgeber, entlasten den jungen Hilfsarbeiter. Dennoch kann sich das Gericht nicht zu einem Freispruch durchringen. Man möchte der Öffentlichkeit den Mörder präsentieren. Selbst, als sich einige Monate später ein 39jähriger Mann in seiner Zelle in Moabit erhängt und in einem Abschiedsbrief die Morde an Margit, Petra, Ingrid und Barbara gesteht, wird eine vom Verteidiger beantragte Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt.

Literaturnachweis: Regina Stürickow, Verbrechen in Berlin, 2015, Elsengold,



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