Kreuzberger Chronik
Oktober 2015 - Ausgabe 173

Literatur

Fluchtpunkt Brasilien


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von Regina Stürikow

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Der Bankier Gumpel schaut auf die Standuhr in seinem Büro. »Schon zwei Stunden überfällig« , murmelt er kopfschüttelnd vor sich hin. »Wo die Schulzens doch sonst immer so pünktlich sind.« Als die beiden Kundinnen, deren Vermögen er verwaltet, auch am nächsten Tag, es ist der 23. August 1897, nicht erscheinen, beschließt er, persönlich nach dem Rechten zu sehen und begibt sich in die Königgrätzer Straße (heute Stresemannstraße), eine aufstrebende Geschäftsstraße zwischen dem Belle-Alliance-Platz (dem heutigen Mehringplatz) und dem Brandenburger Tor.

Der 1892 verstorbene Georg Schulze, Baustoffhändler und Besitzer mehrerer Gipsbrüche im Brandenburgischen, daher auch »Gips-Schulze« genannt, hat seiner Witwe, die nun die »Gips-Schulzen« ist, nicht nur ein Millionenvermögen hinterlassen, sondern auch ein Mietshaus in der Prenzlauer Allee und eines in der Königgrätzer Straße 35. In diesem gutbürgerlichen fünfstöckigen Mietshaus unweit des Anhalter Bahnhofs wohnt die 74-jährige Auguste Schulze mit ihrer 56-jährigen unverheirateten Stieftochter Klara in der zweiten Etage. Von geradezu krankhaftem Geiz besessen, versagen sich die Millionenerbinnen jede Annehmlichkeit und führen ein kärgliches Leben. Sie laufen, wie die Nachbarn sagen, in »schlunzigen« Kleidern herum, und auch das Haus wirkt heruntergekommen: Der Treppenläufer ist löchrig, die Wände haben schon lange keine frische Farbe mehr gesehen. Um zu sparen, haben sie den Hauswart entlassen und putzen die Treppen selbst.

Vergeblich klingelt der Bankier an der Wohnungstür der Schulzens. Er kennt die misstrauischen Alten lange genug, um zu wissen, dass sie völlig zurückgezogen leben, nie ausgehen und außer ihm und dem Kohlenträger niemanden in die Wohnung lassen. Umso erstaunter ist er, als er von Nachbarn erfährt, die Frauen seien für längere Zeit nach Paris gereist und hätten den neuen Ladenmieter Joseph Gönczi beauftragt, sich um das Haus zu kümmern und die Mieten zu kassieren.

„Lächerlich« , denkt der Bankier, »nie und nimmer fahren diese stinkgeizigen alten Hexen nach Paris! Zumal sie nicht einmal Geld für eine Auslandsreise abgehoben haben.« Außerdem würde die Gips-Schulzen niemals einem Fremden den Einzug der Mieten anvertrauen. Kurz entschlossen geht er zur Polizei und schildert seine Bedenken.

Unter polizeilicher Aufsicht öffnet ein Schlosser die Wohnungstür der Gips-Schulzen, und schon beim ersten Schritt in die Stube gibt es keinen Zweifel mehr: Hier liegt ein Verbrechen vor. Schränke und Schubkästen sind durchwühlt, die Möbel von den Wänden gerückt, mehrere Schmuckschatullen aufgebrochen und ausgeraubt. Von den beiden Frauen fehlt jede Spur. Joseph Gönczi soll herbeigeholt werden, doch der ist seit einigen Tagen ebenfalls verreist.

Entnommen aus: Regina Stürickow, Verbrechen in Berlin. 32 historische Kriminalfälle 1890-1960, 2. Auflage 2015, Elsengold Verlag


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