Kreuzberger Chronik
November 2015 - Ausgabe 174

Reportagen, Gespräche, Interviews

Poker im Hofgarten


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von Hans W. Korfmann

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Im alten Hofgarten fürchten nicht nur Mieter, sondern auchVermieter um ihre Wohnungen. Der Bezirk stellt Ansprüche.

Schon 1871 stellte der Maurermeister Wilhelm Riehmer den ersten Bauantrag, aber erst 1899 war zwischen der Yorckstraße und der Hagelberger Straße jenes strahlend weißes Gebäudeensemble entstanden, das Ortwin Ratei, der ehemalige Leiter des Stadtplanungsamtes, noch über hundert Jahre später als einen »Glücksfall« der Geschichte bezeichnen sollte. Der schmuckvolle »Hofgarten« des jungen Maurermeisters Riehmer hatte den Krieg und die Abrissbirnen der Kahlschlagsanierung überstanden und war auch schon in den Sechzigerjahren vollständig vermietet. Gleich zweimal investierte die Stadt Millionen, um die Wohnungen und den Stuck zu erhalten, obwohl die damaligen Eigentümer ihn am liebsten abgeschlagen und durch eine »zeitgemäße Glattputzfassade« ersetzt hätten. In den mietpreisgebundenen Wohnungen logierten Ex-Hippies und Akademiker, in den Erdgeschossen siedelten sich unterschiedliche Gewerbe an. Riehmers Hofgarten war tatsächlich ein Glücksfall.

Ein Jahrhundert lang. Bis ein irischer Schweinezüchter namens Castello kam, der mit seinem Mastvieh so viel Geld verdiente, dass er das komplette Ensemble mit seinen 29 Treppenhäusern kaufen konnte. Wie alle Investoren träumte auch er von Kaufen und Verkaufen, vom schnellen Geld durch die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen. Doch dann verloren die Schweine in Castellos Ställen an Wert, die Fünfte Festland Grundstücks GmbH verlor den Boden unter den Füßen. Am Ende hatte der Ire Stromnachzahlungen in Millionenhöhe zu leisten. Um nicht sofort Konkurs anmelden zu müssen, lieh er sich, so flüstert man, Geld von Frau Dr. Tamara Guttmann, der Besitzerin einer Wiener Immobilienfirma, die, wie einige Anwohner sich ebenfalls zuflüstern, mehrere Häuser in Berlin besäße und »mit allen Wassern gewaschen« sei. Darauf, dass Guttmann etwas von Geld versteht, weist auch der ehemalige Name ihrer Firma hin: Riehmers Hofgarten GmbH & Co. KG Berlin - Moneyhouse. Glaubt man den Flüsterern, hat die Immobilienhändlerin Riehmers umfangreiche Mauerwerke von Castellos Bank für »einen Appel und ein Ei« bekommen. Einen Teil davon soll sie sofort wieder weiterverkauft haben.

Doch wie dem auch gewesen sein mag: Sicher ist, dass das Werk des Maurers jetzt zum ersten Mal in seiner mehr als hundertjährigen Geschichte nicht mehr einem, sondern drei Besitzern gehört. Und das, sagt Klaus-Peter Willhöft vom Hotel Riehmers Hofgarten, sei vielleicht das Schlimmste an der Geschichte, »dass dieses schöne Ensemble jetzt zerrissen wird.«

Früher seien bei den Mieterversammlungen fünfzig Leute gewesen. Jetzt hätten sie alle verschiedene Vermieter, da seien sie manchmal nur noch zu zehnt. Ein Teil von ihnen wohnt bei der Österreicherin, ein anderer bei den »Liechtensteiner Türken« , der größte Teil bei der Cobius GmbH. Letztere geriet kürzlich in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, weil das Kreuzberger Rathaus damit drohte, die leer stehenden Wohnungen im Hofgarten mit Flüchtlingen zu besetzen. Fast die Hälfte der 200 Cobius-Wohnungen, schrieben Zeitungen in ganz Deutschland, stehe leer. Matthias Bahr, der Cobius-Chef, veröffentlichte eine Pressemitteilung, in der er dementierte.

Bei seinem Vorgänger, korrigierte Bahr, sei der Leerstand sogar höher gewesen als jetzt. Das bestätigt auch eine Redakteurin, die auf der Suche nach Büroräumen einst mit dem irischen Verwalter die Räumlichkeiten inspizierte und schon damals verwundert fragte: »Warum steht hier alles leer?« - »Spekulativer Leerstand!«, sagte der junge Mann, zog die Unterlippe herunter und die Schultern hoch.

Doch viel hat sich seitdem nicht verändert. Der Plan vom Kaufen und Verkaufen scheint noch der alte zu sein. Nur dass jetzt zusätzlich noch die Dachgeschosse ausgebaut und Fahrstühle im Hof installiert werden sollen. Auch dort, wo sich jetzt das Yorck Kino befindet - eine Kreuzberger Institution. Als die Besitzer davon hörten, sollen sie gedroht haben, die Geschichte in allen Kinos der Stadt zu verbreiten.

Foto: Dieter Peters
Der Hotelbesitzer Willhöft hat keine Kinos zur Verfügung, um auf die Bedrohung aufmerksam zu machen. Vor 13 Jahren hat er 300.000 Euro investiert, um auf drei Etagen das Treppenhaus, die Bäder und Leitungen zu erneuern. Das Geld ist verloren, der Traum vom lässigen Rentnerdasein geplatzt. Denn die neuen Besitzer, die bei ihren Berliner Zusammenkünften selbstverständlich im Hotel Riehmers Hofgarten abstiegen, - in dem vor ihnen John Malkovich, Martin Walser oder Björn Engholm logierten - haben Willhöfts Mietvertrag nicht verlängert. Sechs Monate bleiben ihm, um das Hotel zu räumen, wenn die Immobilienhändler beschließen sollten, umzubauen oder zu verkaufen. »Sie sind doch ohnehin der letzte, der gehen muss!«, beschwichtigte eine charmante Mitarbeiterin der Firma den Hotelier, als er darauf aufmerksam machte, dass das Hotel immerhin seine Lebensgrundlage sei. Es hätte schlimmer kommen können, sagt Willhöft, denn - »das muss man fairerweise sagen«: Sie haben ihm ein halbes Jahr Kündigungsfrist eingeräumt. Drei Monate hätten vor dem Gesetz auch genügt.

»Dennoch«, munkeln die Mieter der Nachbarschaft, sei mit den »Liechtensteiner Türken nicht gut Kirschen essen«. Sie hätten am Taksim-Platz in Istanbul eine riesige Baustelle und könnten nicht bauen, weil sie auf Ruinen stießen. Willhöft hat keine Chance. 1300 Quadratmeter in Riehmers Hofgarten sind nach heutigem Stand fünf Millionen Euro wert. Da müsste der Hotelier lange Miete zahlen. So viel Zeit aber haben die globalen Monopoly-Player nicht. Auch nicht für die anderen Mieter in den Erdgeschossen des Hofgartens. Wer keinen langfristigen Mietvertrag hat, hat es nicht mehr weit bis auf die Straße.

Auch die Cobius-Mieter sind sich, trotz aller Sympathie für Bahr, nicht sicher, wie es weitergeht. Das waren sie im Grunde nie, aber »als der alte Castello aufgab und hier die kleinen Grüppchen in Lackschuhen und Jackett durch die Höfe liefen« , da wurde man noch ein bisschen nervöser. Anders als früher, als man in solchen Fällen gleich die taz anrief, beschlossen die Hofgärtner, sich ruhig zu verhalten und nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. »Doch dann stand plötzlich der RBB im Hof - unser Lieblingssender - und da haben wir halt ein bisschen was erzählt, vom Leerstand und so.«

Das gefiel dem neuen Investor gar nicht. Er verschickte Kündigungen und war für seine Mieter nicht mehr erreichbar. Nun ist Riehmers Hofgarten aber kein Zweifamilienhaus, sondern ein Wohnviertel, hier residieren Anwälte, Architekten, Altlinke, Altachtundsechziger. Sogar Journalisten! Irgendwann musste Bahr die Verhandlungen also wieder aufnehmen. Und da schien er den Mietern plötzlich viel sympathischer, wie er so mit den Händen in den Hosentaschen über den Hof schlenderte, auf der Mieterversammlung erschien und Sätze sagte wie: »Ich werde ja von meinen kapitalistischen Kollegen schon ausgelacht, weil ich euch hier kostenlos einen Mieterladen zur Verfügung stelle« . Oder: »Ich bitte um Verständnis, wenn ich bei dieser Geschichte hier eine gewisse Effizienz anstrebe!«

Vertrauensfördernd wirkte auch, dass Bahr es als erster Besitzer seit dem Fall der Mauer fertigbrachte, die marode Heizungsanlage zu erneuern - »und zwar, ohne die Miete zu erhöhen!« , wie eine Altmieterin beinahe schon glücklich erzählt. Auch die Fassaden hat Bahr komplett und sorgfältig restauriert. Es sieht so aus, als liege ihm etwas am Bauwerk des Maurermeisters. »Vielleicht« , sinniert die Altlinke, » gibt es ja doch so etwas wie gute Kapitalisten!«

Foto: Dieter Peters
Aber Bahr setzt Grenzen. Als die Mieter darum baten, er möge ihnen - nach alter Wohngemeinschaftssitte - die neuen Nachbarn oder Wohnungseigentümer rechtzeitig zur Inspektion vorstellen, sagte er: »Ich werde hier keine Castingshow veranstalten.« Wer im Hofgarten einzieht, das möchte Bahr schon lieber selbst entscheiden.

Und das könnte er eigentlich auch. Wäre da nicht plötzlich das Bezirksamt mit seinen Flüchtlingen. Mit den Stimmen der Grünen, der Linken und der Piraten dürfte die Idee von der Zwangsvermietung an die Flüchtlinge am 28. Oktober im Kreuzberger Rathaus sogar eine Mehrheit finden. Vielleicht sind sogar ein paar SPDler dabei. Schließlich hat man die einstigen Millionen an Subventionen nicht zur Sanierung von Eigentumswohnungen bereit gestellt.

Das Instrument zur Entmachtung des Immobilienbesitzers besteht aus Paragraphen des Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungs gesetzes - ursprünglich eine Art Notstandsgesetz aus Kriegs- und Nachkriegszeiten. Derzeit prüfen Juristen, inwieweit die alten Paragraphen der Gegenwart standhalten. »Wir hatten da« , sagt Sascha Langenbach, der sich trotz der nüchternen Stahlzementkonstruktion seines Arbeitsplatzes im Rathaus in Friedrichshain-Kreuzberg einen gewissen Hang zur Poesie bewahrt hat, »ein verstaubtes, aber ziemlich scharfes Schwert in der Ecke stehen. Wir hatten das vergessen, aber jetzt haben wir es hervorgeholt und prüfen, was es noch taugt.«

Damit es zum Einsatz kommen kann, müssen erst alle anderen Unterbringungsmöglichkeiten für die Flüchtlinge ausgeschöpft und Turnhallen, Schulen, öffentliche Gebäude als Notquartiere genutzt werden. Erst dann darf - quasi als letztes Mittel - auf leer stehendes Privateigentum zurückgegriffen werden.

Foto: Dieter Peters
Deshalb bleiben Bahr & Co erst einmal sehr gelassen. Man wird sich schon einigen. Auch auf dem Bezirksamt heißt es: »Wir werden miteinander reden müssen« . Was sich abzeichnet, ist ein Kompromiss. Bahr wird - selbstverständlich in Absprache mit seinen Mietern - gerne einige Asylbewerber aufnehmen. In seiner Presseerklärung bot er dem Amt großzügiger Weise an, drei oder vier der viel zitierten 80 leer stehenden Wohnungen an die Flüchtlinge zu vermieten. Auf seinem vermeintlich gut gepolsterten Konto würden die etwaigen Verluste keine großen Druckstellen hinterlassen.

„Willkommen« -, so hatte es schließlich schon der Maurermeister Riehmer auf die Fliesen in sämtlichen Eingängen seines Hofgartens schreiben lassen. Und so erklärte auch die Mietergemeinschaft des Hofgartens in einem Brief an Herrn Bahr, das von ihm »gegenüber der Presse zum Ausdruck gebrachte Ansinnen, einige Wohnungen für Flüchtlingsfamilien zu Verfügung zu stellen« unterstützen zu wollen. Sie möchte den Flüchtlingsfamilien sogar bei der Integration behilflich sein, »vielleicht Deutschunterricht erteilen oder sie auf den Behördengängen unterstützen.« Genaue Zahlen nennen die Mieter allerdings nicht, ein Ghetto aber soll Riehmers Hofgarten natürlich auf gar keinen Fall sein. »Wir benötigen hier keine Ghettos« , sagt Klaus-Peter Willhöft, »hier nicht und auch nirgendwo sonst auf der Welt.«

Wahrscheinlich werden die Eigentümer, die Mieter und das Rathaus eine Lösung finden, bei der niemand das Gesicht verliert. Daran, dass tatsächlich achtzig Wohnungen im Fotomotiv Riehmers Hofgarten für Flüchtlinge bereit gestellt werden, glaubt ohnehin niemand.

Pasquale Ciccarelli interessiert das alles nicht. Er hat sich rechtzeitig aus der Affäre gezogen. Drei Jahre wohnte er in der 56b, zahlte seine Miete jeden Monat bar an Castello und hatte gegenüber noch eine zweite Wohnung angemietet für die kranke Schwiegermutter, so viel Vertrauen hatte er in Castello. Aber dann kam Doktor Guttmann und kündigte ihm ohne »Wenn und Aber!« Zum 31. Dezember. »Das kann ich nicht!«, sagte der Besitzer der Bar Centrale und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, »Da mach ich mein Sylvestermenü, da haben wir viel zu viel zu tun.« Es waren zähe Verhandlungen, die er führen musste, nur um zehn Tage länger bleiben zu dürfen. »Eine furchtbare Firma, alles Frauen, lauter Geschäftsfrauen, aalglatt!«

Sein Lokal, erzählt der Italiener und schlägt drei Kreuze, gehört Gott sei Dank nicht zu Riehmers Hofgarten. Sein Mietvertrag läuft erst in ferner Zukunft aus, und sein Vermieter kommt zu ihm zum Essen. Anders als viele seiner Nachbarn kann Ciccarelli einem ruhigen Lebensabend entgegensehen. Alles, was er noch braucht zu seinem Glück, wäre eine Wohnung in der Nähe. Deshalb griff er, sobald er hörte, dass Flüchtlinge im Hofgarten einquartiert werden sollen, sofort zum Telefon. Er rief sie alle drei an, die Cobius, die Guttmann und die Liechtensteiner Türken. Er dachte, sie würden so einen kleinen, gut kochenden Italiener vielleicht lieber nehmen als einen armen Syrer. Er dachte, eine vermietete Wohnung käme ihnen vielleicht gerade recht. »Aber die wissen alle ganz genau, wie sie sich bewegen müssen.«

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