Kreuzberger Chronik
Mai 2015 - Ausgabe 169

Strassen, Häuser, Höfe

Die Heckmannvilla


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von Werner von Westhafen

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1827 erwirbt ein Kupferschmied ein Stück Land am Kanal, um von hier aus Destillierapparate bis nach Kuba zu exportieren.


Als die Familie Mendelssohn-Bartholdy die ehemalige Bartholdische Meierei 1825 an den Stadtrat de Cuvry verkaufte, reichte das Anwesen noch von der Spree im Norden über die Wiener Straße hinweg bis zum Landwehrkanal im Süden. Aber schon zwei Jahre später begann der Stadtrat mit der Parzellierung seines Besitzes und verkaufte ein besonders großes Stück seiner Ländereien sowie die Berechtigung zur Anlage eines kleinen Hafens am Ufer des Landwehrkanals an einen Kupferschmied. Ohne den kleinen Anleger gegenüber der Lohmühleninsel hätte es der fleißige Handwerker aus Eschwege nicht zu Weltruhm gebracht.

Carl Justus Heckmann war gerade dabei, sein Glück zu machen, als er sich mit dem vornehmen de Cuvry an einen Tisch setzte. Heckmann hatte einem gewissen Johann Heinrich Leberecht Pistorius das Patent zur Herstellung eines neuartigen Destillierapparates abgekauft, der aus zehnprozentiger Kartoffelmaische in einem einzigen Brennvorgang über achtzigprozentigen Schnaps gewinnen konnte. Der Destillierapparat fand in der lebenslustigen, von Kartoffelbauern umgebenen Berliner Gesellschaft des 19. Jahrhunderts reißenden Absatz. 8000 Kornbrennereien im Umland mussten nach und nach Konkurs anmelden, als der Kupferschmied zum Marktführer aufstieg.

Um die steigende Nachfrage nach seinen Geräten zu befriedigen, tat sich Heckmann mit dem benachbarten Metallwarenhändler Pierre Louis Ravené zusammen und errichtete in der Nähe des Kanals ein Kupfer- und Messingwalzwerk, um fortan sein eigenes Blech zu walzen. Wenige Jahre später hatte Heckmann die Metallwarenhandlung Ravenés geschluckt und produzierte unter anderem auch Kolben zum Brennen von Zuckerrohrschnaps, die den kleinen Hafen an der Lohmühleninsel in Richtung Kuba verließen. Innerhalb weniger Jahre war aus dem kleinen Handwerker ein Großindustrieller geworden, der Produktionsstätten in Breslau, Letschin und Moskau besaß. In Berlin war längst kein Platz mehr für das rasant wachsende Imperium Heckmanns. Sein Expansionsdrang wurde durch den Landwehrkanal und die bereits von ersten Häusern flankierte Taborstraße gestoppt. Heckmanns Fabrik, die einst im Grünen gelegen hatte, war längst von vierstöckigen Wohnhäusern umgeben.

Die Heckmannvilla, 1958.
Bildnachweis: Archiv des Landesdenkmalamtes



Auf eine so rasante Bebauung der sumpfigen Wiesen vor dem Halleschen Tor hatte nicht einmal der Stadtrat de Cuvry spekuliert, als er das Gelände 1825 kaufte. In großer Eile und in blindem Vertrauen auf den Fortschritt wurden Bäume gefällt und Häuser eingerissen, die alte Landschaft aus Gärten, kleinen Landhäusern und Vorstadtvillen gehörte bald der Vergangenheit an. Was noch geblieben war, zerstörten der Krieg und die Kahlschlagsanierung der Sechzigerjahre. Auch die Villen der Mendelssohns, de Cuvrys und Heckmanns sind längst Geschichte.

Die Söhne Heckmanns schmiedeten ihr Glück nicht mehr aus Kupfer, sie begnügten sich damit, die angehäuften Reichtümer zu verwalten. 1919 kaufte die Firma Lindström die Heckmannschen Produktionsstätten und begann dort, wo einst Blech gewalzt wurde, Schellack zu pressen. Die Firma stand im Produktionseifer ihrem deutschen Vorgänger in nichts nach und produzierte an einem Tag so viele Schallplatten, dass sie aufeinander gestapelt den einhundert Meter hohen Schornstein, der einst der höchste Berlins gewesen sein soll, noch einmal um 100 Meter übertrafen. Die Firmennamen Odeon, Parlophon und Columbia erlangten bald Weltruhm.

Die fleißigen Schweden hatten mit den Produktionsstätten auch die Villa auf dem Firmengelände mit dem großen Palmenhaus erstanden. In den Zwanzigerjahren verwandelten die Schweden das Palmenhaus mit seinem gewaltigen Kamin in einen Ausstellungssaal. Martin Düspohl beschreibt in einem Beitrag über die Plattenfirma eine letzte, kleine Skulptur aus dem Vorgarten der Heckmanns, die zwei große Kriege überstanden hatte und »etwas verloren auf dem verwahrlosten Grundstück« herumstand, um an bessere Zeiten zu erinnern.


An die Heckmannvilla erinnert heute noch ein Roman. Jenny Sommerfeldt, die Schwester des Schriftstellers Theodor Fontane, war oft in der Heckmannvilla zu Gast und erzählte ihrem Bruder derart ausführlich von ihren Besuchen, dass der Schriftsteller eines Tages schrieb: »Die Treibelsche Villa lag auf einem großen Grundstücke, das, in bedeutender Tiefe, von der Köpenicker Straße bis an die Spree reichte...« In seinem Roman Frau Jenny Treibel beschreibt er nicht ohne Ironie das Leben im Haus eines Neureichen des 19. Jahrhunderts.

An die Bartholdische Meierei erinnert noch der Zusatz im berühmten Familiennamen der Mendelssohns, de Cuvry hat eine eigene Straße, und am Landwehrkanal trägt das Uferstück, an dem Heckmanns Hafen lag, den Namen des glücklichen Kupferschmieds. Eine alte Karte eranschaulicht, wie sehr der Industrielle dem Stadtrat de Cuvry verbunden war, der ihm das Grundstück verkauft und die Anlage des Hafens ermöglicht hatte: Auf dem Stadtplan von 1920 geht das Heckmannufer nahtlos ins Cuvryufer über. Das Cuvryufer ist heute aus dem Straßenverzeichnis verschwunden, doch das Heckmannufer ehrt noch immer den glücklichen Kupferschmied. •


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