Kreuzberger Chronik
Mai 2015 - Ausgabe 169

Kreuzberger
Hans Hess

Ich hatte eine tolle Kindheit


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

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Es war schön gewesen auf dem Hof zwischen den Weinbergen, wenn sie alle an dem langen Mittagstisch saßen, der kleine Hans und seine fünf kichernden, ständig quasselnden Schwestern. An den Tischenden saßen die Eltern, gegenüber die Großmutter, der Großvater und die noch unverheiratete Tante Hannelore, die einen wunderbaren Käsekuchen backen konnte. Und dann war da noch der Hund unter dem Tisch, dem sie heimlich etwas zusteckten, weil die Mutter streng war und immer gleich nach dem Kochlöffel griff, wenn sie den Hund entdeckte, oder wenn die Schwestern zu laut wurden, oder wenn Hans den Kopf in die Hand stützte und ihm das Essen wieder mal nicht schmeckte. Er ertrug den Anblick von Fleisch und Knochen einfach nicht mehr, seit er gesehen hatte, wie die kleinen Ferkel geboren und 18 Monate später einfach wieder geschlachtet wurden. Für derlei Sentimentalitäten hatte der Bauer Hans, der in Russland gewesen war, kein Verständnis. Auch die Mutter, die selbst Hähnchenknochen noch bis aufs Mark auslutschte, schüttelte den Kopf: Der kleine Hans war sensibler als die Mädchen.

Trotzdem war es »eine ganz tolle Kindheit« . Auch wenn Hans damals vielleicht lieber einen Ingenieur oder einen Schullehrer zum Vater gehabt hätte, als einen Bauern. Kaum hatten sie gegessen, dann mussten die Kinder mit aufs Feld oder in den Weinberg. Selbst an den Wochenenden und in den Sommerferien, wenn die Schulkameraden im Schwimmbad lagen und mit den Mädchen spielten, musste Hans mit seinen Schwestern dem Vater helfen. Und wenn es regnete und sie mit ihren Gummistiefeln »in Matsch und Schlampes« versanken, dann hatte die Mutter immer noch genügend im Haus zu tun. Hans war ein Junge, aber er musste kochen, waschen und putzen, genau wie die fünf Schwestern. Sie hätten rebelliert, wenn Hans von der Hausarbeit befreit worden wäre, nur wegen dieses kleinen Anhängsels.

Am Schönsten waren die Samstage, die sie ab und zu bei Tante Hannelore verbrachten, die es irgendwann doch noch geschafft hatte, der Großfamilie den Rücken zu kehren. Wenn sie bei ihr übernachteten, durften sie sich etwas zu Essen wünschen und bis in die Nacht fernsehen. Und immer gab es diesen Käsekuchen, der viel besser war als der von Mutter. Obwohl auch sie Großmutters Rezept verwendete.

Abgesehen von diesen Wochenenden aber bestand das Leben aus Arbeit. Auch wenn Hans »der kleine Prinz« war, der ersehnte Sohn nach fünf Töchtern. Eine seiner Schwestern war bereits zehn, als Hans kam, und soll bei seiner Geburt gesagt haben: »Na endlich mal ein Junge! Jetzt ist dann wohl Schluss mit diesen ständigen Geburten!«

Bauer Hess war einer der ersten im Dorf mit einem Fernseher, und so saßen abends noch mehr Leute in der guten Stube als zu Mittag, es kamen die Nachbarn und die Nachbarskinder, im Grunde war das Wohnzimmer so etwas wie ein zweiter Dorfkrug. »Unser Haus war immer ein offenes Haus, jeder war willkommen.« Auch zur Weinlese herrschte Hochbetrieb, die halbe Verwandtschaft kam, Freunde und Bekannte, und dann war das morgendliche Gedränge im Badezimmer noch größer als zu den Schulzeiten, wenn die Kinder ohnehin meistens zu dritt an der Badewanne standen und Zähne putzten.

Es war eine wunderbare, eine gesunde Kindheit, Hans war so aufrichtig und unverbogen wie seine Mutter, die dem Pfarrer nach der Sonntagspredigt die Hand drückte und sagte: »Also, Herr Pfarrer, so einen Scheiß haben Sie schon lange nicht mehr erzählt!« Es gibt Leute, die würden sagen, es »fehlte ihr die Gabe zur Diplomatie« , aber Hans sagt: »Man wusste immer, woran man bei ihr war! Sie babbelte, wie ihr der Mund gewachsen war.« Das machte sie umgänglich.

Foto: Privat
Foto: Privat
Auch Hans babbelt am liebsten, wie ihm der Mund gewachsen ist. Er hat keine Lust, sich zu verstellen. Aber es gab Situationen, in denen er still wurde. Es gab irgendwann diesen Tag, an dem er sich sagte: »Oh, oh, da ist was nicht so ganz, wie es sein soll!« Vielleicht lag es daran, dass die Schwestern im Sommer immer so nackig um ihn herum sprangen, dass sie ihr Zimmer mit ihm teilten, ihn verwöhnten und verhätschelten. Mädchen waren nichts aufregendes, sondern etwas ganz Alltägliches für ihn, und bei den Doktorspielen fand er die Buben viel aufregender als die Mädchen. Er begann, das eine oder andere für sich zu behalten. Zu verschweigen. Er wusste: Der Bauer Hans hatte sich immer einen Sohn gewünscht. Jetzt hatte er fünf Töchter und einen schwulen Sohn!«

Es war eine aufregende Kindheit, aber eines Tages war sie vorbei. Die Schwestern waren alle schon aus dem Haus, verstreut in der Hügellandschaft rund um Ensingen mit seinen Feldern und seinen Weinbergen, als auch der Sohn den Hof verließ, um Großhandelskaufmann zu werden. Wozu andere drei Jahre brauchten, brauchte Hans nur zwei. Er konnte keine Schweine schlachten, ihm schmerzte der Rücken von den schweren Kiepen im Weinberg, aber er hatte immer gute Noten gehabt. Er hatte immer dem Vater imponieren wollen, zeigen wollen, was in ihm steckte, wozu er fähig war.

Hans war 17 gewesen, als er bei einem Möbelfabrikanten zu arbeiten. Drei Jahre später ging er nach Hochheim zu einer Firma, bei der er nicht mehr eines von fünf Kindern, sondern einer von 22.000, über die ganze Welt verteilten Angestellten war. Aber schon nach zwei Jahren war er Teamleiter bei Tetra Pak und telefonierte ständig mit Berlin, weil die verschlafenen Insulaner es wieder einmal nicht auf die Reihe bekamen. Nach weiteren acht Jahren sagten sie: »Komm doch her und mach es selber!« So kam Hans nach Berlin, und so wurde er einer von sieben Managern in Deutschland, bei einer Firma, die beim Finanzamt jährlich eine Milliarde zu versteuern hatte. Hans verdiente »unvorstellbar viel Geld.« Zehn Jahre lang.

Der Vater hat das alles nicht mehr erlebt. Auch, dass Hans die Mädchen nicht so aufregend fand, erfuhr er nie. Bauer Hans fiel eines Tages in der Küche einfach um und stand nicht mehr auf. Aber die Mutter war stolz auf ihren Sohn. Umso überraschter war sie, als er ihr eines Tages mitteilte, er würde aufhören. Der Job sei zu hart geworden, die berühmte »Tetrapakfamilie« keine Familie mehr. Die Firma lockte mit einem guten Angebot, und beinahe hätte der Stachel des Ehrgeizes Hans Hess dazu verführt, noch einmal »Ja« zu sagen. Aber er fühlte sich nicht mehr wohl bei Tetra Pak. Er wollte kochen, Wein ausschenken, einen Tisch für viele Gäste decken. So wie einst die Mutter. Und babbele, wie ihm der Mund gewachsen war. Und dann kam dieser Tag, an dem eine Therapeutin zu ihm sagte: »Ich würde Sie jetzt gerne einmal mit ihrem Vater zusammenbringen. Da ist noch etwas Unausgesprochenes zwischen Ihnen.«

Wenig später schloss Hans Hess die Augen, es war, als würde er schlafen, als würde er träumen, und da stand er dann plötzlich wieder, der Vater, in der großen Wohnküche, in seinem karierten Holzfällerhemd und der blauen Arbeitshose, mit der Schirmmütze auf dem Kopf. Und hinter ihm lagen viele tote Soldaten. Der Vater weinte, er war untröstlich. Hans nahm ihn in den Arm. Hans verstand, dass auch der Vater nicht immer alles erzählt hatte. Und dann sagte Hans: »Vater, es gibt da noch etwas Unausgesprochenes!« – Aber der Vater lächelte nur. Er sah aus, als wüsste er alles schon, und sagte: »Du bist doch mein Sohn! Ich liebe dich so, wie du bist.«

Dann kehrte Hans in die Gegenwart zurück. Er verstand, dass er seinem Vater nichts zu beweisen brauchte. Man hatte den giftigen Stachel des Ehrgeizes entfernt. Er brauchte nicht weiter aufzusteigen auf der Erfolgsleiter, er konnte jetzt machen, was er schon immer hatte machen wollen: Er konnte ein Restaurant eröffnen! Mit Wein aus seiner Heimat, mit Kassler Braten, Rinderrouladen, Schmalzbroten... Und einem schwarzgelockten Hund, der ständig unter dem Tisch liegt und darauf wartet, dass ein Knochen abfällt. Ein kleines, feines Restaurant mit heimischer Küche in einer ruhigen Gegend mitten im lauten Kreuzberg, gleich am Chamissoplatz, das er dem Vater zu Ehren einfach Restaurant Hans nannte.

Kürzlich war die Mutter zu Besuch. Verwundert sah sie die alten Geräte an den Wänden, die vor kurzem noch in ihrer Scheune hingen: den Dreschflegel, die Ochsenpeitsche, die Kiepen, die sie sich auf den Rücken schnallten, wenn Trauben geerntet wurden. Die Zapfhähne, die Sense, die Sichel, den hölzernen Rechen, dem schon ein paar Zähne fehlten, und die alte Eisenbahner-Lampe mit den dicken Gläsern, die der Onkel mitgebracht hatte. Als Hans den »alten Schrott« abholte, hatte sie den Kopf geschüttelt. Jetzt, wo diese Geräte, die sie ein Leben lang begleitet hatten, an der Wand hingen wie in einem Museum, waren sie plötzlich etwas Besonderes.

An Weihnachten sitzen sie wieder zusammen am Tisch zwischen den Weinbergen, Hans und seine Schwestern. Die Mutter schiebt Unmengen von Weihnachtsgebäck in den Ofen, für das halbe Dorf und die ganze Verwandtschaft. Fast ist es wie früher, nur der Bauer ist nicht mehr da. Und Tante Hannelore fehlt. Auch sie hatte nicht immer alles gesagt. Als sie starb, rief sie nach ihrer Schwester und flüsterte: »Du, ich muss dir noch ein Geheimnis verraten. Bei dem Käsekuchen, weißt du, da hab ich das Rezept verändert. Ich hab statt der drei Eier immer fünf genommen, und statt Milch immer Sahne.« Seitdem ist der Kuchen der Mutter so gut wie der von Tante Hannelore. Und manchmal gibt es diesen Kuchen jetzt auch im Restaurant Hans am Chamissoplatz. Und er schmeckt genau so wie bei Tante Hannelore.•



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