Kreuzberger Chronik
Mai 2015 - Ausgabe 169

Essen, Trinken, Rauchen

Kalbsessenz


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von Saskia Vogel

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Kalbsessenz? Igitt, was iss´n das? Die Wollsockenträgerin, die gerade am Neuen Bergmann in der Bergmannstraße vorbeischlendert, hat laut ausgerufen, was Sas nicht einmal zu flüstern wagt. Zu jedem Mittagsgericht, so verlautbart eine Stelltafel vor dem Restaurant, werde eben diese gereicht. Igitt! Eine Kalbsessenz - konzentrierte Brühe von einem Kuhbaby - zu Ravioli , gefüllt mit Trüffeln und Spinat.

Als einen unentschlossenen, »etwas undefinierbaren Laden« haben Sas´ Freunde den Neuen Bergmann gleich neben dem Felix Austriamit seiner eindeutig österreichischen Küche beschrieben. Tatsächlich weiß auch Sas nicht so richtig, ob sie sich nun eigentlich in einem Café, in einem Burgerladen oder einem Restaurant mit klassischen Gerichten aus verschiedenen Regionen befindet.

Mit Wildgerichten, »die aus dem Rahmen fallen« brüstet sich die Speisekarte, aber aus dem Rahmen fallen nur die asiatischen Suppen, die mit der Hausmannskost gar nicht harmonieren wollen. Auch sonst passt alles nicht zusammen: das Konterfei eines mächtigen germanischen Hirsches, mit dem die Karte für Fleisch aus deutschen Wäldern wirbt, die klassischen Caféhausbilder an den Wänden, und dann noch dieses unverständliche Porträt eines Erdnussmännchens, das eine Mandarine beiseite schiebt.

Am wenigsten aber passt der junge Kellner in die neue Einrichtung des Neuen Bergmann. Er sieht aus, als hätte er die Nacht durchfeiert. Etwas müde, etwas hektisch und irgendwie verletzlich sieht er aus. Aber gar nicht unsympathisch. Seine wunderschönen Augen faszinieren Sas sogar ein wenig. Und da es elf Uhr morgens und damit für die Kalbsessenz noch etwas früh ist, bestellt Sas sich also kurz entschlossen ein Frühstück. Obwohl Sas sich eigentlich jeden Morgen über das Frühstück ärgert. Weil die belegten Schrippen beim Bäcker kaum noch zu bezahlen sind, wenn sie nach etwas schmecken sollen.

Beim Neuen Bergmann hat Sas jedoch den ultimativen Frühstückscoup gelandet. Das petit déjeuner für nur 4,50 Euro umfasst drei knusprige Vollkornbrötchen plus reichlich Wurst, plus reichlich Käse plus Mozzarella. Plus Obst. Das macht pro Brötchen gerade einmal 1,50 Euro, selbst die treibmittelverseuchten »Backdiscounter« können da nicht mithalten. Im Bergmann werden die Brötchen - als ob das Glück nicht enden möchte - zudem von einem vollkommen korrekt gekleideten Traummann an den Tisch gebracht, der die Rechnung in einem kleinen Etui »vorlegt« und Sas nach ihren Wünschen fragt. Ja, Sas hat Wünsche: Eine Fußmassage täte ihr gut. Und außerdem wäre es schön, wenn heute ihr Glückstag wäre. Und Bingo! Im Rechnungsmäppchen ist der nächste Coup versteckt. Der schöne, aber übernächtigte Kellner hat sich vertan. Und Sas braucht für ihren Milchkaffee nur ein paar Cent zu bezahlen. •


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