Kreuzberger Chronik
Mai 2015 - Ausgabe 169

Reportagen, Gespräche, Interviews

Zwischenstation Friedhof


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von Hans W. Korfmann

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Im Aushang an der kleinen Kapelle, die sich an die Brandwand eines Mietshauses der Bergmannstraße lehnt, hängt hinter Glas eine Bekanntmachung. Sie klärt Friedhofsbesucher darüber auf, dass die Wirtschaftsgebäude mit dem kleinen Garten sowie die Kapelle des Dreifaltigkeitsfriedhofes seit dem Herbst 2013 verpachtet sind, da diese »nicht mehr für Friedhofszwecke benötigt werden.«

Doch die Bekanntmachung der Kirche wurde zu früh ins Fenster gehängt, der bereits ausgehandelte Erbbaupachtvertrag kam nicht zustande. Die Bestattungsunternehmer, die auf dem Gartengrundstück den Neubau eines Abschiedshauses errichten wollten, werden nicht bauen. Der Grund, erzählt man in der Nachbarschaft, sei in alten Eintragungen im Grundbuch zu finden, die erst kurz vor Vertragsabschluss entdeckt wurden und der Verpachtung im Wege stünden.

Die Bestattungsunternehmer allerdings hatten ohnehin das Interesse an dem Gelände verloren, nachdem einige widerständige Kreuzberger wegen des Neubaus vor Gericht gezogen waren. Sie sahen ihren Hinterhoffrieden bedroht und fürchteten um eine alte Hofkastanie, deren Wurzeln das künftige Bauland untergruben. Die Berliner Zeitung widmete der Kastanie eine ganze Seite und belustigte sich über die senilen Altachtundsechziger, die mit silbernem Haar auf ihren Dachterrassen säßen oder sich im Hof - »die Arme vor der Brust verschränkt« - schweigend »im Halbkreis« formiert hätten. Doch in zweiter Instanz gab das Gericht den Kreuzbergern recht.

Pfarrer Quandt, darum bemüht, die ausgediente Kapelle und die Wirtschaftsgebäude auf dem Friedhof vor dem Verfall zu bewahren, hatte das Projekt einer Abschiedshalle unterstützt. Es wäre eine Nutzung des Gebäudes im Sinne der Kirche gewesen. »Jetzt« , sagt Pfarrer Quandt, »müssen wir uns eben etwas Neues überlegen, wenn wir die Gebäude retten möchten.« Tatsächlich wäre es schade um das Wohnhaus mit der alten Laterne an der Hauswand und der kleinen, schattigen Terrasse im ersten Stock über dem Eingang. Es stand seit Jahren leer und brauchte dringend neue Bewohner.

Im November wurden sie unverhofft gefunden. Die Räume in dem alten Haus werden wieder ordentlich beheizt werden, denn die neuen Bewohner frieren schnell. Sie kommen aus dem Tschad, der heißen Mitte Afrikas. Sie sind noch jung, kaum älter als 22 Jahre, »eigentlich noch Kinder!« , sagt Marita Leßny, die öfter mit ihnen kocht. Das hatte sie versprochen, als sie aus dem Spandauer Johannesstift ausziehen mussten. Sie hatten sich gerade an die Unterkunft im Wald gewöhnt, da mussten sie auch schon wieder weiter. Als Marita ihnen von dem Häuschen auf dem Friedhof in Kreuzberg erzählte, sagten sie: »Nur, wenn du uns dort besuchen kommst.«

Seitdem spielen sie auf dem Friedhof Mau-Mau. Oder Mensch Ärgere Dich Nicht. Oder sie kochen und essen zusammen. Meistens im Stehen. Als müssten sie gleich wieder weiter. Es seien auch nicht genügend Stühle da für 16 Leute. »Und dann stehen sie eben lieber alle!«, sagt Marita Leßny.

Niemand weiß, ob sie noch einmal sesshaft werden können. Auch wenn an der Wand ein Karton in Form eines Hauses mit ihren Fotografien und ihren Namen steht. Daneben ein Zettel mit übergroßen Buchstaben aus dem Deutschunterricht, zu dem sie dreimal in der Woche gehen. Wenn sie lachen, Scherze miteinander machen, wenn Akra, Ali, Mehmet… gute Laune haben, dann könnte es nur eine Klassenreise sein. Aber sie haben nicht immer gute Laune, manchmal liegen sie Tage lang im Bett. Sie sind auf keiner Schulreise. Marita Leßny sagt: »Die haben keine Träume mehr. Ich weiß nicht einmal, ob sie jemals welche hatten!«

Deshalb richten sie sich auch nicht ein in diesem Haus, hängen keine Gardinen auf, legen keinen Teppich aus, stellen keine Blumen ins Fenster. Dieses Haus ist eine Zwischenlösung, nur eine Station auf ihrer langen, längst ziellosen Reise. Den Afrikanern fehlt die Zukunft. Und die Vergangenheit. Die wenigen persönlichen Dinge, die sie auf ihrer Flucht mitnehmen konnten - ein Familienfoto, ein Glücksbringer, das Zeugnis - sind irgendwann über Bord gegangen. Ihre Vergangenheit besteht nur noch aus Bildern im Kopf, aus dem Bürgerkrieg, vom Gewaltmarsch durch die Wüste nach Libyen, von Gewehrkolben, mit denen man sie nach der Ermordung Gaddafis aus dem Land trieb. Und die Bilder von diesen kleinen Booten, auf denen man sie wie Vieh zusammenpferchte, zu Hunderten. Bilder von hohen Wellen. Von Toten. »Das Meer, das hatten die doch nur vom Strand aus gesehen, die wussten doch gar nicht, was das heißt, in einem kleinen Schiff auf hoher See!« , sagt Marita. »Jeder, der hier ist, hat ein Drama hinter sich. Das vergessen die nie. Aber sie reden nicht gern darüber. «

Manchmal erzählen sie von der Arbeit, von Libyen. Einige »waren nie auf der Schule, aber andere haben studiert, und die haben plötzlich richtig viel Geld verdient in Libyen.« Aber 2011 war das vorbei. Und dann strandeten sie in Lampedusa, da, wo alle diese Schiffbrüchigen der Dritten oder Vierten Welt landen. »Einige sind durch halb Europa gereist, bis sie irgendwann auf dem Oranienplatz in Kreuzberg landeten. Wohin sie nie wollten. Wovon sie nie gehört hatten.«

Aber dort, so hatte man ihnen gesagt, gäbe es Unterstützung. Tatsächlich gab es die. Tatsächlich erklärten sich viele Kreuzberger solidarisch mit den Flüchtlingen. Der Politik aber waren die Fremden, die auf den Wiesen am Oranienplatz zelteten und eine ungenutzte Schule in der Reichenberger Straße besetzten, ein Dorn im Auge. Man hatte anderes vorgehabt mit dem Schulgebäude, und ein Protestcamp mitten in der Hauptstadt, auf das sich Fernsehkameras aus aller Welt richteten, war dem Berliner Bürgermeister nicht sexy genug. Da eine gewaltsame Räumung unter der Beobachtung durch Fernsehkameras nicht in Frage kam, versprachen die Politiker den Flüchtlingen eine vorübergehende Unterkunft und eine faire Behandlung ihrer Asylanträge, wenn sie ihre Camps freiwillig räumen würden. Doch schon wenige Wochen, nachdem sie die Schule und den Oranienplatz verlassen hatten, wurden ihre Anträge abgelehnt. »Pauschal, nach Aktenlage, ohne die versprochene Einzelfallprüfung.« Ohne dass die Richter diese Menschen gesehen oder gesprochen hätten.

Nur drei von 500 erhielten eine Aufenthaltsgenehmigung. Berlin, so las man tags darauf in der Presse, habe »keine rechtlichen Verpflichtungen« . Und moralische Verpflichtungen, so las man in der Presse nicht, kannte die Politik ohnehin schon lange nicht mehr. »Es ist verständlich« , meint der Pfarrer Quandt, »wenn sich die Flüchtlinge – na, sagen wir mal: an der Nase herumgeführt fühlen.« Wenige Wochen nach dem Bescheid stiegen einige von ihnen aufs Dach eines Hostels und drohten, zu springen. Andere besetzten die Thomas-Kirche in Kreuzberg. »Das gefällt uns natürlich auch nicht« , sagt Pfarrer Quandt, »wenn man einfach eine Kirche besetzt« . Aber eine Räumung mit Polizeigewalt kam nicht in Frage. Also bot man den Asylsuchenden Unterkunft und Hilfe an. Im Gegensatz zum Senat hielt die Kirche ihr Versprechen, die 60 Afrikaner über den Winter zu bringen und ihnen beim Kampf um ein Bleiberecht behilflich zu sein. Sie versuchen, einen Kompromiss mit den Politikern auszuhandeln. Verschiedene Gemeinden haben sich bereit erklärt, die Flüchtlinge bei sich aufzunehmen und zu betreuen, wenn die Stadt sich zumindest zu einer Duldung durchringt. Der Bischof suchte das Gespräch mit den Politikern, Senator Henkel wurde ein langer Brief geschrieben.

Das sieht aus wie ein Hoffnungsschimmer, doch die Flüchtlinge hoffen nicht mehr. Sie haben das Hoffen verlernt. Man hat ihnen schon zu viel versprochen, in Arabisch, Italienisch, Spanisch, Englisch… Es war immer nur Diplomatie, immer nur die halbe Wahrheit. Deshalb reden sie auch nicht mehr gern. »Sie wissen nie, ob das, was sie erzählen, am Ende nicht doch gegen sie verwendet werden könnte« , sagt Marita. Sie verhalten sich wie Verbrecher. Sie haben es gelernt, sich unauffällig zu bewegen, »lautlos und unsichtbar« . Sie spielen keine Rolle im Bergmannstraßenbild. Sie sind nie in Gruppen unterwegs, und wenn sie den Kiez einmal verlassen, wenn sie tatsächlich einmal zu dritt oder zu viert in eine U-Bahn steigen, dann benutzen sie drei verschiedene Eingänge. So, als sei jeder für sich, jeder auf seinem Weg zur Arbeit, zur Schule, aufs Amt - so wie alle anderen in der Stadt.

Aber sie sind nicht wie die anderen in dieser Stadt. Sie sind illegal. Sie dürfen gar nicht sein. Sie haben keinen Schulweg. Kein Ziel. Sie warten nur noch auf das, was geschieht. Und hoffen, dass es ihnen nicht so geht wie Osman, den die Polizei eines Tages auf dem Weg zur U-Bahn plötzlich nach den Papieren fragte. Sie haben ihn nicht mehr gesehen seitdem. Drei Tage später brachte man ihn in Handschellen zum Flughafen. Erst als er wieder in Italien war, hat er sich gemeldet. In der Bergmannstraße haben sie begonnen, für ihn zu sammeln. Sie wollen ihn wieder zurückholen an ihren Stehtisch. Aber sie glauben nicht mehr wirklich daran, dass das noch klappen könnte.

Ihr Glauben ist verloren gegangen, spätestens auf der hohen See, irgendwo zwischen Afrika und Europa. Vielleicht auch schon in der Wüste zwischen dem Tschad und der lybischen Küste, in die keine Nachrichten aus der besseren Welt mehr vordrangen. Nachrichten, wie sie einer der Lampedusa-Flüchtlinge vom Oranienplatz ab und zu nach hause schickt. Dann zieht er sich eine feine Jacke an, bindet sich eine Krawatte um und lässt ein Foto von sich machen. Vor der Humboldtuniversität. Das legt er dem Brief bei, den er nach Hause schickt, und in dem steht: Das ist die Universität, auf der ich jetzt studiere. •


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