Kreuzberger Chronik
März 2015 - Ausgabe 167

Herr D.

Der Herr D. und die Pokerspieler


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. hatte Keftedakia gegessen. Er liebte die mit Zimt und Minze gewürzten Fleischbällchen. Sie waren neben dem Schafjoghurt und der Demokratie eine der bedeutendsten Erfindungen der Griechen. Der Wirt kam, warf ein Päckchen Zigaretten auf den Tisch, stieß kurz mit dem Herrn D. an und fragte: »Na, fahren Sie wieder in den Urlaub nach Griechenland?«
»Im April.«, sagte der Herr D.
»Und wenn dann kein Geld mehr aus den Automaten kommt?«
»Ich nehme mir vorsichtshalber ein paar Scheine von hier mit.«
Der Wirt beugte sich vor: »Sagen Sie mal, Sie arbeiten doch beim Auswärtigen. Was denkt man denn da wirklich über Varoufakis?«
»Da dringt kaum was nach außen. Ich glaube, die pokern.«
»Dann verlieren sie. Wir Griechen sind Spieler. Tavli, Poker, Würfel… in jedem Hafenlokal dieser Welt waren griechische Seemänner gefürchtet. Und warum? Weil wir immer gewonnen haben!«
»Varoufakis ist kein Seemann mehr.«
»Aber er ist einer von uns, nicht einer von denen da oben. Zeigen Sie mir mal einen europäischen Finanzminister, der nicht mit Mercedes und Chauffeur, sondern der mit dem Motorrad ins Parlament fährt.«
Der Herr D. scherzte, das sei doch schon mal eine echte Sparmaßnahme, so ein Motorrad brauche viel weniger Sprit … - aber der Wirt fiel ihm ins Wort: »Ach, Sparmaßnahmen! Hören Sie auf! Wir sparen uns doch schon das Essen vom Leib. Und können nicht mal die Zinsen an Eure Banken zahlen. Das ist doch keine menschenwürdige Politik, das sind üble Finanzgeschäfte! Ich habe nie Schulden gemacht, weil die Banken nur darauf lauern, dass ich irgendwann nicht zahlen kann. Damit sie nicht nur die Zinsen, sondern auch noch mein Haus und mein Geschäft bekommen. Genau so ist das jetzt mit Griechenland: Die Geldgeber drängen darauf, dass Griechenland privatisiert, den Flughafen verkauft, den Hafen von Piräus, die Hotels... . alles, was uns zum Überleben bleibt. Aber die Käufer stehen schon Schlange, gleich hinter den EU-Politikern in der zweiten Reihe! Wie die Geier!«
Der Herr D. wollte etwas sagen, aber der Wirt fuhr fort: »Ekelhaft! Und wissen Sie, warum die schon Schlange stehen? Weil sie wissen, dass dieser Hafen am Mittelmeer Gold wert ist. Weil sie wissen, dass auf unserem Flughafen Millionen Touristen landen.«
Der Herr D. wollte etwas sagen, aber der Grieche fuhr fort. »Wir sind kein armes Land. Wir haben noch ein paar Trümpfe, und die werden wir nicht auch noch verspielen. Die lassen wir uns jetzt nicht auch noch aus der Tasche ziehen. Verstehen Sie das?«
Der Herr D. wollte etwas sagen, aber der Grieche stand auf und ging. Tags darauf sagte Varoufakis im Fernsehen: »Ich kann Ihnen versprechen: Griechenland wird – abzüglich der Zinsausgaben – nie wieder ein Haushaltsdefizit vorlegen. Nie, nie, nie!«•

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