Kreuzberger Chronik
Juni 2015 - Ausgabe 170

Essen, Trinken, Rauchen

Im Rio Grande an der Spree


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von Hans W. Korfmann

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Es war eine Idylle: Auf der braunen Spree spiegelte sich das Blau des Himmels, weiße Schiffe glitten vorüber, über die Oberbaumbrücke fuhr ein gelber Zug. Am alten Anleger am ehemaligen Gröbenufer saß hinter den großen Panoramascheiben mit Blick auf die Spree und das gegenüberliegende Ufer mit der gigantischen Sporthalle eines Telefonverkäufers, den vom Abriss bedrohten Altbauten, die an die glücklichen Jahre Berlins erinnerten, und einigen kolossalen Neubauten eine Männerrunde beim Mittagstisch und diskutierte auf Englisch über Versicherungen, Steuervergünstigungen, Baustellen und Grundstückspreise.

Draußen, vor dem Restaurant, das man an der alten Anlegestelle errichtet hatte, lief ein Pärchen auf der Suche nach dem Eingang an den vielen, gleich großen Scheiben entlang.

»Das ist doch von der Sarah Wiener, oder? Die mag ich nicht! Man sollte immer ein Fläschchen Buttersäure dabei haben.«, sagte er. In den ausgebeulten Jeans und mit der zerzausten Pudelmütze sah er aus, als gehöre er zu den vom Abriss bedrohten Altbauten.

»Nein, das ist eine andere. Ihr gehörte früher das Jolesch!«, sagte sie. Mit ihren rotgeschminkten Lippen und dem perfekt sitzenden Jackett zum Streifenrock sah sie aus, als käme sie aus einem dieser Neubauten.

»Noch so ne österreichische Spekulantin!«, sagte er.

»Quatsch!«, sagte sie und zog den Mann ganz einfach hinter sich her an einen der Tische neben die Geschäftsmänner.

»Das Rio Grande«, nörgelte er, während sie in der Speisekarte blätterte, »war früher so ein italienisches Eis-Lokal am Kiehlufer. Da war der Name noch witzig, neben dem zehn Meter breiten Kanal.«

»Nur 7,50 das Zweigängemenü und 9,50 drei Gänge!«, rief sie.

»Auch das noch!« Er warf den Männern am Nebentisch einen verächtlichen Blick zu, den sie nicht sahen. »Gehen jeden Abend in Mitte für 300 Euro essen, und mittags in Kreuzberg fangen sie an zu sparen und nehmen uns Kreuzbergern die Sitzplätze weg.«

Das Gespräch ging so fort, bis die Spinatknödel kamen. Da wurde es plötzlich ruhig am Tisch des Paares, nur noch das leise Klimpern des Bestecks war zu hören, anfangs noch etwas schneller, dann immer langsamer. Auch die Kaubewegungen des Tischpartners wurden langsamer. So langsam, als wolle er jeden Bissen genießen.

Dann sagte er: »Das ist gut! Hätte ich nie gedacht, dass man aus diesen langweiligen Semmelknöderln, die es in jedem blöden österreichischen Restaurant gibt, mit ein paar Spinatblättern und ein paar Pilzen so was Leckeres machen kann.« Die roten Lippen gegenüber lächelten. Und als er beim Nachtisch mit den »Apfelküchle« die Augen schloss, sagte sie: »Und jetzt stell dir dazu einfach mal diesen Geruch von ätzender Buttersäure vor.«•


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