Kreuzberger Chronik
Juni 2015 - Ausgabe 170

Kanzlei Hilfreich

Akteneinsicht


linie

von Kajo Frings

1pixgif
Herr Klein, der seit kurzem Hilfreichs Nachbar war, kam ohne Anmeldung ins Büro und gleich zur Sache: »Ich hab eine Anzeige wegen Unfallflucht. Ich bin unschuldig. Auf eine Einstellung des Verfahrens lasse ich mich nicht ein. Sie sehen jung aus und brauchen Geld. Die Staatskasse zahlt ja bei Freispruch. Was brauchen Sie noch?« Hilfreich antwortete genauso schnoddrig: »Die drei großen Vs: Vertrauen, Vollmacht, Vorschuss!« Man wurde sich einig und der Anwalt beantragte Akteneinsicht. Der Sachverhalt klang einfach: Herr Jacobi hatte an der Marheinekehalle seinen Wagen geparkt, und Herr Klein hatte ihn gerammt. Jacobi hatte die Personalien des Täters verlangt, doch dieser hatte sich geweigert und war fortgefahren. Herr Jacobi notierte die Autonummer.

Als Hilfreich seinen Mandanten mit dem Akteninhalt konfrontierte, sagte dieser: »Der lügt. Der hat sich meine Autonummer notiert, ick hab ihm Name und Adresse genannt, die hat er sich notiert und det wars.« Hilfreichs Hinweis, dass er keinen Grund sehe, warum Herr Jacobi lügen sollte, konterte der Mandant: »Tja, det müssen Sie jetzt rauskriegen«

Es kam ein Strafbefehl über 500 DM. Der Anwalt legte Einspruch ein. Es kam zum Prozess. Herr Jacobi machte seine Aussage: »Wie ich schon der Polizei erzählte.....« Hilfreich versuchte petrocellihaft, den Zeugen in Widersprüche zu verwickeln, doch der bestand darauf, dass der Angeklagte sich geweigert habe, seinen Namen zu nennen.

Der Richter wurde ungehalten und drohte mit einer drastischen Strafe, worauf Herr Klein fragte, wofür er eigentlich einen Anwalt habe. Hilfreich beantragte eine Pause, um mit dem Mandanten zu reden. Der Richter wollte den Zeugen entlassen, schaute noch aufs Aktenvorblatt, und fragte dann den Angeklagten, ob er tatsächlich dieselbe Adresse habe wie sein Verteidiger. Herr Klein bejahte. Aber zur Tatzeit habe er noch in der Fidicinstraße gewohnt.

Und da kam Jens Hilfreich der rettende Gedanke: Vor seinem geistigen Auge tauchte ein Schmierzettel auf, den er sich kopiert hatte, und auf den er sich bisher keinen Reim hatte machen können. Er fragte den Zeugen: »In der Polizeiakte liegt ein Schmierzettel, auf dem steht die Autonummer des Herrn Klein und Nein Fitsch. Stammt der Zettel von Ihnen?« Der Zeuge nickte.

»Herr Zeuge, als Sie den Angeklagten baten, Ihnen seinen Namen zu nennen, was hat der Angeklagte geantwortet?« - »Nein.« - »Kann es sein, dass er »Klein« gesagt hat, und Sie haben »Nein« verstanden? Kann es sein, dass Sie ihn nach seiner Adresse gefragt haben, worauf er »Fidicin« sagte, und Sie haben »Fitsch« notiert?« Der Zeuge nickte.

Nun dämmerte es auch bei dem Richter. Er entschuldigte sich bei Jens Hilfreich und verkündete den Freispruch von Herrn Klein. •


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg