Kreuzberger Chronik
Juli 2015 - Ausgabe 171

Kreuzberger
Sabine Roth

Wie im Film. In einem Schlechten!


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von Sebastian, Schneider

Titelfoto: Dieter Peters

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Hätte Kurt Roth, als er am 10. Februar 1980 seine Tochter vom Ballett abholte, die Tanzlehrerin nicht gefragt, ob sie am Nachmittag schon etwas vorhabe, dann hätte sie diese ganze Geschichte womöglich nie erfahren. Dann wäre ihr Leben vielleicht ein guter Film geworden. Aber der Witwer sprach die viel jüngere Tanzlehrerin tatsächlich an. Sie antwortete, sie würde nach Hause fahren, kochen und dann mit ihrer Mutter zu Abend essen. So wie jeden Tag. Die beiden waren ein unzertrennliches Paar, Traudl und Sabine, von jenem Augenblick an, als die kleine Sabine im September 1955 die Augen aufschlug. Sie wohnten zusammen am Plan-ufer, fuhren im Sommer zusammen ins Tessin und an den Lago Majore, sogar die Tanzschule in Tempelhof betrieben sie später gemeinsam. Denn als Sabines Eltern sich 1960 trennten, beschloss Traudl, das Leben fortan mit ihrer Tochter zu verbringen. »Die Männer«, sagte Traudl Landmann, »taugen alle nichts.«

Dennoch ließ sich Sabine von Kurt Roth zu einem Spaziergang in den Grunewald überreden, wo ihr der Witwer gestand, dass er es noch einmal wagen wolle. Dass er ein neues Leben beginnen wolle. Mit ihr. Inzwischen ist auch das zweite Leben des Kurt Roth beendet. Die Witwe Roth aber geht noch immer an jedem 10. Februar im Grunewald spazieren. Sie ist ihm dankbar. Ohne Kurt wäre sie vielleicht ein Leben lang an der Seite der Mutter geblieben, »Kurt hat mich da rausgeholt.«

Kurt war der Leiter des Postmuseums und eine eindrucksvolle Erscheinung. Aber auch Traudl Landmann war eine Respektsperson. Sie war gleich nach dem Krieg als junges Mädchen in die Stadt gekommen. Um Arbeit zu finden, ging sie ins Kreuzberger Rathaus, zu diesem Bürgermeister, von dem erzählt wurde, dass sein Arbeitszimmer für jeden Bürger offen stünde. Willy Kressmann war eine Legende, als er 1986 starb, titelte die Bildzeitung: »Kreuzbergs alter Bürgermeister Texas-Willy, Blutsturz, tot.« Traudl Landmann hatte Glück. Texas-Willy fand Verwendung für die junge Frau, viele Jahre lang organisierte sie für den Bezirk die »Kreuzberger Festlichen Tage« im Viktoriapark. Immer wieder sah man sie an der Seite des Bürgermeisters.


Foto: Privat
Mit welchem Wortlaut Kurt nach vielen Spaziergängen und Tanzabenden bei der Mutter um die Hand der Tochter anhielt, wird nicht erzählt. Sicher ist, dass sich die ehemalige Sekretärin des Bürgermeisters ein Leben an der Seite ihrer Tochter anders vorgestellt hatte und nicht erfreut war über den älteren Herren, der da plötzlich vor ihr stand. »Und dann«, erzählt Sabine Roth, »hat Kurt ihr wohl gesagt, er würde mich allerdings nur heiraten, wenn sie endlich sagen würde, wer mein wirklicher Vater ist.«

Zehn Zentimeter dick ist die Akte, die Kurt Roth über den vermeintlichen Vater seiner Frau zusammengetragen hat, eine Akte voller Zeitungsabschnitte, Fotografien und Protokolle. Ein Beweis dafür, dass dieser Mann der Vater seiner Frau war, fand sich dennoch nie. Vielleicht war es der Forscherinstinkt im Museumsdirektor, vielleicht eine kriminalistische Leidenschaft, vielleicht nur eine ökonomische Überlegung, die ihn so unermüdlich zu Recherchen antrieb. Vielleicht aber war es auch nur diese unvergessliche Schlüsselszene. »Das war wie im Film.«, sagt Sabine Roth. »Noch dazu in einem schlechten.«

Die Schlüsselszene in diesem Film ist die märchenhafteste, unwahrscheinlichste von allen, die Sabine Roth erzählt: Sie schreitet mit Kurt, ihrem Verlobten, einen langen Gang entlang. Es ist ein abendlicher Empfang, ein Auszug der städtischen Prominenz ist versammelt, man trägt eine vornehme Garderobe. Da kommt ihnen plötzlich dieses Paar entgegen, eine blonde Frau neben einem großen, stattlichen Mann mit buschigen Augenbrauen. Als Sabine Roth diesen Mann sieht, sagt sie: »Das ist mein Vater!« – Kurt sagt: »Nein, das ist Willy Kressmann, der ehemalige Bürgermeister.« Die beiden Paare kommen einander näher, wie in Zeitlupe spielt sich diese Szene ab, so, als wäre es ein sehr langer Weg gewesen für Sabine Roth bis hierher, und dann stehen sie voreinander, und der Mann mit den buschigen Augenbrauen sagt: »Sie sind eine geborene Landmann, richtig? Ihre Mutter war die einzige Frau, die ich je geliebt habe.«

Sabine Roth hat diese Szene nicht oft erzählt. Sie ist wirklich wie aus einem schlechten Film. Die Zuhörer glauben ihr nicht, stellen Fragen: Wie sie denn so plötzlich darauf gekommen sei, dass das ihr Vater sei? Ob sie vorher schon einen Verdacht gehabt habe, dass Werner Schröter nicht ihr leiblicher Vater sei? Und natürlich: Ob sie Texas-Willy gekannt hätte?

Natürlich kannte sie Texas-Willy! Jedes Kind hatte Texas-Willy gekannt, der Name war immer wieder gefallen. Aber nie hatte die Mutter der Tochter diese Zeitungsartikel gezeigt, in denen sie und Kressmann zu sehen waren, nie hatte sie eine Andeutung darüber gemacht, dass sie mehr gewesen sein könnte als nur die Sekretärin des Bürgermeisters von Kreuzberg.

Die zweite Szene in Sabine Roths Film spielt auf einem Kreuzfahrtschiff, im Herbst 1982. Der Zufall - oder das Drehbuch - will, dass Kressmann und seine Gattin auf demselben Schiff in den Urlaub reisen, auf dem Sabine und Kurt gerade ihre Flitterwochen verbringen. Der Kapitän platziert die beiden Berliner Paare an einem Tisch, aber Kressmann begegnet der jungen Frau mit vornehmer Zurückhaltung. Immer, wenn das jung vermählte Paar an seinen Tisch tritt, erhebt er sich, um der Braut die Hand zu küssen. Sie ist enttäuscht von ihm, und eines Abends zieht sie die Hand zurück und sagt: »Ich möchte keine Handküsse von Dir!«

Sabine Roth wollte mehr. Sie wollte eine Aussprache. »Ich wollte wissen, wo ich herkam.« Aber das klärende Gespräch fand nie statt. Auch Kurt Roth kam mit seinen Recherchen nicht weiter. Der Verdacht, Werner Schröter sei nicht Sabines Vater, und Kressmann habe ihm einen lukrativen Posten versprochen, damit er die Geliebte Kressmanns heirat und für ihren Unterhalt sorgen könne, gründet sich allein auf die Andeutungen von Sabines Mutter. Andeutungen wie: »Es war ja auch weniger auffällig, wenn eine verheiratete Frau im Zimmer des Bürgermeisters ein- und ausging.«

Als Kurt Roth eines Tages erfuhr, dass Schröter anlässlich der Scheidung auf einem Vaterschaftstest bestanden hatte, kam es zu einer Szene, die aus einer Seifenoper im Vorabendprogramm stammen könnte: Kurt Roth betritt die Kanzlei jenes Rechtsanwaltes, bei dem die Ergebnisse des Vaterschaftstestes liegen müssen. Doch der Anwalt gewährt dem forschenden Museumsleiter keinen Einblick in die Akten. Es kommt zum Streit zwischen den Männern, der Museumsdirektor wird aus der Kanzlei geworfen.

Wahrscheinlich hätte Sabine Roth lieber die Hauptrolle in einem anderen Film gespielt. Aber das Leben ist kein Kino, in dem man sich die Filme aussuchen kann. Und je mehr Sabine Roth sich mit der Frage beschäftigte, ob Kressmann nun ihr Vater war oder nicht, um so lauter wurden die Spekulationen über eine Erbschleicherin. Es kam zu einer unschönen Szene, als Sabine Roth eines Tages auf die leibliche Tochter Schröters traf. Die vermeintliche Halbschwester sagt es ihr in aller Klarheit ins Gesicht: »Ich möchte dich nie wieder sehen. Wenn ich dich ansehe, sehe ich meinen Vater, der ein Leben lang für dich gezahlt hat, und ich sehe deinen leibhaftigen Vater, der das alles so eingefädelt hat.«

Sabine Roth hat es nicht leicht gehabt. Sie war eine begabte Balletttänzerin und Schülerin der Choreografin Tatjana Gsovsky an der Deutschen Oper, als der Arzt sagte, dass sie mit dem Tanzen aufhören müsse. Also übernahm sie die kleine Tanzschule in den Baracken am Flughafen Tempelhof, in der sie selbst einst ihre ersten Tanzschritte geübt hatte. Schritte, mit denen sie durchs Leben hätte fliegen können. Nun gab sie nur noch ein paar Stunden Unterricht in der Woche, um sich das Studium finanzieren. Doch dann verselbstständigte sich das Tanzunternehmen, der Kreis ihrer Schülerinnen wurde immer größer, die Schule zu ihrem Lebensinhalt. Erst kürzlich ist sie von Tempelhof zurück nach Kreuzberg gezogen, in jenen Bezirk, in dem sie mit der Mutter ihre Kindheit und ihre Jugend verbracht hat. 300 Schüler- innen sind es, die inzwischen zu ihr in die Bergmannstraße kommen.

Mit der Mutter, 1955
Mit ihrem Mann, 1982
Ganz offiziell: Kressmann und Landmann
Vielleicht ist die Bergmannstraße die Wende in dieser Filmgeschichte. In der Marheinekehalle war es, wo der Kurator einer Ausstellung zu Ehren des legendären Bürgermeisters Sabine Roth als »die Tochter Willy Kressmanns« begrüßte. Einer von Kressmanns Nachfolgern, der Bezirksbürgermeister König, nahm die junge Frau in den Arm und sagte: »Na endlich lerne ich Sie kennen!« Sabine Roth freute sich über die späte Anerkennung. Vielleicht wird sie eines Tages doch noch in die Geschichtsbücher eingehen.

Aber es hat zu lange gedauert, bis ihr jemand Glauben schenkte. Fast ein ganzes Leben hat es gedauert. Es war zermürbend. Selbst Kressmann hatte seine Zweifel gehabt. Es gibt da noch eine kleine Szene vor der großen Schlussszene, sie spielt in Kressmanns Wohnung Biggy Kressmann, die letzte Frau Kressmanns, war gestorben, und Sabine Roth war zu Besuch. Irgendwann, ganz unvermittelt und unsicher, fragt er: »Bist du`s?« – Und Sabine sagt: »Ja, ich bins.« – Und noch so eine unglaubliche Szene gibt es da. Eine unvergessliche, etwas peinliche Szene: Willy gibt ihr ein Kuvert mit 500 Mark. »Für die Kinder. Ich mache alles wieder gut.«

Manchmal, wenn ihr diese ganze Geschichte so durch den Kopf geht, hat sie Tränen in den Augen. Vor allem am Schluss. Die Bildzeitung schrieb, Kressmann sei letzten 24 Stunden seines Lebens nicht mehr bei Bewusstsein gewesen. Im Film aber stirbt Kressmann einen Hollywoodtod, da endet die Geschichte versöhnlich: Der Arzt greift zum Telefon. Er wählt die Nummer von Sabine Roth. Er sagt: Ihrem Vater geht es nicht gut. Schnitt. In der nächsten Szene sitzt die Tochter am Krankenbett im Martin-Luther-Krankenhaus und hält die Hand ihres Vaters. Sie sprechen nicht viel. Einmal fragt sie: »Soll ich jemanden benachrichtigen?« Er schüttelt den Kopf: »Nein, lass uns alleine bleiben.« Acht Stunden sitzt sie so bei ihm. Der Arzt kommt herein und sagt: »Gehen Sie doch nach Hause und schlafen ein bisschen. Er schläft doch jetzt auch.« Sie schließt die Tür und geht.

Sie ist, sagt sie, die letzte gewesen, die an seiner Seite war. Im Augenwinkel von Sabine Roth glänzt eine einsame Träne. Es ist tatsächlich wie in einem Film. Sie hätte lieber eine ganz andere Geschichte erzählt, und natürlich gäbe es noch viele andere Geschichten. Aber diese hat sie nun fast ein ganzes Leben lang beschäftigt. Diese Geschichte musste jetzt endlich einmal erzählt werden. •




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