Kreuzberger Chronik
Juli 2015 - Ausgabe 171

Essen, Trinken, Rauchen

Sas glaubt, sie ist in Deli


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von Saskia Vogel

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Der Laden sei neumodischer Firlefanz, hatte eine Freundin gesagt. Aber Firlefanz kann Sas keinen entdecken. Keine Räucherstäbchen, keine Kaschmirvorhänge, kein indischer Elefantengott. Dafür steht ein Lonely Planet Reiseführer im Bücherregal.

Neu Delhi und seine Agglomerate, das ist die Megametropole Indiens, laut und schmutzig. Liest Sas im Reiseführer nach. Nicht im Reiseführer steht, was eigentlich »Deli« bedeutet. Erst recht nicht, was »New Deli Yoga« bedeutet. Allerdings ist Sas schon klar, dass »Deli« ein neues Kreuzberger Schlagwort ist. Was gestern noch eine Bar oder ein Café war, ist heute ein »Deli«.

Die Speisekarte im »New Deli Yoga« bleibt für Sas dennoch ein Rätsel. »The full Deli« ist im Angebot. Das wäre dann ein Rührei. Ohne Schinken, denn Elefantengötter leben vegetarisch-vegan. Außerdem »Aloo Chaat« (Hallo Katze!) – ein indisches Currygericht. Um das nächste Gericht zu verstehen, muss Sas nicht nur Hindi, sondern auch noch Englisch sprechen. In ihren »Superwoman« Smoothie mit Grünzeug und Spinat könnte sie diverse Extras, darunter »Wheatgrass« mixen lassen. Doch sie traut sich nicht. Superwoman kennt »Supplements« wie Weizengras und »Spirulina« leider nicht. Später erfährt Superwoman: »Spirulina« sind Blaualgen, Nahrungsergänzung und Superfood.

Sas ist eigentlich gar nicht Superwoman, sondern Supermommy. Sie hat ihr Baby auch immer dabei. Sie will es gerade auf den Fußboden legen, da leiht ihr das hilfsbereite Tresenmädchen eine Yoga-Matte. Das Tresenmädchen trägt keinen Sari, sondern Jeans und Bluse. Immerhin! Das Baby nimmt glücklich sofort die Happy-Baby-Pose ein, Füßchen und Ärmchen in die Luft. Dann rollt es sich auf den Bauch und hebt die Brust. Die »Kobra«! Babies, lernt Sas, würden intuitiv die Asanas einnehmen. Die »Asanas«, das weiß Sas schon, sind Yoga- Positionen.

Und »Deli« ist die Abkürzung für Delikatessen. Ein »Deli«, das ist im angloamerikanischen Raum ein Feinkostgeschäft mit integriertem Imbiss. Das Kreuzberger »New Deli Yoga« dagegen ist ein Imbiss mit integriertem Studio. Viermal in der Woche bieten die Köchinnen Yogastunden an. Am frühen Morgen und am späten Abend. Kostenlos. Nicht einmal um Spenden wird gebeten. Sas findet das allerdings erstaunlich. Yoga ist teuer in einer Stadt wie Berlin. Aber das Tresenmädchen sagt: »We want to bring Yoga to the people!«

Mag ja sein, denkt Sas, dass das alles neumodischer Firlefanz ist: Drink, Eat and Feel, Smoothies, Deli. Dass all diese Fremdworte, diese exotischen Klänge den Appetit anregen und Neugierde wecken sollen. Damit man noch einen Smoothie mehr verkauft. Aber so lange es Yoga umsonst gibt, seien ihnen all die Anglizismen verziehen. •




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